Basketballer Steph Curry:Ein Rekord als Revolution

Lesezeit: 4 min

New York Knicks - Golden State Warriors

Stephen Curry trifft und das New Yorker Publikum jubelt - dabei spielt er beim Gegner, den Golden State Warriors aus San Francisco.

(Foto: Mary Altaffer/dpa)

2977 Dreipunktewürfe, so viele Treffer hat noch kein NBA-Profi geschafft. Steph Curry hat mit seinen Fähigkeiten eine ganze Sportart verändert - und ist längst nicht fertig.

Von Jonas Beckenkamp

Natürlich musste es so kommen, dass Steph Curry diesen Rekord in New York brach. In der Arena der Knicks, dem in die Jahre gekommenen Madison Square Garden, hat sich so manch erinnerungswürdiges Basketballspiel zugetragen, hier erzielte 1995 Reggie Miller gegen die Gastgeber neun Punkte in nur acht Sekunden. Hier feixt und fuchtelt bis heute Filmregisseur und Edelfan Spike Lee in der ersten Reihe herum. Die New Yorker tragen den Basketballsport in sich und sie zelebrierten auch diesen historischen Moment - obwohl Curry beim Gegner spielt, den diesmal siegreichen Golden State Warriors.

Beim 105:96 war es Currys Treffer zum 12:10, mit dem er die New Yorker von den Sitzen riss. Sein Dreipunktewurf flog im hohen Bogen durch die Luft, das Publikum erhob sich schon vor dem Einschlag - und dann machte es "Swish" - zum 2974. Mal in Currys illustrer NBA-Karriere. So viele Dreier traf noch keiner vor ihm. Und absehbar wird auch so bald keiner nach ihm diese Marke übertreffen.

Curry braucht für seinen Rekord gerade einmal 789 Partien

Als die Schlusssirene ertönte und die Warriors ihre Rolle als bestes Team der Liga zementiert hatten, war es Curry gelungen, den Bestwert auf 2977 hochzuschrauben. Der 33-Jährige verdrückte ein paar Tränen, er herzte seinen Vater Dell, einst ebenfalls ein ausgezeichneter Schütze in der NBA, und posierte zum Erinnerungsfoto mit den früheren Rekordmännern: Miller und Ray Allen.

"Das hier im Madison Square Garden zu schaffen, ist außergewöhnlich", erklärte Curry. "Ich kann gar nicht sagen, wie geehrt ich bin wegen der Reaktion hier auswärts." Es sei ein "sehr, sehr besonderer Abend". Dabei fiel Currys Ausbeute mit 22 Punkten für seine Maßstäbe sogar eher mittelmäßig aus.

Um die ganze Sache einzuordnen, hier ein paar Zahlen: Curry brauchte für seinen Rekord gerade einmal 789 Partien, er war sogar öfter länger verletzt. Miller und Allen, die in den 90ern und Nullerjahren mit 2560 bzw. 2973 Würfen Dreiergeschichte schrieben, benötigten für ihre Marken fast doppelt so viele Einsätze. Und aktuell demonstriert Curry in einer der stärksten Spielzeiten seiner Karriere, dass er noch ewig so weitermachen könnte. Experten gehen davon aus, dass er bis zu seinem Ruhestand auf 4000 bis 4500 versenkte Distanzwürfe kommen könnte. Dieser Wert klingt astronomisch, aber bei seiner Art, Basketball zu spielen, ist das keine Utopie.

Dass Curry nicht nur der Mann mit den heißesten Händen der Welt ist, sondern gleich eine ganze Sportart revolutioniert hat, gehört mittlerweile zum Kanon des Basketballs. "Ich glaube, dass diese Rekorde aktuell niemand brechen kann", sagte diese Woche zum Beispiel Dirk Nowitzki. Er kennt sich mit Distanztreffern selbst gut aus, Nowitzki verwandelte immerhin 1982 Würfe jenseits der Dreierlinie. Nicht nur dem Würzburger ist die besondere Technik Currys aufgefallen: Sein Vorteil beim Werfen fußt unter anderem auf der puren Geschwindigkeit des Ball-Loslassens, dem "Release".

