Um zu verstehen, was der japanische Baseballprofi Shohei Ohtani am Freitagabend in Los Angeles geschafft hat, hier mal ein Fußballvergleich. Ein Torwart, nennen wir ihn Manuel Neuer, hält in einem wichtigen Champions-League-Spiel nicht nur hinten mit aberwitzigen Paraden seinen Kasten sauber, sondern schießt vorne gleich noch mehrere Traumtore selbst. Okay, es war nicht ganz, aber doch fast so surreal, wie sich das hier liest. Wen man auch fragte bei den LA Dodgers nach ihrem 5:1 gegen die Milwaukee Brewers im letzten Halbfinalspiel und dem damit verbundenen Einzug in die Finalserie – ob Mitspieler Max Muncy, Cheftrainer Dave Roberts oder Dodgers-Mitbesitzer Magic Johnson –, die Antwort war stets die gleiche: „Das war die beste Leistung in der Geschichte dieses Sports.“
Es war schon davor bekannt gewesen, dass der 31 Jahre alte Japaner Ohtani ein Ausnahmetalent ist; er ist auf zwei grundsätzlich verschiedenen Positionen zu Spitzenleistungen fähig, als Werfer und als Schlagmann, in ein und derselben Partie. Was aber nicht zu erahnen war: wie gut Ohtani sein kann. Als Werfer ließ er keinen gegnerischen Run zu; zehnmal beendete er das Duell mit dem gegnerischen Schlagmann per Strikeout, zweimal mit Würfen jenseits der 160-km/h-Anzeige. Als Schlagmann trat er dreimal an (beim vierten Versuch ließen ihn die Brewers mit vier Fehlwürfen ohne Treffer zum Laufmal). Zweimal schickte Ohtani den Ball auf die Tribüne, einmal darüber hinweg in Richtung Skyline von L.A. Drei Homeruns in einer Playoff-Partie: Schon das war vor Ohtani erst zehn Profis gelungen.
Kombiniert las sich die Leistung dann so: Zum ersten Mal in der 149-jährigen Geschichte aller nordamerikanischen Baseballligen, die sich mittlerweile zur Major League Baseball (MLB) vereint haben, hat jemand drei Homeruns und zehn Strikeouts in einer Partie geschafft.

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Kaum jemand überträgt das Element des Wettkampfes im Sport so gnadenlos auf die politische Bühne wie Donald Trump. So wird er auch Olympia und die Fußball-WM in den USA als Pfand für Deals nutzen, ob als Druckmittel oder als mögliche Belohnung.
Die Dodgers stehen also in der World Series, der Gegner wird zwischen den Seattle Mariners und den Toronto Blue Jays ermittelt; die Best-of-seven-Serie geht hier beim Stand von 3:3 ins Entscheidungsspiel. Die Dodgers hingegen sind mit 4:0 durchmarschiert. Und nun führt dieser Umstand sowie die außerweltliche Leistung von Ohtani am Freitag zu der Frage: Sollte der Japaner das noch einmal versuchen? Die Doppelbelastung, zugleich als Werfer und als Schlagmann im Fokus zu stehen, hatte schließlich schon vor der Partie Debatten ausgelöst.
Die Dodgers haben Ohtani Ende 2023 den damals höchstdotierten Vertrag der Sportgeschichte gegeben: 700 Millionen Dollar für zehn Jahre
Natürlich: Die Dodgers haben ihn Ende 2023 auch wegen seiner dualen Fähigkeiten vom Lokalrivalen Los Angeles Angels abgeworben und ihm den damals höchstdotierten Vertrag der Sportgeschichte gegeben: 700 Millionen Dollar für zehn Jahre. Doch in der vergangenen Saison war er wegen einer Operation am Ellenbogen nicht als Werfer angetreten; als Offensivspieler hingegen hatte er als erster Akteur in der Geschichte mindestens 50 Homeruns (54) und mindestens 50 gestohlene Bases (59) in einer Saison geschafft. Dem sogenannten „40-40-Club“ dieser beiden Kategorien gehören in der MLB bisher sechs Spieler an, der 50-50-Club hat nur ein Mitglied: Shohei Ohtani.
In dieser Saison warf Ohtani dann auch, und Zahlen lügen nicht: Er wurde dadurch als Schlagmann schlechter. In Partien, in denen er auch warf, traf er selbst nur bei jedem fünften Versuch. Wenn er das Werfen den Kollegen überließ: 28,2 Prozent eigene Treffer. Vor der Partie am Freitag hatte Ohtani in den Playoffs sogar bemerkenswert schlecht geschlagen: nur drei Treffer bei 29 Versuchen! Der Tatsache, dass er während der Halbfinalserie Sonderschichten eingelegt hatte, und zwar im Stadion und nicht im Käfig fürs Schlagtraining drinnen, widmeten mehrere japanische TV-Sender Sondersendungen zur Ohtani-Krise; so viel zur popkulturellen Bedeutung von Ohtani.
Die Fragen vor dem Freitag hatten also gelautet: Sollte Ohtani wirklich schlagen und werfen? Sollte er nur schlagen? Oder sollte er womöglich auch nicht schlagen angesichts seiner Formkrise?

Trainer Dave Roberts zuckte darüber nur mit den Schultern; er ließ Ohtani beim Serienstand von 3:0 gegen hoffnungslos unterlegene Brewers werfen und schlagen. Nun kann er sich feiern lassen als Macht-euch-mal-locker-Guru. Nur: Er konnte sich diese Gelassenheit leisten angesichts dessen, dass bei den Dodgers auch noch Mookie Betts, Freddie Freeman, Michael Conforto, Max Muncy und Teoscar Hernandez gegen die Bälle prügeln und als Pitcher auch noch Tyler Glasnow, Blake Snell, Yoshinobu Yamamoto und Clayton Kershaw da sind. Noch mal in die Welt des Fußballs übersetzt: die Galacticos von Real Madrid 2002 – plus Lionel Messi.
Die Dodgers zahlen ihren Profis in diesem Jahr offiziell 350 Millionen Dollar, mehr als jedes andere Team. Ohtani ist in dieser Rechnung nur mit zwei Millionen Dollar vermerkt. Der Trick: Den Großteil bekommt er erst später ausbezahlt. Würde man sein durchschnittliches Jahresgehalt obendrauf rechnen, lägen die Dodgers-Gehälter bei knapp 420 Millionen Dollar. Der Vorwurf: Die Dodgers, die nun als erstes Team seit den New York Yankees 2000 den MLB-Titel verteidigen können, erkaufen sich diesen Erfolg mit unfassbar viel Geld sowie dem Ausnutzen legaler Schlupflöcher im Tarifvertrag. Und zerstören dadurch den Sport.
Die Antwort darauf von Dodgers-Trainer Roberts am Freitag: „Na dann: Zerstören wir Baseball doch mit vier weiteren Siegen so richtig.“

