Im Grunde kennt Alan Ibrahimagic das alles schon. Wie man als Trainer in ein Turnier reinschnuppert, wie es klickt zwischen dem Coach und seinen Basketballern, wie man spürt, was alles möglich ist, wenn eine Siegerdynamik die Mannschaft erfasst. Ibrahimagic, 47, hat es selbst erlebt, sogar als Bundestrainer. Nur eben ein paar Jahrgangsstufen tiefer als jetzt. U18, U19, U20, in diesen Bereichen des Juniorenbasketballs hat der in Belgrad geborene Ibrahimagic schon EM- und WM-Medaillen in allen Farben für Deutschland gewonnen. Verständlich, dass so einer nicht aus allen Wolken fällt, wenn er plötzlich die A-Nationalmannschaft bei einer Europameisterschaft anleitet.
Seit dem krankheitsbedingten Zurückweichen von Chefcoach Alex Mumbru haben die deutschen Basketballer in Ibrahimagic einen unaufgeregten Ersatz gefunden. Er verrichtet seinen Job beim Turnier in Finnland meist mit grüblerischer Miene und sagt beim TV-Sender Magentasport Dinge wie: „Die Stimmung ist schon die ganze Zeit sehr gut, aber vor allem sehr fokussiert.“ Als Aushilfsbundestrainer nach vier haushohen EM-Siegen in Serie bloß keine Clownerei, diesen Spagat meistert er stoisch. Auch das 120:57 gegen ein kaum konkurrenzfähiges Team UK nahm er mit der immer gleichen Haltung zur Kenntnis – another day at the office, wie die Briten sagen: ein normaler Arbeitstag, dabei gab es einen so deutlichen deutschen EM-Sieg zuletzt 1951.

Basketball-Bundestrainer Mumbru bei der EM:Der Weltmeister-Verbesserer
Wie coacht man ein Weltmeisterteam? Der Katalane Alex Mumbru geht bei der EM in sein erstes großes Turnier als Bundestrainer, mit Ideen, die sich aus seiner Herkunft ergeben. Den Auftakt verpasst er allerdings.
Welchen Einfluss er hat, ist ohnehin nicht ganz klar, denn vieles wirkt, als nähmen die Dinge halt ihren Lauf. Als sei es im besten Sinn egal, wer gerade von der Seitenlinie Kommandos reinruft. „Ich bin stolz auf die Mannschaft, wie sie auftritt. Wir haben das Tempo hochgehalten, daher der hohe Unterschied“, sagte Ibrahimagic diesmal im TV. Den von Mumbru geforderten ICE-Stil zieht man auch unter dem Assistenten knallhart durch, manches kommt improvisiert daher und ist doch mit einer Idee versehen: dem Zusammenspiel all der begnadeten Schröders und Wagners und Tristan da Silvas (gegen UK mit 25 Punkten). Ibrahimagic lässt den Angriffswirbel geschehen, auch wenn die Offensive es mit dem Passspiel übertreibt, wie in manchen Freiplatzmomenten gegen die Briten. Er greift nur ein, wenn es nötig ist. Nicht auffallen, einfach den Job machen, bis der Chef wieder fit ist.
Bei Alba Berlin war Ibrahimagic einst Assistent des späteren Weltmeistertrainers Gordon Herbert
Bis vor einem Jahr fungierte als Bundestrainer der Kanadier Gordon Herbert (dessen Assistent Ibrahimagic einst bei Alba Berlin war). Dann folgte der Katalane Mumbru, der nach akuten Bauchbeschwerden zum Turnierstart ins Krankenhaus musste und erst zur K.-o.-Runde, dann in Riga, wieder zurückkehrt, wie der Deutsche Basketball-Bund der SZ bestätigte. Und jetzt eben der in Berlin sozialisierte Ibrahimagic, der im Nachwuchsbereich maßgeblich am Aufschwung des Basketballs in Deutschland mitgewirkt hat. Er kennt einige Spieler noch aus ihrer Zeit in den Auswahlteams, die wiederum schätzen seine Art und seine Expertise. „Alan hat es super gemacht. Er hat uns viel Selbstvertrauen gegeben“, fand etwa Franz Wagner während der Auftaktphase.
