Start in die Basketball-Bundesliga:Ausgestattet mit den Lehren des großen Meisters

Jaleen Smith, Trainer Israel Gonzales redend / / Basketball / Testspiel BBL Bundesliga Herren / Saison 2021/2022 / 05.0; Israel Gonzalez

Dem neuen Alba-Trainer Israel Gonzáles steht eine schwierige Aufgabe bevor: Er muss unter anderem Zugänge wie Jaleen Smith integrieren.

(Foto: O.Behrendt/Contrast/imago)

Bei Alba Berlin tritt der bisherige Assistent Israel González die Nachfolge des Erfolgstrainers Aíto an. Gleich zu Beginn muss der neue Chef des Titelverteidigers Improvisationstalent beweisen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Es wäre ungerecht zu behaupten, der Sportdirektor des deutschen Basketballmeisters Alba Berlin, Himar Ojeda, neige dazu, immer das letzte Wort haben zu müssen. Mindestens einmal aber war es so, vor Jahren, als Ojeda erstmals Israel González begegnete - an dem Tag, als beide ihr Sportstudium an der Universität von Las Palmas de Gran Canaria aufnahmen und wie durch eine Fügung nebeneinander saßen.

Aus welchem Sport er käme, fragte Ojeda. Aus dem Basketball, antwortete González, der sich wie folgt an das Gespräch erinnert: "'Ich auch!', sagte Himar, und er wollte wissen, ob ich Profi werden wolle. Nein!, sagte ich. Trainer! - 'Ich bin Trainer! Wir könnten zusammenarbeiten!', schlug Himar vor, aber ich sagte ihm, dass ich zu CB Salesianos gehen wolle, das sei mir als die beste Basketball- und Trainerschule am Ort empfohlen worden." Da habe Ojeda gerufen: "Salesianos? Meine Mannschaft!" - und González streckte die Waffen.

Dieser Israel González ist jetzt Alba Berlins neuer Chefcoach, und der bisherige Assistent ist dazu berufen und bereit, ein großes Erbe anzutreten: das Erbe von Trainerlegende Aíto García Reneses, der in seinen 74 Lebensjahren in Spanien und Deutschland 18 Klub-Titel gewonnen hat, darunter die Deutschen Meisterschaften 2020 und 2021. Die neue Saison ist für Alba also auch ein Kampf um die Titelverteidigung, sie beginnt an diesem Donnerstag mit dem Saisonauftaktspiel gegen die Telekom Baskets aus Bonn (20.30 Uhr).

González sieht sich für die Aufgabe gerüstet, nicht zuletzt durch seine jahrelange Arbeit an der Seite Aítos. "Er ist mein Mentor", sagt González und versichert, sich auf sehr viele Dinge zu stützen, "die wir in den letzten Jahren geleistet haben. Ich glaube stark daran." Wer aber meint, er verstehe sich als bloßer Nachlassverwalter, der irrt. Denn Albas neuer Coach betont auch: "Ein Teil dieser Arbeit gehört mir."

"Für mich hat er das Buch des Basketballs geschrieben", sagt Gonzalez

Damit meinte er nicht, dass er im vergangenen Jahr für elf Spiele als Chef ausgeholfen hatte, weil Aíto an Covid-19 erkrankt war. Im August teilte Aíto den Berlinern mit, dass er eine Pause einlegen möchte - und machte damit den Weg für seinen Assistenten frei. Aíto will aber nicht seine Karriere beenden. Albas Sportdirektor Ojeda sagt sogar, dass er Aíto beim Deutschen Basketballbund (DBB) ins Gespräch gebracht habe, als unlängst ein neuer Nationaltrainer gesucht wurde. "Aíto hätte das auch gemacht", beteuert Ojeda. Aber der DBB habe sich nicht gemeldet. Und selbst eine Bewerbung abzugeben, habe Aíto nicht für angebracht gehalten. Nach Deutschland kehrt er dennoch zurück: Am Donnerstag wird er das Cheftrainer-Debüt von González in Berlin verfolgen.

Es wird das Debüt eines Mannes sein, der seine eigene Trainer-Vita hatte, als er vor vier Jahren nach Berlin kam. Sein Name war zwar selbst Eingeweihten nur ein rudimentärer Begriff, doch González hatte eine Reihe von Jobs als Assistenztrainer im Rücken - unter anderem bei Aíto in Gran Canaria. Und er hatte auch hin und wieder Teams als Interimscoach übernommen. Unter anderem rettete González einmal CB Cantabria Lobos, die Mannschaft seiner Geburtsstadt Torrelavega, vor dem Abstieg aus der LEB Oro. Derlei schärft die Sinne und die Persönlichkeit. "Er ist kein Plagiat. Er hat eigene Ideen und Vorstellungen und kann sie auch implementieren", sagt Alba-Geschäftsführer Marco Baldi.

