Basketball:Das Eis bricht

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Basketball: Geboren in Würzburg: Felix Hoffmann (Mitte) geht es besonders nahe, wenn so viel auf dem Spiel steht wie momentan.

Geboren in Würzburg: Felix Hoffmann (Mitte) geht es besonders nahe, wenn so viel auf dem Spiel steht wie momentan.

(Foto: Heiko Becker/HMB-Media/imago)

Für Würzburgs Basketballer steht die Zugehörigkeit zur Bundesliga auf dem Spiel - da tut der Derbysieg gegen Bamberg besonders gut. Eindrücke von einem Klub, der allmählich wieder Halt findet.

Von Sebastian Leisgang

Am Ende hält es Felix Hoffmann nicht mehr auf der Bank. Er kann jetzt ja nicht einfach bloß dasitzen und tatenlos zuschauen, wenn es ein paar Meter vor ihm um alles geht, also steht er an der Bande, ein rotes Handtuch um den Hals, die Anspannung im Gesicht.

Es sind die letzten Sekunden des Spiels. Vor dem vierten Viertel haben die Würzburger noch mit zehn Punkten in Führung gelegen, doch jetzt sind sie mal wieder auf bestem Wege, alles zu verspielen und zum zwölften Mal nacheinander in der Bundesliga zu verlieren. Es steht 85:87, Bamberg ist zwei Punkte voraus, und Hoffmann kann gerade nichts ausrichten, weil fünf andere auf dem Feld stehen.

Hoffmann, 32, ist unruhig, es ist ihm anzumerken, wie schwer ihm das Zuschauen fällt. Hoffmann ist in Würzburg geboren, er hat schon in seinen Jugendjahren für den Klub gespielt, später war er Teil des Reservekaders, jetzt ist er der Kapitän der Bundesliga-Mannschaft, klar also, dass es einem wie ihm besonders nahe geht, wenn so viel auf dem Spiel steht wie momentan. Ist ja irgendwie auch sein Klub, der da gerade vor sich hin baumelt, als hänge er nur noch an einem seidenen Faden.

"Ich weiß, was Basketball für den Standort bedeutet", sagt Kapitän Hoffmann

Würzburg hat zuletzt Anfang November ein Basketballspiel gewonnen, 90:70 gegen Bayern München, ein rauschhafter Sieg an einem Dienstagabend, die Halle kochte, aber das ist halt auch schon wieder drei Monate her. Mittlerweile steckt Würzburg mitten im Abstiegskampf, es geht längst ums große Ganze. "Ich weiß, was Basketball für den Standort bedeutet", sagt Hoffmann, als das Spiel vorbei ist. Er steht jetzt auf dem Spielfeld, Badelatschen, die Hände in die Hüften gestemmt. Die vergangenen Wochen waren hart. Die Niederlagen, ein Trainerwechsel, Corona, all das hat den Würzburgern ziemlich zugesetzt, doch jetzt huscht Hoffmann ein Lächeln ins Gesicht.

1,8 Sekunden vor dem Ende hat Cameron Hunt von der Freiwurflinie getroffen. 90:89 für Würzburg, der erste Sieg des Jahres. "Es ist eine dicke fette Eisschicht, die jetzt gebrochen ist", sagt Hoffmann. Wenn man vor ihm steht und sich mit ihm unterhält, wirkt er größer als mit dem roten Handtuch an der Bande, fast schon stämmig. Seine Schultern mussten eine Menge tragen in den vergangenen Wochen, in der Krise waren die Blicke ja auch auf ihn gerichtet, den Kapitän, den Würzburger, das Kind dieser Stadt. "Wir mussten ziemlich viel aushalten", sagt Hoffmann. Irgendwann, wenn die Niederlagen nicht abreißen, wird einem das Siegen ja fremd. Man verliert die ersten Spiele, das dritte, das vierte, das fünfte - und dann, wenn man gar keinen Halt mehr findet, dann verliert man auch das Gefühl, wie das überhaupt ist: ein Spiel zu gewinnen.

"Jetzt tut es einfach gut - gerade gegen Bamberg", sagt Hoffmann in Badelatschen. Ein paar Meter weiter, im Eck der Halle, wo sonst die Würzburger Fans dicht beieinanderstehen, wenn nicht gerade eine Pandemie dazwischenfunkt, da hängt ein Spruchbund: We still believe in you, schwarze Buchstaben auf weißem Grund, dahinter ein rotes Ausrufezeichen, um klarzumachen, dass die Zeile nicht einfach so dahingepinselt ist. Es waren auch die 749 Fans, die ihre Mannschaft an diesem Sonntagnachmittag zum Sieg getragen haben. Die ihr zur Seite sprangen, als Bamberg kurz vor Schluss führte.

Hunt wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Pflicht- und Mammutaufgabe - und trifft

Dann kam Hunt und traf. Freiwürfe sehen ja so leicht aus, wenn man nicht selbst an der Linie steht. Ist doch ein Kinderspiel, eine Pflichtaufgabe, aber dieser Moment, vor den Augen aller, in der Stille der Halle, in der man auch ein rotes Handtuch fallen hören könnte, dieser Moment ist eine große Prüfung. Es ist ein schmaler Grat zwischen Pflicht- und Mammutaufgabe. Auf einmal diese Stille aushalten zu müssen, kein Getöse mehr von einem auf den anderen Moment, das kann einen völlig aus der Fassung bringen.

Wenn man all das im Kopf hat und auch bedenkt, welche Niederlagengeschichte Würzburg mit sich rumgetragen hat, dann bemerkt man, wie erstaunlich Hunts Leistung eigentlich war. In den vergangenen Wochen war der Mannschaft ja noch alles entglitten, Viertel für Viertel, Spiel für Spiel. "Das wäre uns jetzt fast wieder passiert", sagte Hoffmann am Sonntag, "aber dieses Mal haben wir den Kopf noch aus der Schlinge gezogen." Und das unter größtem Druck.

Welch schwere Last auf dem Team lag, das ließ ja schon in den ersten Minuten an Sasa Filipovski ablesen. Würzburgs Coach war derart angespannt, dass er den Mund aufriss, beide Hände mit abgespreizten Fingern in die Luft warf und dann mit dem Fuß ausholte, um ihn in hohem Bogen wieder auf dem Boden abzustellen. Für einen Moment sah es so aus, als sei Filipovski Sumoringer und wolle seinen Gegner vor dem Kampf einschüchtern - dabei steckte er doch in feinem Zwirn und trug nicht bloß einen Gürtel um die Hüfte. Die Szene zeigte aber, wie sehr Filipovski unter Strom stand.

Filipovski in Sumoringer-Pose, es war das Bild des Spiels. Hoffmann in Badelatschen, entspannt und vor allem erleichtert - das war es dann, was einem am Ende im Kopf blieb.

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