Basketball-EM:Ab sofort ein Titelanwärter

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Die deutsche Nationalmannschaft wirft EM-Favorit Griechenland mit einer begeisternden Leistung aus dem Turnier und steht nun gegen Spanien im Halbfinale. Die Reise soll aber weitergehen.

Von Ralf Tögel, Berlin

Nein, er würde die Kreditkarte des Trainers gar nicht nehmen, um damit um die Häuser zu ziehen, sagte Franz Wagner grinsend: "Ich würde sowieso im Hotelzimmer bleiben und Apfelsaft trinken." Die Karte habe Mannschaftskapitän Dennis Schröder nach diesem fabelhaften Abend in der Berliner Arena gefordert, erklärte Gordon Herbert, aber er habe ihm gesagt, dass er mit dem Limit darauf nach drei Scheidungen sowieso nicht einverstanden wäre.

Es ist bisher nicht oft vorgekommen bei dieser Europameisterschaft, dass der Bundestrainer herumalberte, nach diesem Spiel am späten Dienstagabend begann aber sogar der ansonsten so nüchterne Kanadier zu scherzen. Die deutsche Nationalmannschaft hatte in Griechenland gerade nach einer begeisternden Leistung einen großen Favoriten im Viertelfinale aus dem Turnier geworfen, mit einem inspirierenden 107:96-Triumph.

Nicht nur Bundestrainer Herbert ließ seinen Gefühlen für einen Moment freien Lauf, zuvor hatten 14 073 Zuschauer die erstmals ausverkaufte Berliner Arena in ein Jubelhaus verwandelt. Die Auswahl des Deutschen Basketball Bunds (DBB) bescherte ihnen den nächsten Höhepunkt in diesem bisher so außergewöhnlichen Turnier. Damit stehen die Deutschen am Freitag im Halbfinale gegen Spanien (20.30 Uhr) - und haben sich selbst als ernsthafter Titelanwärter präsentiert.

Giannis Antetokounmpo gilt als komplettester Basketballer der Welt - er scheiterte am deutschen Kollektiv

Denn die Griechen waren als bis dahin einzig ungeschlagenes Team klarer Favorit, mussten letztlich die Überlegenheit der Gastgeber anerkennen. Was ihrem Trainer Dimitrios Itoudis mit beachtlichem Sportsgeist gelang: "Sie haben diesen Sieg verdient, sie haben extrem gut geworfen, wir hatten Probleme mit ihrer Energie, sie waren einfach das bessere Team."

Basketball-EM 2022: Giannis Antetokounmpo gegen Deutschland

Kein Weg vorbei: Giannis Antetokounmpo (Mitte) wird in dieser Aktion von Daniel Theis (links) gestoppt.

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Natürlich muss man bei diesem Gegner über einen Spieler reden, der vielen als der kompletteste Basketballer der Welt gilt: Giannis Antetokounmpo. Trotz seiner Größe von 2,11 Metern besticht er durch seine Athletik und Ballbeherrschung, ist gleichsam beweglich und schnell; nicht ohne Grund wurde er bereits zweimal zum wertvollsten Spieler der NBA gewählt. Doch an diesem Abend fand er im deutschen Kollektiv seinen Meister, welches erkannt hatte, dass solch ein Spieler nur gemeinsam zu bremsen ist.

"Der ist schon eine ziemliche Kante", gab Co-Kapitän Johannes Voigtmann zu: "Er kann sich auch super bewegen, ihn zu stoppen, ist eine harte Aufgabe." Was dem deutschen Abwehrverbund vor allem in der zweiten Halbzeit dermaßen gut gelang, dass Antetokounmpo sich zweimal nur durch ein unsportliches Foul zu behelfen wusste und fünf Minuten vor dem Ende disqualifiziert wurde.

In der ersten Halbzeit hatte er noch gezeigt, was er zu leisten vermag, 19 seiner letztlich 31 Punkte erzielt und Griechenland zu einer 61:57-Führung dirigiert. Nach der Pause aber erhöhten die deutschen Spieler ihr ohnehin enormes Energielevel vor allem in der Abwehr, das Reboundspiel war wieder stilprägend und somit "der Schlüssel zum Sieg", wie Johannes Thiemann festhielt. Die Offensive hatte schon vor der Pause prächtig funktioniert, vor allem die Wurfquoten waren gut wie bisher noch nie im Turnier.

