Svetislav Pesic war rasch in die raue Wirklichkeit zurückgeholt worden, nachdem sich der sonst so gestrenge Lehrmeister des Basketball-Bundesligisten Bayern München in der vergangenen Woche einen kurzen, für ihn höchst ungewöhnlichen Ausflug in die Welt der Euphorie erlaubt hatte. Das erste Aufeinandertreffen seiner Bayern in der Finalserie gegen Alba Berlin sei das beste Ligaspiel gewesen, das er je gesehen habe, hatte Pesic nach dem 102:94 am Freitag geschwärmt – nur um 48 Stunden später nach dem 79:86 in Spiel zwei konsterniert festzustellen, man habe nach einer ordentlichen ersten Halbzeit „praktisch aufgehört zu spielen“. Die Frage vor dem ersten Auswärtsmatch der auf maximal fünf Spiele ausgelegten Serie am Mittwoch in Berlin lautete also: erneute Euphorie oder wieder raue Wirklichkeit?
Es war Begeisterung, die Pesic nach dem 91:83-Erfolg seiner Mannschaft an den Tag legte – auch wenn man diese Begeisterung erst aus ihm rauskitzeln musste und er die Leistung des Gegners ausdrücklich in sein mehrminütiges Proseminar über den Gegensatz zwischen unbeschwert-fröhlichem Enthusiasmus und deutschem Negativismus einbezog. Statt zu fragen, warum er den zuletzt aufmüpfigen Kanadier Xavier Rathan-Mayes wieder nicht habe spielen lassen, solle man sich lieber an dem „Spektakel“ erfreuen, das beide Teams nun zum dritten Mal binnen sechs Tagen aufgeführt hätten, belehrte der Serbe den Fragesteller. Die Qualität der Finalserie sei Ausweis jenes Qualitätssprungs, den der deutsche Basketball in den vergangenen Jahren gemacht habe. Und überhaupt: „Die Jungs haben gekämpft bis zum Umfallen.“
Damit allerdings hatte er recht, der alte Fuchs. Es war ein harter, intensiver Kampf, es war „roher, körperlicher Basketball“, wie Alba-Forward Malte Delow es anschließend beschrieb. Vor allem aber war es ein ungeheuer enges Spiel, das 38 Minuten lang auf Messers Schneide stand, bevor die Bayern den Sieg in den letzten zwei Minuten regelrecht erzwangen. Sie agierten noch ein Quäntchen härter, noch ein Stück intensiver und noch ein wenig körperlicher als die Albatrosse, die in der Schlussphase zudem an der Freiwurflinie geradezu sträflich patzten und allzu hektisch agierten. Die Bayern liegen in der Serie nun mit 2:1 in Führung und können bereits an diesem Freitag in Berlin ihren deutschen Meistertitel verteidigen. „Freitagabends in Berlin feiern zu gehen, wäre schon ne coole Sache“, sagte FCB-Center Johannes Voigtmann.
Die Wurfquoten waren im Verglich zu den ersten beiden Spielen miserabel, vor allem bei den Berlinern
Warum die Münchner am Ende knapp vorn lagen und jetzt den ersten Matchball haben, zeigte sich vielleicht am besten an der Leistung von Andreas Obst. Der Weltmeister, Europameister und offiziell wertvollste Spieler der diesjährigen Bundesligasaison fand in der Offensive bis ins Schlussviertel hinein praktisch nicht statt. Das heißt aber mitnichten, dass er nach seiner 33-Punkte-Gala in Spiel eins diesmal kein Faktor gewesen wäre. Im Gegenteil: Der Liga-MVP warf sich von Beginn an ins Getümmel und nahm Martin Hermannsson, den sonst so lässig-abgezockten Aufbauspieler der Berliner, spätestens vom zweiten Viertel an beinahe komplett aus dem Spiel. Und als es zum Ende darauf ankam, lieferte der Weltmeister auch vorn ab: Mit 14 Punkten schob er sich im mannschaftsinternen Ranking hinter Nenad Dimitrijevic (19) und Vladimir Lucic (15) noch auf Rang drei vor.
Wie intensiv es in der Max-Schmeling-Halle zur Sache ging, wurde nicht nur daran deutlich, dass die Münchner bereits wenige Minuten nach Spielbeginn sechs Teamfouls zu Buche stehen hatten. Sondern auch an einem Fehlwurffestival, das beide Mannschaften zum Ende des ersten Viertels veranstalteten. Zwei, drei Minuten lang ging kaum ein Ball in den Korb, weil die Spieler unter Druck werfen mussten, hart angegangen wurden oder in der allgemeinen Hektik schlicht die Übersicht verloren. „Wir haben gut verteidigt und den Gegner dadurch zu Turnovern gezwungen“, analysierte Voigtmann.
Zugleich gab es vor den Augen der deutschen Basketball-Größen Franz Wagner und Dennis Schröder aber auch Szenen zu bestaunen, die man sonst eher aus der amerikanischen Top-Liga NBA kennt: zwei krachende Dunks von Alba-Forward Justin Bean und Center Norris Agbakoko etwa, oder einen Treffer fast von der Mittellinie durch Berlins Guard Jack Kayil, der mit 17 Punkten letztlich auch zum besten Werfer seines Teams avancierte.
Und doch: Am Ende waren es vor allem die zeitweise miserablen Wurfquoten, die den Bayern zum Sieg verhalfen. Im ersten Viertel brachten die Berliner etwa das Kunststück zustande, in ein und demselben Angriff drei Offensiv-Rebounds abzugreifen und trotzdem nicht zu punkten. Vor allem aber an der Freiwurflinie ließen die Hauptstädter jede Menge Punkte liegen: Nur 14 von 24 Versuchen landeten im Korb, allein in den letzten, alles entscheidenden Minuten gingen fünf Würfe daneben.
„Defense, Defense, Defense“, sagte der Basketballphilosoph Pesic nach dem Spiel, das sei das, was Trainer ihren Mannschaften immer wieder einbläuten. Die beste Verteidigung nütze am Ende aber auch nichts, wenn vorn die nötigen Punkte nicht eingefahren würden. „Wenn Du nicht triffst“, so der erfahrenste aller Bundesligatrainer, „wird’s schwer.“

