Euroleague:81:83 gewonnen

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Euroleague: Auch das noch: Othello Hunter verletzt sich Mitte des zweiten Viertels am Oberschenkel.

Auch das noch: Othello Hunter verletzt sich Mitte des zweiten Viertels am Oberschenkel.

(Foto: Oryk Haist/Imago)

Die ohnehin stark ersatzgeschwächten Basketballer des FC Bayern verlieren auch noch Othello Hunter verletzt - und bringen Favorit Mailand an den Rand einer Niederlage. Die könnte angesichts der Leistung der Spieler aus der zweiten Reihe dennoch Auftrieb geben.

Von Ralf Tögel

Ausgerechnet Nick Weiler-Babb. Der Münchner Guard spielt eine hervorragende Saison, er ist einer der wenigen Akteure im Kader, die trotz der offensichtlichen Abstimmungsprobleme im Team vom ersten Spiel an auf hohem Niveau agieren. Ein Freiwurf ist für einen Basketballprofi seiner Klasse also keine erwähnenswerte Prüfung, selbst wenn er so unter Druck steht. Drei Sekunden waren noch zu spielen, der FC Bayern lag 81:82 hinten, Mailands Trainer Ettore Messina drehte sich am Spielfeldrand schon fluchend weg, er wusste, so eine Chance lässt sich einer wie Weiler-Babb nicht entgehen. Doch dem versagten die Nerven, er verfehlte beide Versuche, das Spiel gegen den italienischen Euroleague-Titelanwärter war verloren. Mit dem 81:83 ist der Start ins internationale Geschäft endgültig verpatzt. Die Münchner, die in den vergangenen beiden Spielzeiten nur denkbar knapp am Final Four in der europäischen Königsklasse gescheitert waren, stehen nach der vierten Niederlage im vierten Spiel auf dem vorletzten Tabellenplatz.

Das sind die Fakten, man sollte aber wenigstens einen Gedanken an die Umstände verschwenden. Und nicht unterschätzen, dass diese Niederlage der Mannschaft, so seltsam es klingt, Kraft geben könnte.

Fünf verletzte Schlüsselspieler, fünftes Foul von Lucic: Dennoch waren die Bayern gegen Titelanwärter Mailand das bessere Team

Aber der Reihe nach. In Elias Harris und Isaac Bonga fehlen zwei Spieler seit Saisonbeginn verletzt, dann gesellte sich Zan Mark Sisko mit einer Fingerverletzung ins FCB-Lazarett. Nach der Niederlage am Dienstag gegen Barcelona kam Augustine Rubit, bester Akteur im Spiel, mit einer Blessur an der Lendenwirbelsäule hinzu. Trainer Andrea Trinchieri hatte folglich gerade mal zehn gesunde Spieler zur Verfügung. Angesichts des so prominent wie üppig besetzten Kaders der Italiener war das Spiel ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Ein kleines Beispiel: Johannes Voigtmann, Führungsspieler beim EM-Bronzegewinn der Deutschen, wurde von Mailand geholt, trotz Center-Hünen wie Kyle Hines und Brandon Davies, die seit Jahren zur europäischen Elite zählen. Im Audi Dome bekam Voigtmann sieben Spielminuten.

Und dennoch waren die Gastgeber das bessere Team. Womit man bei den Dingen wäre, die der Mannschaft trotz des bitteren Ergebnisses Auftrieb geben könnten. Denn es waren die Spieler aus der zweiten Reihe, die Mailand fast bezwungen hätten. Wie die EM-Fahrer Andreas Obst (12) und Ognjen Jaramaz (10), die auf der Suche nach ihrer EM-Form stetig aufsteigende Tendenz zeigen und zweistellig punkteten. Wie Niklas Wimberg, aus Chemnitz gekommen, der bewies, dass er eine Alternative unter dem Korb sein kann. Wie Cassius Winston, der sich erstmals als Euroleague-tauglicher Spielmacher auf hohem Niveau erwies und mit 20 Punkten Topscorer war. Und natürlich: wie Paul Zipser, der nach seiner langen Leidenszeit seine bisher beste Leistung bot, giftig verteidigte und 16 Punkte sammelte.

Zur Pause lagen die Münchner hoch verdient 43:37 vorne, obwohl in Othello Hunter ein weiterer Schlüsselspieler verletzt passen musste. Nahezu unbemerkt sank der Riese Mitte des zweiten Viertels am Spielfeldrand zu Boden, der Oberschenkelmuskel hatte seinen Dienst quittiert - Zeitpunkt der Rückkehr offen. Im letzten Viertel geschah dann, was zu erwarten war, Mailand zog vorbei (66:67). Aber die aufopferungsvoll kämpfenden Münchner schlugen zurück, hatten trotz des Ausscheidens von Anführer Vladimir Lucic, der in der Schlussphase sein fragwürdiges fünftes Foul kassierte, die Chance zum Sieg. Aber sie versäumten es, sich zu belohnen.

Euroleague: Und dann noch das: Kapitän Vladimir Lucic, muss nach einem fragwürdigen Foul, das man auch als Offensivfoul hätte interpretieren können, in der entscheidenden Schlussphase vom Feld.

Und dann noch das: Kapitän Vladimir Lucic, muss nach einem fragwürdigen Foul, das man auch als Offensivfoul hätte interpretieren können, in der entscheidenden Schlussphase vom Feld.

(Foto: Oryk Haist/Imago)

Lohn war indes die Euphorie, die das Team bei den 5483 begeisterten Zuschauern entfachte, die Spieler boten beste Basketballunterhaltung. Und Lohn war auch die Bestätigung der Idee, den Kader für diese Saison breiter aufzustellen. Denn wenn die fehlenden Spieler zurückkehren und die zweite Garde weiter auf diesem Niveau agiert, dann sollte man diese Bayern nicht voreilig abschreiben. Zumal sie im Vorjahr mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten und mit vier Niederlagen in die Euroleague gestartet waren, ehe ein Sieg gegen Kaunas den Umschwung brachte.

Zunächst aber blieb nur tiefe Enttäuschung. Trinchieri wollte gar nicht viel kritisieren, sichtlich angefasst teilte er mit, wie stolz er auf sein Team war und "wie leid mir meine Spieler tun". Nick Weiler-Babb war untröstlich, gerade er, der sein Spiel immer in den Dienst der Mannschaft stellt, hatte die Siegchance vertan. Er wird bald Gelegenheit zur Wiedergutmachung haben: Am Samstag gastieren die Bayern in der Bundesliga bei den Hamburg Towers, dann haben sie fast eine Woche Zeit, um sich auf die Partie bei Roter Stern Belgrad vorzubereiten.

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