Basketball:Leere

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GER, Crailsheim, Arena Hohenlohe, 14.11.2021, emspor, emonline, despor, deonline, HAKRO Merlins Crailsheim vs. s.Oliver

Der zweite Abschied an einem Tag: Würzburgs Trainer Denis Wucherer, hier mit Desi Rodriguez, ist entlassen.

(Foto: Julien Becker/HMB-Media/imago)

Der Hauptsponsor steigt aus, Trainer Denis Wucherer muss gehen: Würzburgs Basketball stürzt ins Ungewisse. Geht es jetzt um alles? Beobachtungen rund um einen aufgewühlten Klub.

Von Sebastian Leisgang

Steffen Liebler sagt es eher beiläufig, dabei ist es doch gerade dieses Wort, das den Kern berührt - jetzt, da bei den Würzburger Basketballern eine ganze Menge in Frage steht.

Also: Was ist es, was ihn in den vergangenen Wochen so nachdenklich gestimmt hat? Was hat ihn zweifeln lassen? Liebler redet erst über das 68:83 in Ludwigsburg, dann sagt er noch ein paar Sätze zu diesem 86:87 gegen Braunschweig, bevor er das Entscheidende ausspricht. Der Geschäftsführer der Würzburger Bundesliga-Basketballer sagt: "Die Leere." Liebler meint die Kraftlosigkeit gegen Ludwigsburg, diese Trägheit gegen Braunschweig - er klingt aber so, als spreche er über das große Ganze.

Es ist ja eine ziemliche Leere, die Lieblers Klub gerade umgibt. Seit Anfang November taumelt die Mannschaft von Niederlage zu Niederlage, die Situation wird immer prekärer, und zu Wochenbeginn ist Würzburg auch noch von dieser Nachricht überwältigt worden: Zum Ende der Saison macht s.Oliver Schluss. Nach zwölf Jahren will das Modeunternehmen nicht mehr Hauptsponsor und Namensgeber sein - es ist eine Mitteilung, die Würzburgs Basketball am Montag in Wallung versetzt hat, ebenso wie nur ein paar Stunden später eine zweite Mitteilung: Die Zeit des Trainers ist abgelaufen, Denis Wucherer muss gehen.

In seinen dreieinhalb Jahren als Würzburger Coach hat er zwar einiges bewegt, doch jetzt, da Liebler einen neuen Trainer sucht, da sind die Einschnitte derart tief, dass die Frage nicht lautet: Wer kommt? Sondern, noch weiter reichend, weil es jetzt um so viel mehr geht: Was kommt?

Ein Ausflug in den südlichen Teil der Stadt, dorthin, wo die Basketballer ihre Spiele austragen. Montagabend, Nieselregen, vor der Halle ist es dunkel geworden. Die Laternen beleuchten den Hof nur spärlich, an der Stettiner Straße wird ein Laster ausgeladen, am Eingang der Halle steht in roten Buchstaben auf gelbem Grund: s.Oliver Arena.

"Es ist ein sehr großer Einschnitt, weil wir unseren mit Abstand größten Partner verlieren", sagt Geschäftsführer Liebler

Im ersten Stock der Halle sind zwar ein paar Leute zu sehen, beleuchtet ist der Schriftzug aber nicht. Hundert Meter weiter macht sich eine Straßenbahn auf den Weg, Linie 4, es ist die Strecke ans andere Ende der Stadt, dorthin, wo die Basketballer ihre Trainingseinheiten abhalten. Es ist kalt und düster an diesem Abend, an der Haltestelle hängt das Plakat einer Kunstausstellung: "New Order. Über Kunst und Ordnung in ungewissen Zeiten." New Order, ungewisse Zeiten, es ist eine Zeile, die im Großen wie im Kleinen gilt. Im Großen, weil das Virus Strukturen aufbricht und auch nach fast zwei Jahren vieles im Vagen lässt - im Kleinen, weil es auch dem Würzburger Basketball seit Wochenbeginn vor allem an zwei Dingen fehlt: Ordnung und Gewissheit.

Was passiert jetzt? Geht's um alles?

Die Frage, ob Bundesliga-Basketball in Würzburg auch ohne s.Oliver denkbar ist, lenkt den Blick noch einmal in die vergangene Saison. Die Pandemie hatte derart drastische Folgen, dass der Etat um die Hälfte einbrach. Bevor das Virus kam, war der Weg nach oben vorgezeichnet, Würzburg stand im Endspiel eines europäischen Wettbewerbs, die Playoffs waren zum Greifen nah, doch dann war es nur noch ein Leben am Existenzminimum. Die besten Spieler verabschiedeten sich, Wucherer und Liebler mussten bei Null beginnen, auf einmal ging es nur noch darum, irgendwie zwei Mannschaften in der Tabelle hinter sich zu lassen. Dass das am Ende gelang, war zwar nicht selbstverständlich, hatte aber auch damit zu tun, dass die Pandemie anderen noch mehr zu schaffen machte.

Jetzt sagt Liebler zum Rückzug des Hauptsponsors: "Es ist eine große Herausforderung, das auch nur annähernd aufzufangen." Wie anspruchsvoll die Aufgabe wird, zeigt sich ja nicht nur daran, dass s.Oliver den Basketballern ihren Namen gibt - dem Vernehmen nach stellt das Modeunternehmen auch knapp ein Drittel des Etats bereit. Zur Größenordnung will sich Liebler zwar nicht äußern, er sagt aber: "Es ist ein sehr großer Einschnitt, weil wir unseren mit Abstand größten Partner verlieren."

Der Ausstieg hat Liebler ziemlich unvorbereitet getroffen. Auch deshalb hat das Ganze eine derartige Wucht

Im Gespräch kommt Liebler ziemlich abgeklärt daher. Würzburgs Geschäftsführer spricht mit ruhiger Stimme, er lässt nichts durchblicken, nicht mal zwischen den Zeilen, doch es braucht nicht allzu viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, dass er die Nachricht vom Aus des Hauptsponsors nicht einfach so abstreift. "Ich hatte schon schönere Tage", sagt Liebler.

Man kann sich denken, dass er gerne ganz andere Worte in den Mund nehmen würde, denn es hat ihn ziemlich unvorbereitet getroffen, dass s.Oliver aussteigt. Auch deshalb hat das Ganze eine derartige Wucht. "Ich weiß selbst erst seit kurzem davon", sagt Liebler, "natürlich war mir klar, dass die Situation durch Corona auch für s.Oliver nicht ohne ist, aber es war nie konkret, dass sie den Vertrag nicht verlängern."

Das ist nun der Fall, zumindest in diesem Punkt hat der Klub Gewissheit. Jetzt muss Liebler schon wieder Antworten auf große und grundsätzliche Fragen finden. Seit Montag lautet die größte aller Fragen: Hat Bundesliga-Basketball in Würzburg eine Zukunft? Die Antwort ist weder heute noch morgen zu geben - zu überwältigend war es, was da am Montag die Runde gemacht hat.

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