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Base-Jumping:Die Kunst des letzten Sprungs

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"Last Exit", so heißt ein kurzer Dokumentationsfilm, der Maximilian Werndl bei seinem Sprung vom Monte Brento begleitet hat. Das Bild, das dabei entstanden ist, zeigt Werndl kurz nach seinem Absprung.

(Foto: Beech Studios)
  • Maximilian Werndl, 32, war süchtig nach einer der gefährlichsten Sportarten dieser Zeit: dem Base-Jumping.
  • Auf der Suche nach Kicks, Klicks und Bewunderern erhöhte er das Risiko - bis er begann, sich vor sich selbst zu ekeln.
  • Nach mehr als 1500 Sprüngen hat Werndl das Base-Jumping aufgegeben. Sein letzter Sprung war vor drei Jahren: am 9. April 2017.

Auf dem Mont Blanc in Chamonix musste alles ganz schnell gehen. Noch im Aufzug zur Aussichtsplattform streifte sich Maximilian Werndl seinen Flügelanzug über. Auf 3000 Metern Höhe ging es dann raus. Von der Kante stürzte er sich in die Tiefe. Er glitt über Gletscher, Wälder, Flussbetten, unter Gondeln hindurch, und über Almen und Hütten, so knapp wie möglich über die Köpfe. Werndl flog davon wie ein Vogel. Und zurück blieben Menschen mit verdutzten Gesichtern.

Werndl zieht es noch heute die Mundwinkel nach oben, wenn er auf Skype von solchen Geschichten erzählt. "Ich habe noch die Schreie der Leute gehört. Das war schon lustig in dem Moment", sagt er. Das Entsetzen in den Blicken aber war nur das eine. "Für das Fliegen habe ich schon immer gebrannt", sagt Werndl. "Es verfolgt mich bis heute in meinen Träumen."

Sein letzter Sprung war vor exakt drei Jahren: am 9. April 2017

Der 32-Jährige, so viel vorab, hat das Base-Jumpen nach mehr als 1500 Sprüngen aufgegeben. Sein letzter Sprung war vor exakt drei Jahren: am 9. April 2017. Wenn er heute so breit grinst, berichtet er über einen Sport, der viele seiner Freunde das Leben gekostet und sein eigenes Dasein bedroht hat. Die Leidenschaft, die sein Leben fest im Griff hatte, ist eine der gefährlichsten Sportarten unserer Zeit.

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Maximilian Werndl, 32, lebt in Rosenheim.

(Foto: Beech Studios)

Mit einem Fallschirm im Gepäck und mit einem aerodynamischen Flügelanzug, genannt Wingsuit, stürzte er sich mit bis zu 200 Stundenkilometern von Felsvorsprüngen und Brücken. Aus seinem Büro schickt er heute Videos, die ihn dabei zeigen, wie er haarscharf über ausgetrocknete Flussbetten rauschte oder im Sturzflug durch Felsschluchten preschte. Es sind Filme, die den ungeheuren Mut eines jungen Mannes beweisen - und andererseits dessen existenzielle Probleme.

Denn Werndl, dazu bekennt er sich heute, war süchtig nach dem Sport, so wie andere vermutlich nach Drogen. Er suchte das ultimative Gefühl, um seine innere Leere und Unzufriedenheit zu überspielen. Schon als Kind und Jugendlicher hatte ihn das Gefühl verfolgt, den Erwartungen seiner Eltern nicht zu genügen. Den latenten Frust kompensierte er mit Extremen. Im Jahr 2009 gewann er als 21-Jähriger in der GT4-Klasse das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Beim Fallschirmspringen stellte er mit 100 Gleichgesinnten in den USA einen Wingsuit-Formationsweltrekord auf. Eines Tages dann stand er an einer 100 Meter hohen Brücke in Kroatien und stürzte sich mit einem Fallschirm auf dem Rücken in die Tiefe. Es war ein Abenteuer, das sein Leben verändern sollte.

Seine Droge war einerseits das Adrenalin. Es flutet den gesamten Körper, sobald er sich von dem Felsvorsprung abstößt. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von einer Stress-Angst-Situation. Die Atmung wird schneller, die Pupillen weiten sich, das Herz schlägt bis zum Hals. Für den Normalverbraucher wäre das alles viel zu viel. Menschen wie Werndl aber lieben dieses Gefühl. Die Zeit dort oben bleibt für sie stehen.

"Wenn du springst, riechst und schmeckst du viel intensiver", sagt Werndl. "Du bist nur noch im Jetzt. Alles andere ist nicht mehr existent." Das andere ist die Anerkennung. Als zu Beginn des Jahrtausends die ersten Videos von Base-Jumpern auftauchten, konnten die Menschen ihren Augen kaum trauen. Sie sahen plötzlich Artgenossen, die den Gesetzen der Schwerkraft trotzten und wie Flughörnchen durch die Luft schossen. Der Traum vom freien Fliegen wurde von jetzt auf gleich wahr. Die Bilder fütterten die menschliche Sensationslust.

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