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Basketball:Harte Strafe für das Rumpelstilzchen

Head Coach Andrea Trinchieri (FC Bayern), FC Bayern Basketball vs. Olympiacos Piraeus, Basketball, Euroleague, 23.10.20

Ist es zu fassen? Andrea Trinchieri fehlte seinem Team.

(Foto: Ulrich Gamel/imago)

Die Mannschaft des FC Bayern München verliert in der Euroleague bei Real Madrid. Trainer Trinchieri wird früh der Halle verwiesen.

Von Ralf Tögel

Man kennt die Geschichten zur Genüge: Andrea Trinchieri, der italienische Trainer-Vulkan, der impulsive Südländer, dem schon mal die Sicherungen durchbrennen, der sein Personal noch am Spielfeldrand zusammenstaucht, ein Basketball-Rumpelstilzchen im feinen Zwirn, das sich über jede Schiedsrichterentscheidung ereifert. Man könnte es auch so sehen: ein Coach, der für seinen Sport brennt, ihn mit Leidenschaft erfüllt, den Basketball lebt, kurz: ein Typ.

Man muss den 52-Jährigen nun keinesfalls in Schutz nehmen, er schießt beim Coaching schon mal über das Ziel hinaus, aber was ihm am späten Freitagabend in Madrid widerfahren ist, bedarf doch einer kleinen Nachbetrachtung. Bekanntlich hatte der FC Bayern, dessen Trainer Trinchieri seit dieser Saison ist, dort am sechsten Euroleague-Spieltag bei Real Madrid anzutreten. Selten vorher war eine Münchner Auswahl mit derart guten Chancen angereist. Der FCB war mit 4:1 Siegen Tabellenführer, Madrid mit einer 1:4-Bilanz Drittletzter. Gerade mal 3:24 Minuten waren gespielt, da schritt Schiedsrichter Luigi Lamonica auf seinen Landsmann zu. Trinchieri hatte einen Foulpfiff mit einem Kraftausdruck kommentiert, wofür er ein Technisches Foul kassierte. Weil er diesen offenbar zweimal gesagt hatte, bekam er ein zweites obendrauf und musste die Halle verlassen. Eine vom Regelwerk gedeckte Entscheidung, sicher, die aber wenig Fingerspitzengefühl offenbarte. Ein Technisches Foul hätte nicht nur nach Ansicht rot gewandeter Beobachter in diesem Fall genügt. So aber machte sich Trinchieri konsterniert von dannen, er wollte auch tags darauf nichts zu dem Vorgang sagen.

Wohl in dem Wissen, dass er seiner Mannschaft einen Bärendienst erwiesen hatte, die das Spiel auch deutlich mit 82:100 Punkten verlor. Was natürlich nicht allein am frühen Abschied des Coaches lag, der Gegner hatte den größeren Anteil. Es ist nun dringend angeraten, im Basketball fußballübliche Verhaltensmuster zu unterbinden - wenn etwa geifernde Kicker jeglichen Anstand über Bord kippen und den Schiedsrichter wild brüllend bedrängen. Aber etwas Folklore darf in Zeiten aseptisch leerer Hallen auch im Basketball sein. Wie man die Szene auch bewerten mag, es wird die Frage bleiben, wie sehr sie das folgende Spielgeschehen beeinflusst hat. Zumal Trinchieri ein Coach ist, der den Seinen vom Spielfeldrand aus Unterstützung geben kann.

Was zunächst gar nicht nötig war, denn nach einem miserablen ersten Viertel, in dem die Münchner vor allem ihre bisher so eindrucksvolle Abwehrarbeit vermissen ließen und sich mit einem Zehn-Punkte-Rückstand (17:27) konfrontiert sahen, entdeckten sie exakt jene Tugend wieder und drehten das Spiel - zunächst. Wade Baldwin, der im Abschlusstraining noch geunkt hatte, dass "wir das beste Real in dieser Saison sehen werden", führte Regie bei der sehenswerten Aufholjagd. Mit schnellen Händen und großem Einsatz setzten die Bayern der edel besetzten Real-Offensive zu, selbst der 2,20-Meter-Riese Walter Tavares bekam in dieser Phase unter dem Korb keinen Finger an den Ball, vielmehr führten die Bayern zwischenzeitlich, letztmals 45:44. Das Spiel war fortan völlig offen, neben dem pfiffigen Baldwin, der mit 18 Punkten bester FCB-Werfer war, überzeugte vor allem Jaden Reynolds. Der neue Center wird zunehmend zum bestimmenden Faktor im Münchner Spiel, brachte einmal mehr viel Energie auf das Parkett, beeindruckte mit wuchtigen Blocks und sammelte 15 Punkte. Aus kämpferischer Sicht ist den Gästen in dieser Saison bisher ohnehin kein Vorwurf zu machen, egal wie weit sie hinten liegen, egal wie sehr sich der Gegner in einen Angriffsrausch spielt, diese Münchner Auswahl gibt nie auf.

Das war auch beim zehnmaligen Champion so, allerdings hatte der den festen Willen, angesichts des hochkarätig besetzten Kaders und des unwürdigen Starts ins internationale Geschäft etwas gutzumachen. Vor allem die Routiniers Rudy Fernandez und Sergio Llull, beide hoch dekorierte Nationalspieler, trafen aus unmöglichen Positionen. Vor dem letzten Viertel (70:61) war der Vorsprung wieder gewachsen; im letzten Abschnitt ließ sich das royale Ensemble, in dessen Reihen fünf Spieler zweistellig punkteten, nicht mehr bremsen und schaffte das dreistellige Ergebnis. Real war qualitativ besser und tiefer besetzt und hat sich mit dieser Leistung zurückgemeldet. Die Bayern sind nun etwas geerdet, dürfen sich als immer noch Tabellendritter weiter über einen famosen Start in die Euroleague freuen.

Und Trinchieri? Der hatte vor dem Saisonstart versprochen, dass es mit ihm nicht langweilig werden wird. Man darf ihn beim Wort nehmen.

© SZ vom 31.10.2020
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