Basketball-Nationalmannschaft:Ein bisschen Vorbereitung könnte nicht schaden

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Basketball Split 01.07.2021 Olympia-Qualifikation FIBA Olympic Qualifying Tournament 2020 Gruppenphase, Gruppe A Russlan; Henrik Rödl

Wenn die Chemie stimmt: Bundestrainer Henrik Rödl (vorne) hatte es geschafft, eine eingeschworene Truppe zu formen.

(Foto: Tilo Wiedensohler /Imago)

Die Zeit drängt: Im November beginnt die WM-Qualifikation, im kommenden Jahr ist die EM im eigenen Land - und die deutsche Nationalmannschaft hat keinen Bundestrainer.

Von Ralf Tögel

Im schweizerischen Mies, einer Gemeinde im Kanton Waadt am Genfer See, steht das "Patrick Baumann House of Basketball", benannt ist die Zentrale des Basketball-Weltverbands Fiba nach dem 2018 verstorbenen Generalsekretär. Es ist ein futuristisch anmutendes Gebäude, die Tragkonstruktion erinnert an das Netz eines Basketballkorbs, der Boden der mehr als 1000 Quadratmeter großen Empfangsebene ist einem Basketballfeld nachempfunden, der Empfangstresen orange gummiert wie ein Ball. Ein passender Ort also, um die Gruppen für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2023 in Indonesien, Japan und den Philippinen auszulosen.

32 europäische Teams spielen in acht Vierergruppen um die WM-Tickets. Drei Teams jeder Gruppe kommen zunächst weiter. Dann werden vier Sechsergruppen gebildet, von denen jeweils die ersten Zwei das WM-Ticket lösen. Die deutsche Nationalmannschaft trifft zunächst auf Estland, Polen und Israel.

Es ist Usus, dass die jeweiligen Nationaltrainer eine Einschätzung zu den Aussichten ihrer Auswahl geben, im Fall des deutschen Basketball Bundes (DBB) war das aber nicht so einfach. Denn der hat seit den Olympischen Spielen keinen Bundestrainer mehr.

Das 70:94-Viertelfinal-Aus gegen Europameister Slowenien war Henrik Rödls letztes Spiel, der Vertrag wurde nicht verlängert. Also gab Armin Andres, als DBB-Vizepräsident zuständig für den Leistungssport, ein paar Worte zum Besten: machbare Gruppe, aber Vorsicht, gute Polen, traditionell schwer zu bespielende Israelis, was man halt so sagt. Frei übersetzt: Zwei Siege gegen Basketball-Zwerg Estland sollten für ein Weiterkommen reichen.

Am Wochenende wird DBB-Vizepräsident Andres dem Präsidium Kandidaten präsentieren

Auch am Wochenende wird sich Andres wieder zu Wort melden, bei der Präsidiumssitzung des DBB. Dort soll er dem Gremium Kandidaten für das höchste deutsche Traineramt vorschlagen. Die Zeit drängt, im September 2022 ist die Europameisterschaft im eigenen Land (Vorrundenspiele sind noch in Tiflis, Mailand und Prag), 25 000 Tickets sind bereits abgesetzt, seit Mittwoch sind die Tagestickets im Verkauf. Die ersten beiden WM-Qualifikationsspiele sind schon am 25. und 28. November (gegen Estland und in Polen). Ein bisschen Vorbereitung könnte nicht schaden.

Rödl hatte - nahezu ohne Vorbereitung - die Olympia-Qualifikation sowie den Einzug ins Viertelfinale geschafft, was einer DBB-Auswahl zuvor 29 Jahre lang nicht mehr gelungen war. Man habe sich einvernehmlich geeinigt, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern, sagt Andres, der DBB benötige "frische Impulse". Nach diesen hatte er schon vor der Olympia-Qualifikation geforscht und den Ludwigsburger Coach John Patrick ins Auge gefasst. Eine Doppelfunktion ist in der Basketball-Bundesliga (BBL) allerdings wegen eines Interessenkonflikts nicht erlaubt, die Anfrage nach einer Ausnahme bei der BBL war dem Vernehmen nach vor allem an Meister Alba Berlin und Pokalsieger Bayern München gescheitert.

Rödl habe von der Initiative gewusst, so Andres, und vorher selbst den Wunsch hinterlegt, wieder ins Tagesgeschäft bei einem Klub einzusteigen. Im SZ-Interview vor der Olympia-Qualifikation hatte er das dementiert. Nun ließ Rödl alle Anfragen unbeantwortet. Seinem Marktwert war der jüngste Erfolg sicher nicht abträglich.

Der DBB sucht einen Vollzeittrainer

Andres sagt, er habe sich bei seinen Sondierungen auch in der Euroleague umgehört, dort sind Honorartrainer in Doppelfunktion nicht selten. Allerdings sprächen die bevorstehenden Terminkollisionen gegen diese Lösung, allein für die WM-Qualifikation stehen sechs Zeitfenster für das Nationalteam zwischen November 2021 und November 2022 an, auf die die Euroleague keine Rücksicht nimmt.

Zwar waren die deutschen Teilnehmer Berlin und München immer großzügig im Abstellen ihrer Besten, der Trainer aber sollte nicht fehlen. "Wir suchen deshalb einen Vollzeittrainer, der das ganze Jahr für die Nationalmannschaft da ist und sich auch um den Nachwuchs und Konzepte kümmert", so beschreibt Andres das Anforderungsprofil. Er habe Vorgespräche geführt und ein paar Namen auf der Liste, die er nicht nennen will. Die üblichen Verdächtigen wie Dirk Bauermann, der 2005 EM-Silber gewann, und Svetislav Pesic, der 1993 für den DBB den bisher einzigen Titel holte, kommen laut Andres nicht in Frage.

Wer das Amt auch übernimmt, soll "die Arbeit von Henrik weiterführen", sagt Andres. Womit er den Teamspirit meint: Rödl war es gelungen, angesichts prominenter Absagen aus der NBA eine eingeschworene Truppe zusammenzuschweißen. Der spielwillige Dennis Schröder hatte aus versicherungstechnischen Gründen passen müssen. In seiner Abwesenheit harmonierten erfahrene Euroleague-Spieler wie Johannes Voigtmann, Maodo Lo und Danilo Barthel mit NBA-Newcomern wie Isaac Bonga und Moritz Wagner.

Der neue Trainers übernimmt also ein intaktes Team, gleichwohl steht er vor einer großen Frage: Soll der so begnadete wie divenhafte Schröder eingebaut werden, oder würde das der Teamchemie schaden? Bei der vergangenen WM in China war das mit einer deutlich besser besetzten Mannschaft und Platz 18 daneben gegangen. "Er wird sich anpassen müssen", glaubt Andres, man habe gesehen, dass "es auch ohne ihn geht".

Das aber werde allein der neue Cheftrainer zu entscheiden haben - wer auch immer das ist.

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