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Basketball-Bundesliga:Tiraden in der Fußgängerzone

11 Andreas Seiferth - medi Bayreuth; 4 Ryan Luther - BK Ventspils; medi Bayreuth vs. BK Ventspils Bayreuth *** 11 Andre

„Wir sind jetzt so weit, dass wir in jedem Spiel konkurrenzfähig sind.“ – Das soll, wenn es nach Andreas Seiferth (links) geht, auch am Sonntag beim Tabellenführer FC Bayern München gelten.

(Foto: Eibner/imago)

Der Aufschwung der Bayreuther Basketballer hat viel mit dem wiedergenesenen Center Andreas Seiferth zu tun, der schon seit fast vier Jahren dort spielt. Er ist das Gesicht des Teams - das bringt nicht nur Vorteile.

Diese eine Begegnung in der Innenstadt hat Andreas Seiferth noch gut in Erinnerung. Sie liegt ein paar Wochen zurück, Seiferth hat sie unter diesem einen Begriff in seinem Gedächtnis abgespeichert: skurril.

Es waren keine guten Tage für die Bayreuther Basketballer, sie verloren Spiel um Spiel, sowohl in der Bundesliga als auch im Europe Cup. Seiferth lief durch die Fußgängerzone, als ihn auf einmal ein Passant ansprach: "Hey Seiferth." Dann, so erzählt er es, "habe ich einen Monolog an den Kopf gekriegt, und dann hat er 'Schönen Tag noch' gesagt und ist weitergegangen". Der Passant war ein Eishockeyfan, er hatte mit Basketball nichts am Hut, auch deshalb war es irgendwie eine merkwürdige Erfahrung. "Er wollte einfach nur seinen Frust rauslassen, weil es beim Eishockey auch nicht gut gelaufen ist", sagt Seiferth.

Jetzt sitzt Seiferth, 30, in einem Café am Bayreuther Marktplatz, die jüngste Niederlage im Europe Cup ist noch keine 24 Stunden alt. "Wir konnten den Schwung nicht mitnehmen", sagt Seiferth und schnipst mit den Fingern. Das 80:84 am Mittwochabend gegen Ventspils, es war die erste Pleite nach vier Siegen in Serie. Grundsätzlich findet Seiferth aber: "Der Trend geht nach oben."

Er spielte mal für den FCB, ehe er sich - unzufrieden mit seiner Rolle - nach Franken aufmachte

In den ersten Saisonwochen hatte die Mannschaft noch eine Niederlage an die andere gereiht. Es war eine angespannte Zeit, die Stimmung war schlecht, der Anhang nervös, nicht zuletzt, weil Seiferth mit einer langwierigen Schulterverletzung fehlte. Bei den Spielen stand er draußen, man hörte ihn manchmal durch die Halle schreien, anfeuern, doch er konnte wenig ausrichten. In der Fußgängerzone musste er dann die Tiraden über sich ergehen lassen, "fast täglich", sagt Seiferth, "da habe ich schon gemerkt, wie sehr es die Leute beschäftigt".

Jetzt, im Café, soll es ein Gespräch über den Bayreuther Aufschwung und über seine Position im Klub werden. Seiferth, schwarze Jacke, Zweitagebart, tiefe Stimme, spielt seit beinahe vier Jahren in Bayreuth, alleine deshalb ist er eine Institution im Verein. Treue ist im Sport noch seltener als im Leben, im Basketball erst recht. Er aber sei keiner, der stets auf gepackten Koffern sitze, sagt Seiferth. Der Gedanke, lange Zeit an einem Ort zu sein und sich mit einem Klub und den Menschen in der Stadt zu identifizieren, der gefalle ihm.

Am Nachbartisch lässt sich ein älterer Mann nieder. Er hört erst eine Weile zu, dann schaltet er sich irgendwann ins Gespräch ein, leise redend, derart nuschelnd, dass es schwer fällt, ihm zu folgen. Er habe heute Geburtstag und lebe auf der Straße. Der Mann reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. Offenbar ahnt er, dass Seiferth inzwischen einer von ihnen ist, ein Bayreuther. Er, der gebürtige Berliner, redet inzwischen ja auch manchmal so wie die Leute in der Stadt. Auch Seiferth sagt jetzt hin und wieder: a weng. Oder: fei.

"Am Anfang der Saison sind viele Sachen zusammengekommen", betont Seiferth jetzt, "die Spieler mussten immer wieder auf anderen Positionen aushelfen, es kam keine Ruhe rein, und im Umfeld haben viele schwarz gemalt und die Saison gleich abgeschrieben. An kleineren Standorten ist es immer sehr emotional - da ist Bayreuth keine Ausnahme."

Seine Stimme hat etwas Beruhigendes und etwas Bestimmendes zugleich. "Mittlerweile ist es auch vom Selbstverständnis her ein anderes Auftreten", sagt Seiferth.

Was er nicht explizit sagt: Das liegt auch an ihm. Er hat die Mannschaft nach seiner Rückkehr auf Anhieb stabilisiert, er kennt das System, er weiß, was Trainer Raoul Korner von ihm als Center verlangt. "Es wäre leichter für mich gewesen, nach der Verletzung erstmal ankommen zu dürfen", sagt Seiferth, "aber es hat auch was, direkt gebraucht zu werden." Vor allem dann, wenn es gutgeht.

"Wir sind jetzt so weit, dass wir in jedem Spiel konkurrenzfähig sind", sagt Seiferth. Auch am Sonntag, bei der Partie in München, da ist er sich sicher. Für ihn selbst wird das Duell mit dem FC Bayern in gleichem Maße besonders und gewöhnlich. Besonders, weil er mal für die Münchner gespielt hat. Gewöhnlich, weil es dann doch nur ein halbes Jahr war, ehe er sich, unzufrieden mit seiner Rolle, nach Oberfranken aufmachte. Hier, in Bayreuth, ist er inzwischen einer von ihnen. In München war Seiferth einer von vielen.

Nun also die Rückkehr. Und zumindest die leise Hoffnung, den Bayern die erste Saisonniederlage in der Bundesliga beizubringen. "Wir haben in den vergangenen Jahren immer relativ gut gespielt in München", sagt Seiferth, "letztes Mal waren wir in der Overtime. Das ist also keine Angsthalle von uns." Er weiß aber auch: "Es muss schon viel zusammenkommen, damit wir eine Chance haben."

Sollte der Coup am Ende gelingen, stünde Seiferth das eine oder andere Gespräch in der Fußgängerzone bevor. Es wären dann Lobeshymnen, keine Tiraden.