Mumbru aber bleibt der Boss, er ist nun immerhin wieder auf den Beinen und ohnehin „die ganze Zeit involviert, in alles, was wir machen, in die Vorbereitung und Nachbereitung der Spiele“, wie sein Vertreter erklärte. Das klang pflichtschuldig, als wolle er bloß nicht zu viele Meriten für sich beanspruchen. Es läuft ja, das wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass nicht nur der Cheftrainer fehlt, sondern für den Rest der EM auch Co-Kapitän Johannes Voigtmann. Seine Heimreise nach München „zur weiteren Diagnostik und Therapie“ ergab am Montagabend die derzeit einzige ernüchternde Nachricht aus dem DBB-Lager: Er muss am Knie operiert werden und fällt aus.

Damit büßt man nicht nur Spielverständnis ein, sondern auch dringend benötigte Länge, als Ersatz für den 2,12 Meter langen Voigtmann steht der ebenso große Leon Kratzer bereit. Zu sehen war am deutschen Vorrunden-Standort Tampere bislang, wie die Mannschaft trotzdem funktioniert. Wie sie in vier Spielen 105, 106, 107 und 120 Punkte aufs Scoreboard zauberte, was im europäischen Basketball eine gehörige Ausbeute ist.
Wie Dennis Schröder zwar noch nicht alles trifft, aber den Gegnern manchen Knoten in die Beine dribbelt. Wie Franz Wagner sich mit seinen raumgreifenden „Eurosteps“ um Hindernisse herum schlängelt (gegen Team UK glänzte er zudem mit zehn Assists). Wie die Deutschen teilweise Basketball mit einer Geschwindigkeit spielen, für die man im echten Leben ein amtliches Bußgeld aufgebrummt bekäme. Da klang es fast schon bedrohlich für die Konkurrenz, als Daniel Theis nach dem Litauen-Spiel im Fernsehen sagte: „Wir wollen weiter Spiele gewinnen, wir wollen keinen Gang zurückfahren!“
Gewiss, diese Vorrunde hat dem DBB bisher nicht mehr als ein Warmlaufprogramm beschert, selbst die sonst so ambitionierten Litauer waren eher ein Frühstückssnack. Wer nach einer Herausforderung für die Weltmeister sucht, landet beim Gruppenfinale gegen Gastgeber Finnland (Mittwoch, 19.30 Uhr, Magentasport), bei dem über 13 000 Finnen Saunastimmung erzeugen werden. Von dessen Ausgang dürfte abhängen, ob es im Achtelfinale am Wochenende leicht (Gegner wie Estland oder Portugal) oder nur mittelleicht (Lettland, da war doch was auf dem Weg zum WM-Titel 2023?!) wird.
Spätestens gegen Finnland braucht es in der deutschen Abwehr ein paar strategische Tüfteleien
Spätestens ab dem Duell mit Finnland dürfte das Coaching von der Seitenlinie dann mehr Relevanz bekommen, denn für Gegenspieler wie NBA-Profi Lauri Markkanen braucht es Tüfteleien in der Abwehrarbeit. Um einem Mann mit bisher knapp 30 Punkten pro Partie den Weg zum Korb zu versperren, ist strategische Vorbereitung gefragt – Mumbru muss Ibrahimagic also einen Plan und ein paar Notfallvarianten einflüstern.
Die werden im weiteren Turnierverlauf auch gegen den Rest von Europas Elite nötig sein. Im Grunde läuft alles auf ein großes K.-o.-Duell mit den bisher favorisierten Serben zu. Bisher? Nun, das Team von Trainer Svetislav Pesic beklagt einen Ausfall von gewisser Tragweite: Bogdan Bogdanovic, zweitbester serbischer Basketballer, erlitt im Spiel gegen Lettland einen Muskelfaserriss, die EM ist für ihn vorbei. So rutschen derzeit die Prognosen eher Richtung DBB-Team – und Alan Ibrahimagic wird noch gefragt sein. Als derjenige auf der Trainerbank, für den das ja alles nichts Neues ist. Trotz nun endgültiger Favoritenrolle.

