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Basketball-Bundesliga:"Nicht mehr das Bamberg von früher"

Der neue Brose-Trainer Johan Roijakkers erklärt, warum er auf dem Spielfeld mehr organisiertes Chaos erzeugen will.

Interview von Ralf Tögel

Headcoach Johan Roijakkers (Brose Bamberg) Medi Bayreuth - brose bamberg - Testspiel - easyCredit-BBL 2019/20 - Basketba

„Es wird Spaß machen, uns zuzuschauen. Wenn es scheiße aussieht, bin ich ja derjenige, der es jeden Tag sehen muss.“

(Foto: Daniel Löb/imago images)

SZ: Haben Sie sich eingelebt in Bamberg, es gab ja eine Verzögerung beim Umzug. Sind Möbel und Kleidung da?

Johan Roijakkers: Ja, es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt ist alles so gut wie möglich organisiert. Ich bin ja Single und fast immer in der Halle, aber es läuft.

Und im Job?

Man benötigt einige Wochen, um alles kennenzulernen. Wer macht was, wie funktioniert die medizinische Abteilung, solche Dinge. Das braucht Zeit, darauf lege ich meinen Fokus, jeden kennenzulernen, mit jedem zu sprechen. So finde ich heraus, wo die Baustellen sind, woran man arbeiten muss. Es ist ein Vorteil, dass ich viele von meinem Trainerteam aus Göttingen mitgenommen habe, wir versuchen jetzt, unsere Kultur nach Bamberg zu bringen.

Die Göttinger Kultur?

Ja, unsere Art, wie die Abläufe sind, wie wir arbeiten. Das versuchen wir hinzukriegen, es läuft auch ziemlich gut, aber eine eigene Philosophie zu etablieren, das geht nicht in ein paar Wochen oder Monaten, man benötigt Stabilität auf und neben dem Feld.

Man sagt, Sie seien ein Sauberkeitsfanatiker, es gibt Videos, wie Sie die Trainingshalle in Göttingen reinigen.

Oh ja. Es ist wichtig, alles aufgeräumt und organisiert zu haben. Dann kann man besser und effizienter arbeiten. Wenn man neben dem Spielfeld alles sauber organisiert hat, überträgt sich das auf das Spielfeld. Das war eine der erste Baustellen, die wir bearbeitet haben.

Also war nicht alles sauber in Bamberg?

Damit meine ich keinen Schmutz, aber ja, viele Leute waren weg, da war nicht mehr viel. Das hatte den Vorteil, dass man alles nach den eigenen Vorstellungen gestalten kann. Das hat mir gefallen.

Und Sie haben freie Hand?

Natürlich überlegt man zusammen, zum Beispiel mit dem Geschäftsführer, mit den Leuten, die hier alles kennen. Was funktioniert hat, muss man nicht ändern. Aber wir verpassen Bamberg unsere Handschrift.

Sind Sie zufrieden mit dem Team?

Wir sind nicht mehr das Bamberg von früher, der Etat ist um sechs Millionen geschrumpft. Das zeigt sich natürlich auch bei der Spielerquantität, aber ich bin zufrieden. Wir haben viele Spieler mit Entwicklungspotenzial, aber auch erfahrene wie Tyler Larson, Chase Fieler, David Kravish. Unsere Amerikaner sind im besten Basketball-Alter, im Schnitt um die 28, wir haben deutsche Spieler wie Bennet Hundt, Dominic Lockhart, Christian Sengfelder und Kenneth Ogbe, die bewiesen haben, dass sie in dieser Liga bestehen können. Es ist eine gute Mischung, mit der es sich arbeiten lässt. Aber es gibt noch Luft nach oben.

Fast alle Schlüsselspieler sind weg.

Richtig, wir haben Leistungsträger wie Bryce Taylor oder Elias Harris verloren. Jetzt ist die Mannschaft jünger, wilder, auch ein bisschen unkontrollierter, aber mit Entwicklungspotenzial.

In Gerry Blakes musste ein Spieler mitten in der Vorbereitung nach nicht mal acht Wochen schon wieder gehen, wieso das?

Er wollte derjenige sein, für den die Systeme angelegt werden, der die Würfe bekommt. Das passte nicht zum Konzept.

Wird noch nachverpflichtet?

Aktuell fehlt uns auch noch ein Leader, einer, der in den entscheidenden Phasen, wenn es einmal nicht so läuft, das Heft in die Hand nimmt und das Spiel an sich reißt. Wir beobachten den Markt.

Neben dem Trainerteam haben Sie in Hundt und Lockhart wichtige Akteure aus Göttingen mitgebracht, erleichtert das die Arbeit?

