Basketball-EM:Von dieser Mannschaft ist noch einiges zu erwarten

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Deutschland Basketball

Der letzte Kraftakt: Kapitän Dennis Schröder führt die deutsche Nationalmannschaft zur EM-Bronzemedaille - dann gab's die Umarmung vom Bundestrainer.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Deutschlands Basketballer haben Talent, Teamspirit und strategisches Können bewiesen, so konnten sie beim Heimturnier in jeder Beziehung überzeugen - nach Bronze gibt es Anzeichen für sehr erfolgreiche Zeiten.

Von Ralf Tögel, Berlin

Es gab so einige Momente im Verlauf dieses fabelhaften Basketball-Turniers, in denen es wirkte, als würde Gordon Herbert nicht so recht wissen, was er sagen soll. Dem Bundestrainer fehlten angesichts der Leistungen seiner Mannschaft die Worte, zum Beispiel nach dem Triumph gegen Litauen nach zweimaliger Verlängerung im Glutofen der Kölner Arena vor 18 000 Zuschauern.

Oder nach dem Viertelfinalsieg gegen Topfavorit Griechenland, als die deutschen Basketballer die wohl beste Leistung der vergangenen Jahre boten. Oder nach dem Triumph gegen die Polen, der ihm und seinen Spielern die Bronzemedaille einbrachte. Herbert saß dann in den Pressekonferenzen, überlegte lange, holte tief Luft, ehe er ein paar sparsame Sätze zwischen den Zähnen hervorpresste. Er sprach dann stets davon, dass es ihm eine Ehre sei, dieses Team zu trainieren.

Der Kanadier durfte zu Recht stolz sein auf die Leistungen dieser Mannschaft, an deren Aufstieg er großen Anteil besitzt. In kürzester Zeit ist es dem 63-Jährigen gelungen, aus teils herausragenden Einzelspielern einen eingeschworenen Haufen zu formen. Trotz einiger Widrigkeiten. Wegen Absagen und Verletzungen musste Herbert mit ständig wechselnden Formationen improvisieren.

Den finalen Kader, der mit seinem inspirierenden Spiel die Basketball-Nation begeisterte, hatte er erst zwei Wochen vor Turnierstart beisammen. Herbert hatte sich früh auf Dennis Schröder als Kapitän festgelegt, jenen NBA-Spieler, dem nach den Enttäuschungen der vergangenen Turniere von Kritikern Führungsqualitäten abgesprochen wurden. Er hat Antworten gegeben: "Ich habe die Jungs in den vergangenen sechs Wochen richtig kennengelernt", sagte der 29-Jährige, der während der EM seinen Geburtstag feierte, "und ich habe noch nie so eine Teamchemie erlebt."

Basketball-EM: Der neue Nowitzki? Franz Wagner wird eine große Karriere in der NBA prophezeit, auch abseits des Platzes machte der 21-Jährige eine gute Figur.

Der neue Nowitzki? Franz Wagner wird eine große Karriere in der NBA prophezeit, auch abseits des Platzes machte der 21-Jährige eine gute Figur.

(Foto: Marc Niemeyer/Kolbert-Press/Imago)

Das war die größte Qualität dieses Kaders, dass sich jeder Einzelne in das Kollektiv einfügte, jeder die ihm vom Trainer zugedachte Rolle klaglos erfüllte. Spieler wie Christian Sengfelder oder Justus Hollatz. Sengfelder ist in Bamberg absoluter Führungsspieler, um ihn wurde ein Bundesligateam aufgebaut. Hollatz ist in die erste spanische Liga gewechselt, um sich beim ambitionierten CB Breogán international zu etablieren. Der 21-Jährige gilt als der zukünftige Spielmacher im deutschen Team.

