Wenn Basketballer mit einer Schere und einer Leiter zu Werke gehen, ist meistens etwas Triumphales passiert. Ivan Kharchenkov schnippelte vergangenes Wochenende im kalifornischen San José an der Korbanlage des SAP Centers herum, das Netz musste ab. Ein Brauch, den Spieler nur zu gern pflegen nach wichtigen Siegen. Kharchenkov, 19, und sein Uni-Team der Arizona Wildcats hatten beim „Elite Eight“-Turnier den Einzug ins „Final Four“ des College-Basketballs geschafft – unter kräftiger Mithilfe des Münchners. 18 Punkte, acht Rebounds gegen die Purdue Boilermakers, ausgezeichnete Zahlen waren das im Irrsinn der sogenannten „March Madness“. Es ist jene Phase, in der weitaus mehr Amerikaner Studenten beim Sport zuschauen als den Profis in der NBA.
Wobei das mit dem Profitum so eine Sache ist, denn: Neuerdings dürfen sich auch Basketballer wie Kharchenkov, ausgebildet beim FC Bayern und deutscher Nationalspieler, als Berufssportler fühlen, obwohl sie noch an der Uni sind. Sportlich gilt das an den längst professionell geführten Standorten der College-Liga NCAA ohnehin, doch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA ermöglicht Athleten nun auch eine üppige Vergütung. Es ist eine Revolution, die insbesondere seit der laufenden Saison neue Ausmaße annimmt.
Und mittendrin eine Reihe deutscher Talente, die dem Weltmeisterland Deutschland mit seiner überschaubar zahlungskräftigen Bundesliga (BBL) abhandengekommen sind. Spieler wie der Würzburger Hannes Steinbach (19, University of Washington), der als kommender NBA-Mann gilt. Oder Eric Reibe (19, University of Connecticut), der ebenfalls im Final Four steht. Oder Kharchenkov, der mit seinem Team am Samstag im Halbfinale auf Michigan trifft. Junge Spieler, die fürs Abenteuer ins Basketball-Mutterland gewechselt sind. Aber offensichtlich auch zum Geldverdienen.
Die vielleicht bedeutendsten Abenteurer des College-Basketballs sind die Michigan Wolverines, nächster Gegner von Kharchenkov. Ihren aktuellen Jahrgang sehen manche als besten ihrer Uni-Geschichte – was angesichts von 118 Jahren Basketball an der University of Michigan und Absolventen wie Chris Webber oder den deutschen Wagner-Brüdern Franz und Moritz forsch klingt. Nur: Was bedeutet Historie noch in einem Wettbewerb, in dem nichts mehr so ist, wie es mal war? Vereinfacht ausgedrückt, galt beim Zusammenspiel zwischen Studenten und College jahrzehntelang, dass fähige Sportler der Uni zu Ruhm und Ehre verhelfen und für diese außerschulischen Mühen ein Stipendium erhalten. An einem der 365 sogenannten „Division-1-Colleges“ ist das viel wert: Auserwählte sparen sich so in vier Universitätsjahren etwa 400 000 Dollar Studiengebühren.
Die Unis verdienen mit im US-Basketball – und sie zahlen ihren Studenten nun enorme Gehälter
Es ist, wie alles in Amerika, auch ein Geschäft. Die Unis verdienen ihrerseits nämlich ordentlich mit. 11,8 Milliarden Dollar nahmen die D1-Unis 2024 an „athletics-related revenue“ ein, für Tickets, Fanartikel und Übertragungsrechte. Plus Förder- und Sponsorengelder, womit der Umsatz bei 19 Milliarden Dollar lag. Zum Vergleich: Die deutsche Fußballbundesliga setzt 6,33 Milliarden Euro um. Aus diesem Geldregen ergab sich eine nachvollziehbare Frage der Sportstudierenden, die sich zur Sammelklage ausweitete: Kriegen wir auch was ab? Die Antwort des Supreme Courts lautete 2021: Ja, für die sogenannten „NIL“-Rechte. NIL steht für „Name, Image, Likeness“. Diese Vermarktungskriterien erlauben nun seit 2025 den Athleten das Geldverdienen mit der eigenen Marke und verlangen den Colleges eine Bezahlung für deren sportliche Dienste ab. Eine Umfrage der New York Times unter Basketballtrainern ergab: Sowohl Arizona als auch Michigan dürften jährlich etwa 8,5 Millionen Dollar an Gehältern ausgeben. Eine Summe, die weit über dem Personalbudget vieler Basketball-Bundesligisten liegt.

NIL umfasst aber auch Werberechte, was enorme Summen generiert. Gerade während der March Madness, wenn Spieler mitunter zu Berühmtheiten heranwachsen. Das heutige NBA-Wunderkind Cooper Flagg zum Beispiel bekam in seiner einzigen Uni-Saison in Duke sagenhafte 28 Millionen Dollar. Das College-Spektakel ist für die Akteure zur lukrativen Bühne geworden, sie empfehlen sich nicht mehr nur für die NBA oder eine Profiliga in Übersee. Wie in manch anderer Profiliga kassieren sie nun ab, so wie Kharchenkov, der in dieser Saison mehr als eine Million Dollar einnehmen soll: mittlerer sechsstelliger Betrag von der University of Arizona plus Eigenvermarktung. Etwa durch Verkäufe von Kharchenkov-Shirts für 110 Dollar, derzeit im Wildcats-Fanshop erhältlich.
Gut für die Spieler, aber gleichzeitig ein Problem für den deutschen Basketball, der einen Exodus seiner Talente beklagt. „Der Jugendbasketball in Europa ist unter Beschuss durch die NCAA. Was momentan passiert, ist katastrophal“, sagte im vergangenen Sommer der aus dem Amt geschiedene FC-Bayern-Geschäftsführer Marko Pesic im Podcast Open Court. Kharchenkov etwa hatte vor seinem Sprung über den Atlantik zuerst in Landsberg in der Jugend gespielt und danach sieben Jahre in den Nachwuchsteams und schließlich bei den Profis des FC Bayern. Im vergangenen Sommer wechselte er ablösefrei nach Arizona. In München blieb die Erkenntnis zurück, dass sich die jahrelange Förderung nicht gelohnt hat.
Dieser Zustand sei „ganz klar“ besorgniserregend, fand auch Bayern-Präsident Herbert Hainer in einem Interview mit dem Münchner Merkur. „Es macht keinen Sinn, dass wir viel Geld in die Hand nehmen, um die Spieler auszubilden – nur damit sie dann mit 18 gehen und wir keinerlei Entschädigung erhalten“. Man sei deshalb in Gesprächen mit dem Weltverband Fiba, um eine Aufwandsentschädigung zu erwirken, bisher aber ohne Ergebnis. Ähnliche Klagen sind auch aus Berlin oder Ulm zu vernehmen. Und es offenbart sich ein weiteres Problem. Wenn auch künftig weniger deutsche Talente in der BBL verbleiben, wird es für die Klubs immer schwieriger, die sogenannte 6+6-Regel einzuhalten. Sie besagt, dass im Zwölf-Mann-Kader eines BBL-Spiels immer mindestens sechs Deutsche stehen müssen. Bei den Bayern gelingt das dank Weltmeistern wie Johannes Voigtmann, Andreas Obst oder Niels Giffey noch. Aber anderswo ist zu befürchten, dass es Vereinen ergeht wie der Korbanlage in San José: Dann fehlen entscheidende Teile für guten Basketball.