Wer nicht von draußen gefährlich ist, hat auf höchstem Level eigentlich keine Chance

"Catch-and-shoot", das ist seine Spezialität (wobei Curry auch aus dem Dribbling draufhalten kann). Er braucht meist nur ein paar Millisekunden und wenige Zentimeter Platz, um die Kugel abzufeuern. "Er wirft wirklich großartig. Es macht einfach Spaß, ihm zuzuschauen", findet Nowitzki, "und er hat das Spiel verändert, indem er von viel weiter hinten wirft". Tatsächlich erscheint es für den Magier Curry normal, aus acht, neun, teilweise sogar zehn Metern den Korb anzuvisieren. Seine Treffer vom "Parkplatz", wie es in den USA heißt, sind hundertfach auf Videos festgehalten. Curry lässt diese Zirkuswürfe wie die einfachste Übung aussehen.

Was Michael Jordan an Pionierarbeit für den Dunk und die Athletik leistete, oder Nowitzki für den einbeinigen "Fadeaway", hat der dreimalige NBA-Champion Curry für den Distanzwurf getan: In der NBA und auch im globalen Basketball greift der Dreier immer mehr um sich. Wer nicht von draußen gefährlich ist, hat auf höchstem Level eigentlich keine Chance. In Currys erster NBA-Saison 2009/2010 schickten die Mannschaften im Schnitt 18,1 Dreier-Versuche Richtung Ring - in der aktuellen Saison liegt dieser Wert je Team bei 35,4.

Golden State Warriors v New York Knicks

Umarmung mit dem bisherigen Rekordhalter: Stephen Curry umarmt Ray Allen.

(Foto: A. Bello/AFP)

"Er hat den Kern unseres Sports auf den Kopf gestellt", sagt auch NBA-Boss Adam Silver. Seine Treffsicherheit führt dazu, dass die Gegner Curry schon ab der Mittellinie so eng decken müssen, dass er dank seiner Dribblings auch locker an ihnen vorbeiziehen kann. Currys Spielweise hat das Parkett geweitet, weil die Verteidigungslinien immer weiter herausrücken müssen. Dadurch entstehen Räume. Das sogenannte "Spacing", das Ausnutzen jedes noch so engen Fleckchens, ist heutzutage fundamental im Basketball.

Und Curry ist längst nicht am Ziel.

"Ich bin gespannt, wo der Rekord steht, wenn er mal bei 1300 Spielen angekommen ist. Er hat noch vier, fünf, sechs Jahre vor sich. Dieser Rekord wird nie gebrochen werden", so die Voraussage von NBA-Ikone Shaquille O'Neal, der selbst kein Dreierspezialist war. Auch LeBron James, Chris Paul oder Magic Johnson zollten Tribut, denn abgesehen von seinen sportlichen Meriten gilt Curry nebenbei als feiner Kerl, den alle mögen. Neben seinem sympathischen Auftreten und der Fähigkeit, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, liegt das auch daran, dass seine Physis ihm eigentlich keinen Vorteil verschafft. Curry ist kein Überathlet wie James, keine riesige Wuchtbrumme wie einst O'Neal. Er misst gerade einmal 1,88 Meter, aber er beherrscht die Grundtechniken wie kaum ein anderer. Passen, Freilaufen, Werfen - Curry ist ein wandelndes Theorieseminar.

In einer Sportart, die von körperlichen Superlativen lebt, gilt er als Ausnahmeerscheinung. Als er jung war, wollten ihm die meisten Unis nicht einmal ein Stipendium anbieten. So bekam dieses unscheinbare Kerlchen mit dem NBA-Vater nach der High School nur eine einzige Offerte von Bedeutung: vom Davidson College aus North Carolina. Dessen Trainer Bob McKillop sah Currys Potenzial, er forderte und förderte den damals dürren Jungen - und befand sich 15 Jahre später auch im Madison Square Garden, als seine Entdeckung der Welt einen Rekord präsentierte, der für längere Zeit in den Statistiken stehen dürfte.

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