Der Knöchel von Franz Wagner hält, gleich sein erster Wurf sitzt

Wenn man von diesem dieses Spiel erzählt, wird Antetokounmpo im Rückblick nur eine Nebenrolle einnehmen. Dann muss man über Dennis Schröder reden, über Franz Wagner, Andreas Obst, Daniel Theis oder Thiemann. Der Kapitän fand gerade rechtzeitig zur Sicherheit in seinem Distanzwurf, im Eins-gegen-eins-Duell ist Schröder ohnehin schwer zu halten. Er gab den Takt vor, war mit 26 Punkten Topscorer und lieferte acht Vorlagen, alles erstklassige Werte.

Basketball-EM 2022: Der deutsche Basketballer Franz Wagner beim Jubeln

Der Knöchel hält, der Wurf sitzt: Franz Wagner.

(Foto: Tilo Wiedensohler/camera4+/Imago)

Bei Wagner war ja nicht einmal klar, ob er überhaupt würde spielen können, im Achtelfinale gegen Montenegro war er umgeknickt. Doch der Knöchel hielt, gleich sein erster Wurf saß, der 21-Jährige war einmal mehr effektivster Akteur der DBB-Auswahl. Andreas Obst, im ersten Spiel noch mit wenigen Spielminuten, ist als Distanzschütze nicht mehr wegzudenken, fünf von sieben Dreiern zirkelte er ins Ziel, ebenfalls ein Spitzenwert. Daniel Theis schuftete unter den Körben, lieferte sich mit Antetokounmpo harte Duelle und punktete zudem zweistellig (13). Was auch für Thiemann galt (10) oder für Voigtmann, die mit ihrem physischen Spiel den hoch gelobten griechischen Angriff im dritten Viertel zum Erliegen brachten und dieses mit 26:10 gewannen.

Die individuelle Klasse im Team ist groß, doch da können einige Konkurrenten mithalten. Was diese Mannschaft aber ausmacht, ist ihr Teamspirit, der Zusammenhalt, jeder stellt sich in den Dienst des Kollektivs. Nick Weiler-Babb spielte trotz seiner Schulterverletzung, Voigtmann ging von einer Erkältung gebeutelt aufs Parkett: In Summe "sagt das viel aus über diese Mannschaft", konstatierte der Trainer stolz. Und das Ensemble bekommt von Erfolg zu Erfolg mehr Selbstvertrauen: "Wir gehen in jedes Spiel und glauben, dass wir gewinnen können", erklärte Voigtmann.

Was da passiere, sei "unglaublich für den deutschen Basketball", befand Herbert zu Recht, "die Art wie dieses Team und die Spieler auftreten und spielen auf ihrem Heimatboden, damit können sich die Leute identifizieren. Wir kamen aus der Kabine und waren auf einer Mission." In der Tat wächst das öffentliche Interesse von Erfolg zu Erfolg, das Viertelfinale wurde neben Magenta Sport, der Pay-TV-Sender streamt alle deutschen Spiele kostenfrei, kurzerhand von RTL im Free-TV übertragen, mit einem begeisterten Dirk Nowitzki als Gast und nach eigenen Angaben mehr als 2,5 Millionen Zuschauern - was man bei diesem Hype eigentlich von den öffentlich-rechtlichen Sendern erwarten sollte. Doch die bleiben zurückhaltend, auch das Halbfinale läuft neben Magenta wieder bei RTL.

Nun also der Weltmeister, dem die deutsche Mannschaft in dieser Form auf Augenhöhe begegnet. Spieler und Trainer sind dennoch bemüht "im Moment zu bleiben", wie Andreas Obst mit ernster Miene sagte: "Das war schon überragend, das muss man erst mal realisieren. Aber ich denke mal, wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen." Das ohnehin große Selbstvertrauen habe "noch mal einen Boost bekommen". Und Herbert? "Wir müssen uns in der Abwehr steigern", das sei in der ersten Halbzeit nicht optimal gewesen.

Auch er war wieder im Moment. "Ein kaltes Bier" werde er sich aber gönnen, sagte er noch, ehe er in die Nacht entschwand. Das wird die Kreditkarte sicher noch hergeben.

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