Bei der EM durften beide nur im unbedeutenden Spiel gegen die Ungarn ran, Sengfelder war Topscorer, Hollatz gab elf Vorlagen. "Ich bin absolut glücklich, hier zu sein", sagte Sengfelder, "es ist doch das Schöne an der EM, dass es nur darum geht, sein Land bestmöglich zu repräsentieren und seine Rolle im Team zu erfüllen". Jonas Wohlfarth-Bottermann sagte, er könne gar nicht glauben, dass eine Bronzemedaille um seinen Hals baumele. Mit solchen Spielern konnte sich jener Teamspirit entwickeln, der die Akteure durch das Turnier und zu ihren Topleistungen trug.

Die deutsche Mannschaft wird von ihrem Teamspirit getragen, hat aber auch enorm viel Qualität

Ein verschworener Haufen alleine macht aber noch keine Medaille, daran erinnerte Trainer Herbert ebenfalls nach jedem Spiel. "Das ist eine herausragende Gruppe, aber wir haben extrem viel Qualität im Kader." Zum einen waren seine NBA-Spieler angesprochen, neben Schröder, der gerade einen neuen Vertrag bei den Los Angeles Lakers unterschrieben hat, sind das Daniel Theis (Indiana Pacers) und Franz Wagner (Orlando Magic). Letzterer gilt als die Entdeckung des Turniers, ist gerade erst 21 Jahre alt geworden und spielte ein herausragendes Turnier. Seine unbekümmerte Art und sein höfliches Auftreten begeisterten auch abseits des Parketts. Wagner wird eine große Karriere in der NBA prognostiziert, man könnte sich auch vorstellen, dass er vom Können her eines Tages in die Nähe eines Dirk Nowitzki gelangen könnte.

Aber nicht nur die Importe aus Übersee haben viel Qualität, man merkt zusehends, wie BBL-Profis an internationalen Wettbewerben wie der Euroleague wachsen. Der Bayern-Guard Andreas Obst war bester Dreierschütze des Turniers, Teamkollege Nick Weiler-Babb wichtiger Teil der Abwehr. Die beiden Berliner Maodo Lô und Johannes Thiemann spielen auf sehr hohem Niveau, Co-Kapitän Johannes Voigtmann zählt zu den besten Spielern in der europäischen Königsklasse, Niels Giffey kennt dieses Niveau ebenfalls. Und mit Isaac Bonga und Wagner-Bruder Moritz, beide NBA-erfahren, fehlten noch jene beiden Spieler verletzt, die beim starken Olympia-Turnier in Tokio zu den Besten gezählt hatten. Hinzu könnten noch Maxi Kleber (Dallas Mavericks) oder Isaiah Hartenstein (New York Knicks) kommen.

Es ist also noch einiges zu erwarten von dieser Mannschaft, Herbert hat mit dem Deutschen Basketball Bund einen Dreijahresplan ersonnen. Die wichtigste Nachricht ist, dass alle Spieler erklärt haben, unbedingt dabeibleiben zu wollen. "Ich spiele immer gerne für mein Land", hatte Schröder mit reichlich Pathos in der Stimme und der Medaille um den Hals gesagt, "ich werde kommen, solange ich laufen kann."

Das alleine wird ebenfalls nicht reichen, der Trainer weiß, dass schon beim nächsten WM-Qualifikationsfenster im November die NBA-Spieler fehlen werden. Auch der Einsatz der Euroleague-Spieler ist zumindest fraglich, denn die wirtschaftlich orientierte Privatliga nimmt auf Länderspiele keine Rücksicht. Also muss Herbert einen weitaus größeren Kader bei Laune halten, es wird wieder auf bewährte Kräfte ankommen.

Spieler wie Robin Benzing. Der Kapitän stellt sich seit Jahren wie kein Zweiter in den Dienst der deutschen Auswahl - und war von Herbert kurz vor Turnierbeginn aus dem Kader gestrichen worden. Benzing war beim Spiel um Platz drei in der Halle, trotz der riesigen Enttäuschung, aus der er keinen Hehl gemacht hatte.

Schröder, der ihn als Spielführer beerbte, zeigte nach dem Sieg gegen Polen eine bemerkenswerte Geste: "Robin hat sich diese Medaille genauso verdient", sagte er und versprach: "Wenn sie keine für ihn haben, bekommt er meine."

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