Jack Kayil wollte das Prunkstück aus versilbertem Messing gar nicht mehr aus den Händen geben. Also schleppte er den Meisterpokal nach den ausführlichen Gratulationen in des Gegners Halle mit in die Kabine. Es eilte, denn die Mannschaft musste zum Zug. Ein kleiner Hinweis auf die Unterschiede dieser beiden Vereine: Während die Münchner gerne per Charter fliegen, präferieren die Berliner die Deutsche Bahn.
Sie sind gut und pünktlich angekommen, auch die Bahn wollte diesem „Märchen“, wie es Alba-Boss Marco Baldi nannte, das Happy End nicht verwehren, um danach den „unerwartetsten aller Titel bisher“, wie Baldi meinte, gebührend zu feiern. So groß die Freude bei Alba war, so tief saß der Schock bei den Bayern, denn zur Pause hatte Berlin fast schon aussichtslos mit 20 Punkten zurückgelegen.
Aber wie schon in der vierten Partie, als Berlin ebenfalls in der Schlussphase einen Rückstand gedreht hatte, bewies die Mannschaft ihre ungeheure Resilienz. Als Berlins Malte Delow einen Dreier zum 67:66 traf, die erste Führung seit einer gefühlten Ewigkeit, war das wie ein Niederschlag für den Gegner. Und je schlechter die Münchner trafen, desto sicherer fanden die Berliner Bälle ins Ziel. Vor allem Kayil trumpfte groß auf, der Berliner Spielmacher sammelte seine zehn Punkte allesamt in der Schlussphase.

Vielleicht lässt sich an dem gerade erst 20 Jahre alten Talent am verständlichsten erklären, warum diese Berliner Auswahl so unerwartet wie verdient den zwölften Meistertitel der Alba-Vereinsgeschichte gewonnen hat. Vor dem letzten Viertel hatte Kayil acht Dreier verballert, ließ sich aber nicht entmutigen und war im entscheidenden Moment mit verblüffender Unbekümmertheit zur Stelle. Genau das, was man von den erfahrenen, hochdekorierten Münchnern erwarten musste, zeigten die Gäste. Delow, 25, der 14 Punkte erzielte, oder Jonas Mattisseck, 26, der wie Topscorer Justin Bean 18 Punkte sammelte, agierten abgezockt wie alte Hasen.
In der Vorsaison flog Alba 0:3 aus dem Viertelfinale. Trainer Calles wurde nachgesagt, er könne keine Playoffs gewinnen
„Das Spiel heute war ein Spiegel der Saison“, frohlockte Baldi, „jeder Rückschlag hat uns noch näher zusammenwachsen lassen.“ Und davon gab es einige. Der Geschäftsführer erinnerte an einen „riesigen Schnitt vor dieser Saison“: Berlin startete mit dem Rückzug aus der geliebten Euroleague in die weniger attraktive Champions League in die Spielzeit, was nicht nur den Fans „schwer zu vermitteln“ gewesen sei. Einige der Besten hatten den Klub verlassen, um besser dotierte Angebote anzunehmen.
Schon die erste Saison unter dem neuen Trainer Pedro Calles, der vor zwei Jahren nach andauernder Flaute für Israel Gonzales gekommen war, begann schlecht. Berlin musste sich über die Play-Ins für die Meisterschaftsendrunde qualifizieren, um im Playoff-Viertelfinale gegen Ulm mit 0:3 die Segel zu streichen. Calles wurde danach das „Prädikat“ verpasst, dass er keine K.-o.-Spiele gewinnen kann.
Auch die aktuelle Spielzeit begann mäßig, aber die Berliner fanden spielerisch zunehmend besser zusammen, egal welche Rückschläge sie wegstecken mussten. Wie den Weggang von Boogie Ellis, der Alba – nach starken Leistungen und gerade mal zehn Wochen in Berlin – vom potenten Euroleague-Vertreter Dubai weggekauft wurde. „Diese Jungs haben eine unfassbare Mentalität“, erklärte Baldi nun sichtlich bewegt, „sie spielen mit so viel Herz und Charakter.“ Auch in der besonderen Beziehung der prägenden Akteure zum Klub sah Baldi einen Erfolgsgrund: „Spieler wie Delow oder Mattisseck sind im Verein, seit sie sechs Jahre alt waren, die sind praktisch mit Alba-Milch großgezogen worden.“
Trotz des Erfolgs werde man bei Alba weiter bescheiden bleiben, sagt Baldi: „Wir werden uns nicht verschulden, oder versuchen, irgendwie Geld zusammenzukratzen. Wir werden so, wie wir den Klub und dieses Team aufgebaut haben, auch unsere Zukunft aufbauen.“ Als Beleg dafür darf Jack Kayil dienen, er wird Berlin vorerst in Richtung USA verlassen, ihn locken NBA-Draft und fast ebenso gute Einkunftsmöglichkeiten am College.

