Süddeutsche Zeitung

Basketball:Das rabiateste Basketballspiel der Saison

  • Tabellenführer FC Bayern verliert das Spitzenspiel der Basketball-Bundesliga gegen Alba Berlin.
  • Es kommt zu vielen unschönen Szenen. In Reggie Redding, Devin Booker und Joshiko Saibou müssen drei Spieler vorzeitg das Parkett verlassen.
  • Nach der dritten Pflichtspielniederlage gibt Bayerns-Trainer Sasa Djordjevic seinen Spielern frei, damit sie sich erholen und wieder zur Besinnung kommen.

Es liefen gerade die letzen Hundertstelsekunden von der Uhr, als Peyton Siva rücklings auf den Boden fiel. Umgestoßen vom herbeigeeilten Münchner Vladimir Lucic, der seinen Ellbogen rüde in den Bauch seines Gegenspieles von Alba Berlin rammte. Es war das hässliche Ende eines unterhaltsamen, bisweilen aber mit Handgreiflichkeiten und drei Hinausstellungen sehr rabiat geführten Basketballspiels zwischen dem Tabellenführer der Basketball-Bundesliga (BBL) FC Bayern und seinem engsten Verfolger aus Berlin.

Nach dem Empfinden der Münchner hätte es nicht mehr zu dieser letzten Szene, zu diesem Foul von Lucic, kommen dürfen, weil Berlin zu diesem Zeitpunkt bereits 88:72 enteilt war. Uneinholbar. Lucic und seine Mitspieler hatten erwartet, dass Siva das Spielende, im Stand dribbelnd, abwarten würde. Auch im deutschen Basketball gibt es dieses ungeschriebene Gesetz, das in der nordamerikanischen Profiliga NBA schon den Rang einer Regel erreicht hat: eine Art Nicht-Angriffspakt in den Schlusssekunden. Ist die Partie in dieser Phase bereits entschieden, lässt die führende Mannschaft die Uhr in der verbleibende Spielzeit ohne weitere Aktion herunterlaufen. Aus Respekt vor dem Verlierer.

Der Amerikaner Siva warf aber und spielte den letzten Angriff aus, weil sein spanischer Trainer Aíto García Reneses nichts von derlei NBA-Gepflogenheiten hält. "Das Spiel geht bis zur letzten Sekunde", erklärte der 71-Jährige nach dem 91:72-Sieg, mit dem seine Mannschaft den Rückstand auf den FC Bayern auf vier Punkte verkürzte. Sein Gegenüber Aleksandar Djordjevic betrachtete die Geschehnisse hinterher anders. Der Serbe, einst erfolgreicher Spielmacher unter Reneses, hatte sogar aus Frust überlegt, nicht zur Pressekonferenz zu erscheinen. Er kam dann doch, "aus Respekt vor den Spielern und dem Klub", wie Djordjevic sagte.

Der FC Bayern absolvierte zuletzt neun Partien in nur 21 Tagen

Die dritte Pflichtspielniederlage der Münchner öffnete sehr gut den Blick in ihre gegenwärtige Gefühlswelt, die zwischen Freude und Verwirrung liegt. "Ich bin stolz darauf, wie die Saison bisher für uns gelaufen ist", erklärte Djordjevic. Der 50-Jährige klang dabei gar nicht trotzig, er meinte es so, wie er es sagte. Die Bayern haben nicht nur den Pokal in dieser Spielzeit gewonnen, sie haben mit ihrem schnellen, attraktiven und wuchtigen Teambasketball außerdem im Eurocup gezeigt, dass sie eine Mannschaft sind, die schon bald international reüssieren kann. Die knappe Halbfinalniederlage gegen Darussafaka Istanbul brachte ihnen den Respekt des europäischen Basketball-Hochadels ein, der sie nun als echten Konkurrenten wahrnimmt.

Doch gleichzeitig müssen die Münchner erkennen, dass auf höchstem europäischem Niveau jedes Detail entscheidend sein kann. Vor allem der Kader muss so zusammengestellt sein, dass er gegen die körperlichen und mentalen Strapazen von vielen Spielen innerhalb weniger Tage immun ist. Die Münchner haben nun erstmals eine Ahnung davon bekommen, was der derzeit schwächelnde deutsche Meister Brose Bamberg in der Euroleague schon sieben Mal erlebt hat: drei Spiele in einer Woche. Neun Partien in 21 Tagen, so rechnete Djordjevic vor, hatten die Bayern zuletzt im In- und Ausland zu bewältigen. "Das war eindeutig zu viel für uns", befand er, um hinzuzufügen: "Das soll keine Ausrede sein, sondern ist ein Fakt."

Münchens Redding würgte seinen Berliner Gegenspieler Saibou fast

Was er hauptsächlich auf den körperlichen Zustand bezog, wirkte sich auch in den Köpfen der Spieler aus. Die Ermattung führte dazu, dass vor allem Reggie Redding überreagierte. Der Amerikaner, der einst für Alba auflief, ist eigentlich ein besonnener Spieler, einer der prägenden Figuren auf dem Parkett, aber gegen Ende des dritten Viertels ließ er sich von seinem Berliner Gegenspieler Joshiko Saibou so provozieren, dass er diesem zunächst mit der rechten Hand ins Gesicht wischte, um ihn anschließend mit beiden Händen fast zu würgen. Saibou wehrte sich, indem er sich gewaltsam mit der Schulter losriss.

Da der Bayern-Profi Devin Booker von der Bank aus unerlaubt aufs Spielfeld rannte, um beschwichtigend einzugreifen, wurde er wie die Streithähne ebenfalls mit einer Disqualifikation bestraft, alle drei durften nicht mehr mitspielen. Zu diesem Zeitpunkt war das Spiel noch ausgeglichen, Alba führte mit vier Punkten (52:48), aber die Hinausstellung seiner wichtigsten Spieler konnte München angesichts des Kräfteverschleißes nicht mehr ausgleichen, Alba siegte, ohne sich verausgaben zu müssen.

"Nur wenn wir gemeinsam kämpfen, können wir unsere Ziele erreichen"

Es wird nun spannend zu beobachten sein, wie die Münchner Profis mit der neuen Situation umgehen, es ist das erste Mal in dieser Saison, dass Trainer Djordjevic drei Niederlage in Serie zu moderieren hat. Er gibt seinen Spielern erst einmal zwei Tage frei, sie sollen durchschnaufen, regenerieren - und sie sollen zur Besinnung kommen, "denn die Spieler dürfen in so einer Partie keine Fehler machen, die sie aus der Halle verbannen", sagte er streng: "Nur wenn wir gemeinsam kämpfen, können wir unsere Ziele erreichen."

Das Spiel hat gezeigt, dass auf dem Weg der Meisterschaft Alba Berlin wohl der unangenehmste Gegner werden könnte, Trainer Reneses ist es bisher vorzüglich gelungen, aus einem guten, aber nicht überragend besetzten Kader eine Mannschaft zu formen, die alles mitbringt, um den Meistertitel erringen zu können. Davon wollen sie in Berlin aber noch nichts wissen. "Wir haben die Bayern in einem richtigen Moment erwischt und sollten es deshalb nicht überbewerten", sagte Alba-Manager Marco Baldi. Auch Djordjevic möchte die drei Niederlagen nicht dramatisieren, "wir werden zurückkommen, weil wir Stolz in uns tragen", sagte der Serbe und fügte hinzu: "Für uns beginnt die Saison nun neu." Jetzt klang er trotzig.

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SZ vom 27.03.2018/schma
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