Ein bisschen, sicher, es hilft, dass Bennet Point Guard ist. Aber besonders auf den Positionen vier und fünf, auf dem Flügel und unter dem Korb müssen wir noch lernen, wohl auch aus unseren Fehlern.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Stoschek hat bei Ihrer Vorstellung erzählt, Sie hätten sich mit einer genauen Analyse eines jeden Spielers beworben. Hatten Sie auch Verbesserungsvorschläge dabei?

Ich denke zunächst mal, Bamberg hat viel richtig gemacht. Sie hatten einen starken Kader, viele Spiele gingen knapp verloren, das kann auch am Glück liegen. Sie hatten die beste Rebound-Mannschaft der Liga, da kann nicht alles schlecht gewesen sein.

Dennoch wollen Sie das Spiel der Bamberger verändern - wie?

Ein bisschen mehr organisiertes Chaos, wie ich das nenne. Mehr Bewegung, weniger statisch, mehr Energie, der Ball wird schneller laufen, da nehme ich auch Fehler in Kauf. Es wird Spaß machen, uns zuzuschauen. Wenn es scheiße aussieht, bin ich ja derjenige, der es jeden Tag sehen muss.

Das hat Stoschek schon immer gefordert, attraktiven, schnellen Basketball. Das sollte ja passen?

Was ist schnell? Fast Breaks oder mehr Tempo in der Ballbewegung? Wir haben bisher viel Halbfeldbasketball trainiert, im Zusammenspiel sind wir schon gut. Am Tempospiel haben wir noch nicht so viel gearbeitet, aber wir wollen beides verbessern. Der Ball soll in drei, vier Sekunden über der Mittellinie sein, aber wir brauchen noch ein bisschen Zeit.

Es gab ja auch eine ungewöhnlich lange Pause.

Das muss man berücksichtigen. Einige Spieler haben viele Monate nicht trainiert, da muss man das Training langsam aufbauen. Sonst steigt die Verletzungsgefahr.

Bisher blieb das Team weitgehend davon verschont.

Das zeigt, dass wir mit dem Training richtig liegen. Es gab ein paar Blessuren, meist von Zusammenstößen. Aber uns fehlt noch etwas die Kondition. Dafür sind wir in Sachen Spielverständnis schon recht weit, die Spieler wissen, was sie zu tun haben, was der Mitspieler erwartet.

Wo, glauben Sie, steht die Mannschaft?

Das ist schwer zu sagen, nur eines ist klar: Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen. In der Trainingsanalyse sehe ich, dass das Zusammenspiel gut ist, in Trainingsspielen ist das anders, da fehlt der Rhythmus.

Gegen Straßburg haben Sie die Defensivarbeit kritisiert, legen Sie darauf besonderen Wert?

Ja. Da waren wir im ersten Viertel katastrophal und haben die restlichen 30 Minuten gewonnen. Gegen Bayern war es andersherum, da waren wir in den ersten 15 Minuten gut, danach sehr schlecht. Wir haben am Anfang alles gegeben und unseren Rhythmus gefunden, danach sind wir konditionell eingebrochen. Aber man hat gesehen, dass wir mithalten können.

Wie stabil ist die Mannschaft mental?

Wir müssen noch unsere Formation finden, einige Spieler müssen in ihre Rolle wachsen, das dauert.

Reicht die Zeit, am 17. Oktober beginnt die Saison mit der Pokal-Vorrunde?

Darauf schaue ich nicht. Im ersten Spiel wird kein Team seinen besten Basketball spielen. Auch wir werden im Laufe der Saison wachsen.

In Göttingen haben Sie viel mit überschaubaren Möglichkeiten erreicht, mit dem Wechsel nach Bamberg haben Sie die Komfortzone verlassen, warum?

Ich denke, es ist wichtig, sich weiterzuentwickeln, den nächsten Schritt zu machen. Aber ich fühle mich hier auch komfortabel. Wenn ich mich wohl fühle, kann ich auch meine beste Leistung abrufen.

Sie wollen sicher auch etwas beweisen.

Das ist mir nicht so wichtig. Ich komme jeden Tag um sieben ins Büro und versuche, alles zu verbessern. Unser Motto im Trainerstab ist: jeden Tag besser werden. Dann werden wir schauen, wohin es führt.

Vor einem Jahr hat Michael Stoschek, der nach wie vor der starke Mann im Verein ist, eine neue Ära ausgerufen. Es wurden ein neuer Trainer, ein neuer Geschäftsführer und ein neuer Sportdirektor geholt, alle wurden entlassen. Sie sind gekommen, in Philipp Galewski ein neuer Geschäftsführer, und Stoschek hat wieder eine neue Ära ausgerufen. Spüren Sie Druck?

