WM-Qualifikation im Basketball:Wettbewerb der Zweitbesten

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Basketball, WM Quali, Polen - Deutschland 2021.11.28 Lublin Koszykowka Kwalifikacje do Mistrzostw Swiata 2023 Polska - N

Gegen Estland und Polen war Christian Sengfelder einer der besten Akteure im Nationalteam, für ein großes Turnier wurde der 26-Jährige noch nie nominiert.

(Foto: Wojciech Szubartowski /Newspix/Imago)

Das deutsche Basketball-Nationalteam leidet akut darunter, dass die besten Spieler mit ihren Vereinen in der Euroleague gebunden sind. Die nimmt keine Rücksicht auf nationale Interessen - ein Modell, dass auch im Fußball zu Problemen führen kann.

Kommentar von Ralf Tögel

Am späten Sonntagabend dürfte sich die Laune von Ingo Weiss gebessert haben. Der Präsident des Deutschen Basketball Bundes (DBB) hatte ja vor dem Start in die WM-Qualifikation wissen lassen, wie sehr ihn die personelle Situation in der Nationalmannschaft "ankotzt". Die folgende 63:66-Heimniederlage beim Debüt des neuen Bundestrainers Gordon Herbert hat das präsidiale Gemüt wohl weiter gedrückt, da kam der 72:69-Auswärtssieg in Polen als Stimmungsaufheller gerade recht. Die DBB-Auswahl ist auf dem Weg zur WM 2023 wieder auf Kurs: Die ersten Drei der Vierergruppe erreichen die zweite Runde, bei den Gegnern Estland, Polen und Israel ist das machbar. Alles gut, Präsident befriedet? Mitnichten.

Denn der Weg zur WM nach Indonesien, Japan und den Philippinen ist weit, die Gegner in der zweiten Runde sind deutlich besser, das Ticket ohne die besten Profis schwer zu lösen. Aber die fehlen, von jener Mannschaft, die in Tokio erstmals seit 1992 wieder in ein Olympia-Viertelfinale eingezogen ist, stand einzig Robin Benzing auf dem Parkett. Der spielt bei Fortitudo Bologna, die Italiener sind international nicht engagiert.

Sehr wohl aber die abwesenden Kollegen: Kein einziger Nationalspieler aus einem Euroleague-Klub war gegen Estland oder Polen dabei. Am Donnerstag war in der Euroleague ein Spieltag, am Sonntag war Regeneration angesagt, vor den nächsten Strapazen in Euroleague und Bundesliga. Die sieben Profis aus der nordamerikanischen Elite-Liga NBA standen erst gar nicht zur Debatte, der übervolle Spielplan und die große Distanz verhindern Einsätze im Nationalteam während der Saison seit jeher.

Die Spieler, die jetzt für Deutschland die Kohlen aus dem Feuer holen, werden bei den großen Turnieren nicht mehr berücksichtigt

Man stelle sich das mal für den Fußball vor: Die Qualifikation zur Weltmeisterschaft steht an, und die besten Spieler sind bei ihren Klubs gebunden. Undenkbar? Noch.

Denn die Basketball-Euroleague funktioniert nach exakt dem System, das der europäische Fußball mit einer Superleague installieren wollte. Ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen, das mit den besten Spielern einen hochkarätigen und hoch profitablen internationalen Wettbewerb organisiert. Dass die Spieler irgendwann an ihre Belastungsgrenze stoßen und freiwillig verzichten, liegt auf der Hand. Die Bemühungen der Vereine, ihre Besten umsonst für nationale Einsätze zu motivieren und Verletzungen zu riskieren, werden überschaubar bleiben. Das schadet dem Nationalteam, das schadet dem Basketball. So wird diese WM-Qualifikation zu einem Wettbewerb der Zweitbesten degradiert, und dass dieses Los alle Nationen trifft, macht die Sache nicht besser.

Die nächsten Spiele sind Ende Februar, da geht es in der Euroleague in die heiße Phase. Für Bundestrainer Herbert bedeutet das wohl, erneut eine Bundesliga-Auswahl an den Start zu schicken. Dass diese Spieler, die jetzt die Kohlen aus dem Feuer holen, ihr Handwerk verstehen, haben sie mit dem Sieg gegen Polen bewiesen - die Aussichten für einen Sieg gegen Israel sind also nicht schlecht. Die Aussichten auf eine WM-Teilnahme dagegen sehr wohl, dann nämlich haben die Kollegen aus der NBA und der Euroleague wieder Zeit.

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