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Basketball:In allem hinterher

Der neue Trainer des FC Bayern setzt auf schnelles Spiel und gute Stimmung. Doch erst mal ist das Team in der Euroleague auf den letzten Platz abgerutscht.

"Mann Leute, diese zwei Tage, ich kann euch sagen, da war was los." Oliver Kostic hatte das gesagt, als er sich erstmals als neuer Cheftrainer der Basketballer des FC Bayern mitteilte. Zahllose Glückwünsche hätte er erhalten, nachdem er vom Assistenten zum Chefcoach befördert wurde. Und auch jetzt darf man davon ausgehen, dass gerade einiges los war im Berufsleben des 41-Jährigen, freilich dürften die jüngsten Mitteilungen weniger erfreulich ausgefallen sein. Erst seit etwas mehr als zwei Wochen hat Kostic die hierzulande begehrteste Arbeitsstelle in diesem Sport inne, doch die Zeit reichte für einen wilden Ritt durch alle möglichen unangenehmen Befindlichkeiten eines Trainers. Denn bislang ist die Trainerzeit des Serben von Misserfolgen geprägt.

Vier Niederlagen haben die Bayern seither kassiert, zuletzt auch die erste in der Basketball-Bundesliga (BBL). Das kraftlose 74:81 bei Verfolger Ludwigsburg kennzeichnet den bisherigen Tiefpunkt in einer Saison, die neben der Titelverteidigung auch den Anschluss an die internationale Elite bringen sollte. In der BBL bleibt der deutsche Meister trotz der ersten Pleite erster Titelanwärter, in der Euroleague ist das bisherige Abschneiden ein Desaster. Denn die Münchner sind auf den letzten Platz in der 18er-Liga gestürzt, können aber an diesem Donnerstag im Heimspiel gegen den Tabellendritten Tel Aviv (20.30 Uhr) die miserable Zwischenbilanz aufhübschen. Ein schweres Unterfangen gegen einen der Titelkandidaten, zumal die Art und Weise, wie das Gros der bislang 14 Niederlagen (bei 20 Spielen) zustande kam, wenig Hoffnug verbreitet.

MHP Riesen Ludwigsburg - FC Bayern München

Sah ein kraftlosen Auftritt gegen Verfolger Ludwigsburg: Bayern-Trainer Oliver Kostic

(Foto: Thomas Kienzle/dpa)

Auch der erhoffte Effekt des Trainerwechsels von Dejan Radonjic zu Kostic scheint bereits verpufft, bei der Heimniederlage gegen Titelverteidiger ZSKA Moskau immerhin hätten die Münchner ein zur Halbzeit verloren geglaubtes Spiel beinahe gedreht. Doch die folgenden Partien bei Panathinaikos Athen und Olympiakos Piräus gingen wieder deutlich verloren, gefolgt von der Ludwigsburg-Pleite. Dabei waren die alten Schwächen zutage getreten: Im Reboundspiel ist nur Fenerbahce Istanbul schwächer, auch in Sachen Ballverluste ist der FCB das zweitschlechteste Euroleague-Team. Wer die Statistiken bemüht, wird bei den Münchnern wenig Aufbauendes finden, in nahezu allen Sparten läuft der deutsche Meister hinterher. Dabei hatten die Verantwortlichen bei der Kaderzusammenstellung vornehmlich das schwache Reboundspiel im Auge: Center Greg Monroe wurde direkt aus der NBA verpflichtet, ihm wurde in Mathias Lessort ein französischer Nationalspieler zur Seite gestellt. Zudem kamen in Joshua Huestis und Paul Zipser weitere NBA-erfahrene Kräfte hinzu, das Gros der Euroleague-Stammkräfte um Vladimir Lucic und Nihad Djedovic wurde gehalten. Während Monroe mit konstant ordentlichen Leistungen die Erwartungen erfüllt, kann dies für viele Kollegen im edel besetzten Kader nicht gelten.

Mit einem Etat, der sich dem Vernehmen nach um die 23 Millionen Euro bewegt, sind die Bayern im Mittelfeld der Konkurrenz einzuordnen, auch nominell darf man das behaupten. Muss man Niederlagen gegen Teams wie Moskau, Barcelona oder Efes Istanbul, deren Etats fast doppelt so hoch sind, einkalkulieren, sind Abreibungen gegen Piräus oder Belgrad umso ärgerlicher. Besonders bitter ist die Tatsache, dass der BBL-Konkurrent Berlin trotz klar bescheidenerer finanzieller Möglichkeiten international vorbeigezogen ist. Alba ist vier Plätze besser, hat zuletzt in Piräus und Belgrad gewonnen.

BAU// 19.01.2020 Ludwigsburg Basketball MHP Riesen Ludwigsburg vs. Bayern München, v.l. Greg Monroe (Bayern), Tanner Le

Nun sogar in der Liga angreifbar: Münchens Greg Monroe wird von Ludwigsburgs Tanner Leissner bedrängt.

(Foto: Julia Rahn/imago)

Dennoch weigern sich die FCB-Verantwortlichen beharrlich, von einer Krise zu sprechen, sie setzen weiter auf den Schwung der Trainerpersonalie. Kostic ist im Gegensatz zu Vorgänger Dejan Radonjic ein kommunikativer Coach, Typ Spieler-Versteher: "Die Jungs verbringen mehr Zeit mit dem Team als mit ihren Familien, da sind Gespräche und gute Stimmung elementar." Auch will der Serbe den kontrollierten, oft behäbigen und defensiv orientierten Spielstil des Vorgängers zu einem schnellen, aggressiven und risikoreichen Basketball verändern. Immerhin sprechen die Spieler davon, dass die Arbeit wieder mehr Spaß bringe, freilich sollten sie dies schnell mit Ergebnissen unterfüttern.

Geschäftsführer Marko Pesic erinnert daran, dass ein paar Siege das Euroleague-Ranking schnell verändern könnten, doch die angestrebte K.-o.-Runde ist vier Siege entfernt. Zwar hat das Team etwa mit dem Sieg gegen Real Madrid gezeigt, dass es zu großen Leistungen in der Lage ist - aber auch das Gegenteil , wie jüngst in Ludwigsburg. Wer beobachtet hat, wie der 1,88 Meter große Ludwigsburger Marcos Knight, ein Guard, der von der Euroleague nur träumen kann, sich zwischen Zipser (2,03) und Huestis (2,01) den Rebound schnappte, muss Zweifel an einer Aufholjagd in der europäischen Königsklasse hegen.

Dennoch setzen die Bayern trotz der nicht enden wollenden Verletztenmisere und des brutalen Spielplans auf das Prinzip Hoffnung, Neuverpflichtungen sind kein Thema - zumal in T. J. Bray der etatmäßige Spielmacher zurückgekehrt ist. In Vollbesitz der Kräfte werde die Konkurrenz der Münchner bald sehen, dass der Kader viel besser ist, als es derzeit scheint. "In unserer Situation kannst du nur weiter arbeiten und an dich glauben", sagt Trainer Oliver Kostic, er erbittet also Zeit. Die bekommt er, wie Marko Pesic kürzlich untermauerte: "Wir suchen keinen Trainer, wir haben einen."

© SZ vom 23.01.2020
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