Süddeutsche Zeitung

Basketball Euroleague:Zaghafte Hünen

Obwohl der FC Bayern bei der Zusammenstellung des Kaders das Reboundspiel stärken wollte, wird dem Klub beim 68:79 gegen ZSKA Moskau genau dies zum Verhängnis.

Dass Dejan Radonjic einen eher unschönen Arbeitstag in Moskau erlebte, tat er schon auf dem Weg in die Kabine zur Pausenbesprechung kund: "Wir müssen besser in der Defense spielen", knurrte er in das Mikrofon von Euroleague.tv, mehr wollte er erst gar nicht sagen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Gastgeber ZSKA Moskau bereits neun Offensivrebounds eingesammelt, seine Spieler standen bei: null. Dem Gegner zweite Wurfchancen zu gestatten ist im Basketball keine gute Idee, gegen eine Mannschaft wie ZSKA kann das schnell spielentscheidend werden. Moskau ist nicht nur aktueller Meister der VTB-League, jener osteuropäischen Spielklasse, in der die russischen Topteams den Vergleich mit den besten Mannschaften aus andere Ländern wie Polen, Weißrussland, Kasachstan oder Estland suchen. ZSKA trägt aktuell auch die europäische Krone, die Russen haben die Euroleague gewonnen. Die Bayern konnten bis zur Schlusssirene das Offensivreboundverhältnis zwar auf 8:16 schönen, an der verdienten 68:79-Niederlage konnte dies freilich herzlich wenig ändern.

Nimmt man die einzelnen Viertel war Moskau stets nur wenige Punkte besser

Besonders ärgerlich für den Trainer des deutschen Meisters war dabei, dass sein Personal angesichts der Reboundschwäche, die ihm in der vergangenen Saison den Einzug in die K.-o.-Runde der besten Acht vermasselt hatte, ja explizit verstärkt worden war. Doch die hoch gelobten Zugänge wie der französischen Nationalspieler Mathias Lessort oder der aus der NBA gekommene Center Greg Monroe agierten in der ersten Halbzeit eigenartig zaghaft, was freilich auch für das angestammte Personal um Danilo Barthel und Leon Radosevic galt. Die Gastgeber nutzten das jedenfalls weidlich aus, wobei sich ausgerechnet Johannes Voigtmann hervortat. Den deutschen Nationalcenter hätten auch die Bayern gerne in ihrem Kader gesehen, doch der 27-Jährige entschied sich für den russischen Branchen-Goliath, er ist der erste Deutsche bei ZSKA überhaupt. Der Klub zählt mit einem Etat, der sich dem Vernehmen nach jenseits der 40-Millionen-Euro-Grenze bewegt, zu den monetär potentesten des Kontinents.

Voigtmann sammelte also zehn Punkte und zwölf Rebounds, dafür wurde er von der Euroleague zum besten Akteur der Partie gekürt. Was der 2,11-Meter-Hüne "nett" fand. Wichtiger für ihn sowie die Kollegen war der Sieg, denn ZSKA hatte nach zwei Niederlagen in der VTB-League einiges gutzumachen. Im Spiel des russischen Meisters waren erneut Abstimmungsprobleme nicht zu übersehen, was die Niederlage für die Gäste umso ärgerlicher machte. Nimmt man die einzelnen Viertel war Moskau stets nur ein paar Punkte besser, die sich in der Endabrechnung zwar auf deren elf summierten, was allein bei 16 zweiten Wurfchancen für die Gastgeber ein gar nicht so großer Wert ist. Allein ein konsequenteres Reboundspiel hätte viel verhindert, dem Trainer war das nicht entgangen: "Das geht nicht. Wir müssen nun verstehen, dass wir uns schon für die nächsten Spiele unbedingt steigern müssen", schimpfte Radonjic.

Erst als sich Monroe in der zweiten Halbzeit mit der Wucht seiner 2,11 Meter Körpergröße und 120 Kilogramm Gewicht den russischen Schränken entgegenstemmte, bekam Moskau Probleme beim Punkten. Der Amerikaner war mit 17 Punkten bester Scorer auf dem Parkett und sammelte zudem zehn Rebounds ein; um einen Sieg aus der russischen Metropole mitzunehmen, hätte er ein bisschen mehr Unterstützung der Kollegen benötigt. Denn der Titelverteidiger war keinesfalls übermächtig, die Bayern konnten den mit so viel individueller Qualität bestückten ZSKA-Kader trotz der eigenen Schwächen immerhin bei weniger als 80 Punkten halten. Zudem wussten die Münchner immer wieder mit blitzschnellen Ballstafetten zu gefallen - und zu punkten. Letztlich fehlte aber die letzte Entschlossenheit, vielleicht auch der unbedingte Glaube an die eigenen Fähigkeiten: "Wir müssen aggressiver werden", schlussfolgerte Monroe, der auch die kommenden Gegner in der Euroleague "hart und physisch" erwartet.

"Wir müssen aggressiver werden", schlussfolgert Bayern-Center Greg Monroe

Passiert ist freilich nichts, einen Sieg beim Champion Moskau dürften wenige Teams holen, zumal Monroe glaubt, dass "wir das Team haben, um bald besser zu sein". Denn auch die Bayern kämpfen mit der Feinjustierung in ihrem Spiel, die Gelegenheiten, um weiter daran zu arbeiten folgen im Zweitagesrhythmus: Am Samstagabend (20.30 Uhr) schon gastiert Braunschweig in der Baskteball-Bundesliga; der Vorjahresgegner im Playoff-Viertelfinale ist mit drei Siegen blendend gestartet und dürfte mit breiter Brust im Audi Dome auftreten. Am Montag kommt Bonn zum Pokal-Viertelfinale (20.30 Uhr), dem ersten K.-o.-Spiel der jungen Saison. Am Donnerstag reist der französischen Meister Asvel Villeurbanne zum dritten internationalen Vergleich an (20.30 Uhr). Im Gegensatz zur Partie in Moskau geht dann auf dem Weg in die angepeilten Euroleague-Playoffs um einen Pflichtsieg.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4636519
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.10.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.