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Basketball:Alles Berliner Jungs

Sport Themen der Woche KW22 Sport Bilder des Tages v.l. Tim Schneider - Alba 10, Aric Holman - Ulm 35, John Petrucelli -

Ein Schritt nach vorne: Der Berliner Tim Schneider (links) setzt sich im Halbfinale gegen die Ulmer Aric Holman und John Petrucelli durch.

(Foto: Uwe Koch/Eibner/Imago)

Wenn Alba seinen deutschen Meistertitel gegen den FC Bayern verteidigen will, wird viel auf die Talente aus dem eigenen Nachwuchs ankommen. Der Zeitplan in der Finalserie ist sehr straff.

Von Joachim Mölter

Unter all den Basketballern hierzulande ist Tim Schneider, 23, eine Ausnahme: Ihm gelingt es seit Jahren, weitgehend unbemerkt durch die Hallen zu federn, und das trotz einer Größe von 2,08 Meter und des Umstands, dass er für den deutschen Meister Alba Berlin spielt. Man glaubt es kaum, aber in dieser Saison war kein anderer Alba-Profi häufiger im Einsatz, in 71 Pflichtspielen ist Schneider bislang aufgelaufen. Aber aufgefallen? Ist er selten.

Als bescheiden und bodenständig, ruhig und zurückhaltend beschreibt Alba-Geschäftsführer Marco Baldi den Flügelspieler: "Keiner, der in den Vordergrund drängt, eher auf leisen Sohlen unterwegs." Und: "Nicht ansatzweise im Verdacht, Flausen im Kopf zu haben." Baldi weiß natürlich, welches Image so ein Charakter nach sich zieht: "Wer mit 14 nicht sagt, dass er in die NBA will, dem glaubt keiner, dass er mal ein ernsthafter Basketballer werden will."

Die amerikanische Profiliga NBA, das gelobte Land des Basketballs, "war nie so richtig präsent für mich", gibt Tim Schneider zu. Er ist kein solches Talent wie sein Kumpel Moritz Wagner, 24, aus der Alba-Jugend: Der hat es ja tatsächlich in die NBA geschafft. Aber das heißt nicht, dass Tim Schneider kein ernsthafter, ehrgeiziger Basketballer ist. "Bei Alba möchte ich mir eine größere Rolle erkämpfen", sagt er, "ich würde zu gern mehr spielen." Im Durchschnitt steht er zehn, fünfzehn Minuten auf dem Feld.

Das Programm ist straff: Es sieht fünf Spiele in sieben Tagen vor

Es kann gut sein, dass er länger mitmachen darf in der bevorstehenden Finalserie um die deutsche Meisterschaft gegen den FC Bayern München. Der Spielplan ist straff wegen diverser Umstände, die der Corona-Pandemie geschuldet sind; er sieht zwei Spiele am Mittwoch und Donnerstag in Berlin vor (jeweils um 20.30 Uhr), zwei am Samstag und Sonntag in München (jeweils um 15 Uhr), dann noch eins am Dienstag (20.30 Uhr), erneut in Berlin. Sobald ein Team dreimal gewonnen hat, entfallen die weiteren Termine. Angesichts der erwarteten Strapazen werden die Coaches die Einsatzzeit ihrer Profis vermutlich großzügig verteilen, da fällt sicher auch für Schneider mehr ab.

Welche Rolle er in den Plänen seines Trainers Aito Garcia Reneses spielt, "hängt stark davon ab, mit was für einem Team wir antreten", glaubt Tim Schneider: "In den ersten zwei Playoff-Runden war sie größer, weil wir Verletzte hatten." Gerade auf seiner Position fielen zwei Profis aus, Luke Sikma und Johannes Thiemann, "persönlich musste ich da einen Schritt nach vorne gehen", sagt Schneider. Er tat es wie gewohnt auf leisen Sohlen, im entscheidenden Halbfinale gegen Ulm erstickte er eine Aufholjagd des Gegners binnen drei Minuten mit drei Rebounds, zwei Korblegern sowie einer Vorlage fast alleine und federte wenig später wieder fast unbemerkt von dannen.