Dass González die Zeit im Schatten des großen Aíto nicht lang wurde, hatte vor allem damit zu tun, dass er diese Zeit als Gelegenheit begriff, um zu wachsen. "Ich sage immer: Für mich hat er das Buch des Basketballs geschrieben", meint González und klingt dabei, als spreche er vom Autoren einer Fachbibel. "Aíto kennt das Spiel sehr gut und wie man jede Situation interpretiert, in der alltäglichen Zusammenarbeit lernt man da sehr viel von ihm. Und dann gibt es Dinge, die man auf dem Trainingsplatz nicht sah. Er hat viel mit mir gesprochen, wie man mit bestimmten Personen und unterschiedlichen Charakteren umgeht. Und er hat mich gelehrt, dass man gerade in schwierigen Situationen seiner Idee treu bleiben muss."

Basketball München 13.06.2021 1. Bundesliga / easyCredit BBL Saison 2020 / 2021 Playoffs Finale Spiel 4 FC Bayern Münche

Meister 2021: Die neue Saison ist für Alba auch ein Kampf um die Titelverteidigung. Los geht es an diesem Donnerstag mit dem Saisonauftaktspiel gegen die Telekom Baskets aus Bonn.

(Foto: Tilo Wiedensohler/camera4+/imago)

Dass González in Berlin Aítos Assistent wurde, war auch der diskreten Hintergrundarbeit von Ojeda geschuldet, der seit mehr als fünf Jahren in Berlin Sportdirektor ist. "Wir haben mit Aítos Agenten beratschlagt, wen er als Assistenten mitbringen sollte, und kamen auf Diego Campo - und Israel", erzählt Ojeda, "aber ich wollte, dass Aíto selbst entscheidet. Aíto sagte dann seinem Agenten, dass er an jemanden wie Israel denke - und damit war die Sache entschieden, ohne dass ich Einfluss genommen hätte. Dass das damals so lief, weiß nicht mal Israel", lacht Ojeda, und das darf man wohl getrost so glauben. Denn González versichert: "Himar wusste gar nicht, dass Aíto mich angerufen hatte und als Assistent mitbringen wollte!"

Aíto habe ihm zweierlei gesagt: "Erstens, dass er jemanden an seiner Seite haben wollte, dem er nicht mehr beibringen musste, was ich schon wusste". Zweitens, "dass er in mir einen künftigen Headcoach sieht." Letzteres passte bestens zu Albas Selbstverständnis, sagt wiederum Geschäftsführer Baldi: "Es hört sich immer blöd an, aber wir sind ein Ausbildungsklub. Auf allen Ebenen, auch im Trainerbereich." Nach dem Abschied Aítos war sofort klar, dass González das Anforderungsprofil erfüllte: "Trainer müssen sich für die Personen interessieren, mit denen sie zusammenarbeiten, und in sie hineinkommen. Diese Fähigkeit hat er. Und: Er hat nicht nur sportliche Kompetenz, sondern ist bescheiden und dennoch selbstbewusst."

Vielleicht ist Albas Selbstdarstellung als Außenseiter gar nicht so weit hergeholt

Auch damit sehen sich die Verantwortlichen bei Alba gut repräsentiert, denn Understatement gehört bei Alba zur Tradition. Dass sie nächste Woche als krasser Außenseiter in die Euroleague starten - geschenkt. Dass sie sich aber auch national gern als Underdog gerieren, wird an anderen Standorten der Bundesliga fast schon pikiert registriert, auch weil bei Alba selten der Verweis aufs Geld fehlt, das bei anderen Klubs weit üppiger fließe. Neulich habe der FC-Bayern-Sportdirektor Marko Pesic für die neue Saison einen Etat von 30 Millionen Euro verkündet, betonte Baldi bei der Pressekonferenz zum Saisonauftakt. Damit seien die Bayern "beim Dreifachen gegenüber uns im Spieleretat angekommen", ergänzte Alba-Boss Axel Schweitzer.

Vielleicht ist Albas Selbstdarstellung als Außenseiter auch gar nicht so weit hergeholt. Nicht nur auf der Bank ist ein Umbruch zu verzeichnen, auch auf dem Parkett. Der Meister verlor Säulen wie Kapitän Niels Giffey, Simone Fontecchio und Peyton Siva, dafür kamen Yovel Zoosman (Maccabi Tel Aviv), Tamir Blatt (Hapoel Jerusalem), Jaleen Smith (Ludwigsburg) und Stefan Peno (Vechta). Diese Fluktuation macht den Fokus auf den neuen Trainer noch intensiver - zumal die Vorbereitung von Verletzungspech geprägt war und González nun Improvisationstalent beweisen muss. Doch selbst dem Ausfall aller Center gewann er etwas Positives ab, mit hintergründigem Humor: "Wir haben in der Vorbereitung gelernt, ohne große Spieler zu spielen."

© SZ/mok/mp/and
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