Nein, eigentlich nicht, eigentlich nie. Ich finde es in Ordnung, dass sich Herr Stoschek einbringt. Er hat ein Imperium aufgebaut, viel kann er nicht falsch machen. Er kann auch uns helfen, besser zu werden.

Mischt er sich in Basketballbelange ein?

Absolut nicht, er ruft nicht jeden Tag an, falls Sie das denken (lacht). Er hat seinen Bereich, er hat gute Ideen, ich habe meinen Bereich. Offenbar mag er einige Dinge, die ich in der Vergangenheit gemacht habe.

Pokalfinale in München

Das Top Four um den deutschen Basketball-Pokal wird im Münchner Audi Dome gespielt. Eine nachvollziehbare Entscheidung der Basketball-Bundesliga, denn der FC Bayern hatte sich im Juni als Gastgeber des DM-Finalturniers trotz strenger Hygienemaßnahmen größte Anerkennung verdient. Die Halbfinals sind am 1. November, das Finale ist am Montagabend, 2. November (im Free-TV). Vorher werden 16 Teams in vier Vierergruppen die vier Finalteilnehmer ermitteln.

Trotzdem war der Bamberger Trainerstuhl einer der heißesten der vergangenen Jahre. Haben Sie sich Rat geholt?

Ich habe mit Chris Fleming gesprochen (war Bambergs Trainer von 2008 bis 2014 und gewann dreimal den Pokal und vier Meistertitel, d. Red.). Er war viele Jahre hier, wie auch Bauermann oder Trinchieri, da gab es also viel Kontinuität. Danach hat es nicht mehr funktioniert, aber das soll sich wieder ändern. Um das Maximum aus unserem Etat zu holen, brauchen wir Stabilität und Kontinuität. Er beträgt neun Millionen, das ist, glaube ich, der vierthöchste der Liga. Das muss nicht bedeuten, dass man am Ende Vierter wird. Teams mit weniger Geld und viel Kontinuität können genauso gut spielen. Aber wenn wir uns entwickeln, können wir spielen wie ein 15-Millionen-Team. Das ist unser Ziel, dann können wir auch Alba oder die Bayern ärgern.

Das klang vor einem Jahr ähnlich. Warum glauben Sie, bekommen Sie mehr Zeit als Ihr Vorgänger?

Das weiß ich nicht, das ist für mich nicht so wichtig, ich kann das nicht beeinflussen. Das müssen Sie Herrn Stoschek fragen.

Ich frage aber Sie.

Ich habe es leicht, ich habe keine Familie, keine Rechnungen zu bezahlen, und wenn ich morgen entlassen werde, dann ist das so. Ich mache mir keinen Druck. So gehe ich die Sache an, ich will die Mannschaft besser machen, egal gegen wen ich spiele.

Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger Roel Moors kennen Sie die Liga, hilft das?

Ja, man kennt die Hallen, die Schiedsrichter, das Umfeld, das ist ein Vorteil.

Wen erwarten Sie vorne?

Berlin und München werden wieder um den Titel spielen. Doch es gibt immer Überraschungen, Ludwigsburg war letzte Saison gut. Vielleicht überrascht Hamburg, vom Etat gehören sie unter die Top acht, vielleicht überrascht Göttingen.

Sie haben einmal gesagt, wenn man in Bamberg in die Halle kommt, ist man schon zehn Punkte hinten. Jetzt sind Sie Heimtrainer, und wegen Corona dürfen nur 20 Prozent der möglichen 6500 Fans in die Halle. Das wären dann noch zwei Punkte, oder wie sehen Sie das?

Das ist richtig bitter. Einer der Gründe, dass ich hier bin, ist die Halle, die Atmosphäre ist einzigartig. Als ich mit Göttingen das letzte Mal hier war, machten die Zuschauer den Unterschied. Das wird in dieser Saison nicht der Fall sein, leider.

Was ist Ihr primäres Ziel?

Dass es Spaß macht, die Mannschaft anzuschauen. Dann kann man auch besser damit leben, wenn man Ziele nicht erreicht.

Stoschek will unter die besten vier.

Das will ich auch, im Pokal und in der Liga, sowie in die zweite Runde der Champions League. Aber man muss auch sehen, wie wir spielen, wie wir uns entwickeln.

Nehmen wir mal an, Sie hätten einen Wunsch frei, was wäre das, vielleicht LeBron James?

(lacht) Zuschauer! Ich denke, die könnten uns pushen, dann hat man das Gefühl, dass man etwas Wichtiges macht.

© SZ vom 13.10.2020
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