Basketball:Umbruch in der Wagenburg

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Unberechenbarer Small Forward mit auffälligem Vokuhila-Schnitt: Zachary Seljaas, auch bekannt für erfolgreiche Distanzwürfe. (Foto: Julien Becker/HMB-Media/Imago)

Würzburgs Basketballer setzen sich im Viertelfinale gegen Meister Ulm durch. Manche sprechen schon jetzt von einem Wunder - und nun kommt der FC Bayern.

Von Christoph Leischwitz

Thomas Klepeisz durchlebte am vergangenen Freitagabend offenbar eine Mischung aus Déjà-vu und Albtraum: "Sie spielen sich in einen Rausch, wie wir letztes Jahr", sagte der Shooting Guard von Ratiopharm Ulm wenige Minuten nach seinem letzten Saisonspiel. 357 Tage zuvor hatten die Ulmer den FC Bayern im Viertelfinale aus dem Wettbewerb geworfen, jetzt verlor der Titelverteidiger im Viertelfinale gegen eine Mannschaft, die ebenso krasser Außenseiter war. "Ich habe die Prognosen einiger Experten vor der Serie gesehen, die uns nicht einmal einen Sieg zugetraut haben", sagte Felix Hoffmann, der Kapitän der Würzburg Baskets, am Freitagabend inmitten all der unverhofften Feierei. "Am Ende trotzdem als Sieger dazustehen und das Halbfinale erreicht zu haben, ist einfach krass."

Das Weiterkommen hat ein fränkisches Ausrufezeichen gesetzt. Die Tatsache, unter den letzten Vier im Wettbewerb um die deutsche Meisterschaft zu stehen, zeigt schon jetzt, dass ein fundamentaler Umbruch recht reibungslos verlaufen ist. Hoffmann hob dabei vor allem den Trainer heraus: Dieser Erfolg zeige "die DNA unserer Mannschaft und was Sasa Filipovski hier gerade aufbaut". Der hatte in Würzburg Ende 2021 übernommen, zu jener Zeit, als s.Oliver seinen Ausstieg als Hauptsponsor und Namensgeber bekanntgegeben hatte.

Es ist den erwähnten Experten, die so falschlagen, nicht viel vorzuwerfen. Gemessen an den Umständen war Würzburg sogar ein noch krasserer Außenseiter als im Jahr zuvor die Ulmer. Zwar gingen die Unterfranken mit dem zum "Most Valuable Player" gewählten Otis Livingston II in die Viertelfinalserie, der in Spiel eins gegen Ulm seinen überragenden Saison-Punkteschnitt (20,5) auch schon wieder übertroffen hatte, weshalb die Baskets 78:65 siegten. Doch Livingston musste mit einem Innenbandriss im Knie vom Feld. Das war gleichbedeutend mit dem Saisonende für den "wertvollsten Spieler" der Liga. Prompt verlor Würzburg die zweite Partie klar 64:100.

Damit nicht genug: Maximilian Ugrai, Isaiah Washington und Owen Klassen spielten in Partie Nummer vier in einem Gesundheitszustand, mit dem sie bei einem gewöhnlichen Ligaspiel vermutlich komplett auf der Bank gesessen hätten. Als dann der endlich mal wieder gesunde 22-jährige Aufbauspieler Julius Böhmer den verletzten Livingston immer besser ersetzte, verletzte auch er sich am Knie. In der Schlussphase am Freitagabend hatte Würzburg in Darius Perry nur noch einen Aufbauspieler übrig, und der spielte mit vier Fouls durch, also permanent am Rande des Ausschlusses.

"Wir müssen bereit sein", warnt Bayerns Chefcoach Pablo Laso

"Otis hat mir vor dem Spiel gesagt, dass das jetzt mein Team ist und ich die Jungs anführen soll", sagte der 25-jährige US-Amerikaner cool, "ich bin ein großer Junge." Sieht man mal von der aufpeitschenden Stimmung in der ausverkauften Würzburger "Turnhölle" ab, so gab es eigentlich nichts, was bei einem Sechs-Punkte-Rückstand am Freitag noch für die Gastgeber sprach. Trotzdem drehten sie in den Schlussminuten das Spiel, auch dank des unberechenbaren Small Forwards mit dem auffälligen Vokuhila-Schnitt, Zachary Seljaas, und dessen erfolgreichen Distanzwürfen.

Manche sprechen schon jetzt vom "Würzburger Wunder". Ein Weiterkommen im Halbfinale gegen den FC Bayern München wäre dann freilich ein noch größeres. Die Münchner sind zumindest einmal gewarnt, zumal bei ihrer Mannschaft in der Serie gegen Ludwigsburg immer wieder auch der Teamkollege Schlendrian mitspielte. Außerdem haben die Bayern im vergangenen Jahr ihre Erfahrung gemacht mit einem Team, das sich in einen Rausch spielte. "Wir müssen bereit sein", warnte also Bayerns Chefcoach Pablo Laso am späten Freitagabend, nachdem sich der Favorit gegen Ludwigsburg schwergetan, aber dann ebenfalls in vier Spielen durchgesetzt hatte.

"Es spricht für das Team, dass sie sich ohne den MVP durchgesetzt haben", merkte Laso mit Blick auf die Würzburger an. In der Tat ist neben der Wagenburg-Mentalität die Eingespieltheit eine große Stärke der Mannschaft. Der 49-jährige Slowene Filipovski hatte erst im März seinen Vertrag in Würzburg bis 2027 verlängert, der Verein hatte das als "Kompliment" des Trainers bezeichnet. Die Verlängerung zeigte, dass man schon vor dem Erreichen des fünften Tabellenplatzes überaus zufrieden mit der Entwicklung war. An Filipovski schätzen sie auch, dass er junge Spieler wie Böhmer erfolgreich weiterentwickelt, auch wenn dieser wenig Chancen hatte, dies zu zeigen - ob er gegen die Bayern spielen kann, erscheint ebenfalls mehr als fraglich.

Die Halbfinalserie beginnt mit zwei Partien in München am Mittwoch und Freitag (jeweils 20.30 Uhr), ehe die Würzburger dann wieder auf ihr berüchtigtes Heimpublikum zurückgreifen können. Die Frage wird sein, ob der Spielrausch die schwindenden Kräfte kompensieren kann. "Der Rhythmus in den Playoffs ist hart, unser Coach redet immer von einem Marathon", sagte Würzburgs Darius Perry, der in Spiel drei die kompletten 40 Minuten auf dem Feld stand.

Weil der Außenseiter kaum Optionen für eine vernünftige Spielerrotation hat, muss die Wurfquote auch bei Personalmangel so passabel bleiben, wie sie es zuletzt war. Der Glaube jedenfalls an ein weiteres Wunder ist da. Die Fans sangen am Freitag, dass man bitte schön den Bayern die Lederhosen ausziehen solle. "Halbfinale klingt gut, aber jetzt wollen wir auch gewinnen", sagte Flügelspieler Javon Bess.

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