So unauffällig ist er einst auch in den Berliner Bundesliga-Kader geschlüpft. Tim Schneider war der Erste aus dem Alba-Nachwuchs, den der große Talent-Entwickler Aito nach seiner Ankunft ins Profiteam geholt hat, vor vier Jahren. Danach hat der Spanier jedes Jahr einen Jungen integriert, erst Jonas Mattisseck, 21, dann Franz Wagner, 19, der inzwischen wie sein Bruder in die USA abgewandert ist, zuletzt Malte Delow, 20. "Als junger Spieler ist das schön zu sehen, dass es andere geschafft haben", sagt Delow und meint den Sprung zu den Profis: "Das gibt einem einen Extra-Schub." Und wenn man sich umschaue, sei das ja nicht selbstverständlich, dass so viele Eigengewächse im Team stehen: "Das ist schon was Besonderes."

Basketball Berlin 22.05.2021 1. Bundesliga / easyCredit-BBL / BBL Saison 2020 / 2021 Playoffs Viertelfinale Spiel 2 Alba

"Schön zu sehen, dass es andere geschafft haben": Malte Delow (am Ball) ist das jüngste Alba-Talent, dem der Sprung ins Profiteam gelungen ist.

(Foto: Tilo Wiedensohler/Camera4+/Imago)

In dieser Saison kam es sogar vor, dass fünf gebürtige Berliner gleichzeitig für Alba auf dem Parkett wirbelten: Außer Schneider, Mattisseck und Delow sind auch Niels Giffey, 30, und Maodo Lo, 28, in der Hauptstadt geboren. "Erstmals war das in einem Euroleague-Spiel, aber in dem Moment war's mir nicht bewusst", erinnert sich Tim Schneider. Aber im Nachhinein "hat es mich sehr stolz gemacht, das war ein geiles Gefühl", sagt er. Eine junge Truppe, alles Berliner - "das ist noch mal ein Extra-Push".

Alba kann jeden Antrieb gebrauchen in der Finalserie. Die Berliner sind zwar Titelverteidiger, aber die Münchner haben in der Euroleague mit dem Einzug ins Playoff-Viertelfinale beeindruckt und außerdem Alba vor dreieinhalb Wochen schon den Pokal abgenommen (85:79). Wenn die Berliner nun eine Chance haben wollen, wird es darauf ankommen, dass ihre jungen Spieler mit Energie von der Bank kommen und für Entlastung sorgen. "Im Finale wird entscheiden, wer länger mit hoher Intensität spielen kann", glaubt Delow.

"Wenn wir jetzt gebraucht werden, sind wir bereit", verspricht Delow

Dabei könnte den Alba-Talenten zugute kommen, dass Aito sie immer wieder eingesetzt hat und Erfahrung sammeln ließ im Lauf der Saison. "Das Vertrauen, das man jetzt in uns setzt, war auch schon vorher da", erzählt Delow: "Es gibt einem extrem viel Selbstbewusstsein, dass man Fehler machen kann und nicht gleich wieder vom Feld geholt wird. Wenn wir jetzt gebraucht werden, sind wir bereit."

Die Bedeutung der deutschen Spieler ist in der Finalserie jedenfalls nicht zu unterschätzen, im Gegensatz zur Euroleague ist in der Bundesliga der Einsatz von Ausländern ja eingeschränkt - maximal sechs sind erlaubt im Zwölfer-Kader. Im Umkehrschluss bedeutet das: Deutsche Profis kommen mehr zum Einsatz. Aber das kommen sie unter Aito bei Alba sowieso. "Unser Spiel hängt nicht von ausländischen Gastspielern ab", sagt Tim Schneider. Und dann gibt er seine natürliche Zurückhaltung ausnahmsweise mal auf: "Wir gehen auf jeden Fall da rein mit der Einstellung zu gewinnen."

© SZ/lein
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