Baseball So viele Home-Runs wie noch nie

Treffer: Ronald Acuña Jr. von den Atlanta Braves.

(Foto: AP)
  • In der US-Baseball-Liga gibt es so viele Home-Runs wie noch nie - ist das Zufall oder Kalkül?
  • Es geht auch um die Frage, ob Funktionäre heimlich die Bälle verändert haben, damit sie weiter fliegen.
  • Manche Spieler beschweren sich. "Das ist doch ein verdammter Witz", schimpft Justin Verlander, einer der besten Werfer der Liga.
Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Dock! Das ist der dumpfe, kurze Hall, dieses einzigartige Geräusch, wenn ein Baseball auf einen Holzschläger prallt - und von dort aus, im Idealfall, auf die Tribüne befördert wird. Es gibt Amerikaner, die behaupten, sie müssten diese Home-Run genannten Schläge gar nicht sehen, sie könnten sie hören. Diese Amerikaner haben gerade ordentlich zu tun: Wenn die Schlagmänner in der nordamerikanischen Baseballliga MLB die Bälle weiterhin so häufig über die Zäune knüppeln wie zuletzt, könnte der Allzeit-Home-Run-Rekord der immerhin 116 Jahre alten Liga in dieser Saison gleich um zehn Prozent verbessert werden. Bislang haben die Leute bereits 3691 Mal das Dock! gehört.

Home-Runs sind spektakulär. Die Fans wollen die Bälle fangen, als Souvenir mit nach Hause nehmen oder bei Versteigerungen verkaufen. Das traditionelle Home-Run-Derby, ein Wettkampf der besten Schlagmänner der Liga, war am Montag die größte Attraktion der All-Star-Woche, die gerade in Cleveland stattfindet. Es könnten deshalb jetzt alle zufrieden sein angesichts des Spektakels - wäre da nicht der Verdacht, dass die Home-Run-Flut mit unlauteren Mitteln erreicht wird.

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Nein, es geht diesmal nicht um Doping, wie auch immer mal wieder im Baseball. Es geht um die Frage, ob Funktionäre heimlich die Bälle verändert haben, damit sie weiter fliegen, das aber nicht sagen wollen, weil es dann nur halb so schön wäre. Eine Baseball-Verschwörung?

"Das ist doch ein verdammter Witz"

Ja, "die aktuellen Bälle haben weniger Luftwiderstand", hat der Ligachef Rob Manfred gerade zugegeben. Eine fester gezogene Naht führe offenbar dazu, dass sie weiter fliegen - und damit auch häufiger über den Zaun oder gar aus dem Stadion raus. Die Liga habe damit aber nichts zu tun, betont Rob Manfred, die Bälle seien eben handgefertigt, da könne es schon mal zu Abweichungen kommen. Der Hersteller, die Firma Rawlings, habe wohl ein paar kleinere Änderungen beim Produktionsprozess vorgenommen. Alles Zufall?

Nun, die Liga hat den Hersteller vor einem Jahr gemeinsam mit einer Investmentfirma gekauft, für 395 Millionen Dollar. Sie müsste als Eigentümer von Rawlings über Änderungen informiert sein, oder nicht? "Das ist doch ein verdammter Witz", schimpft nicht nur Justin Verlander von den Houston Astros, einer der besten Werfer der Liga: "Wenn eine Firma eine andere kauft und sich das Produkt derart massiv verändert, dann brauche ich nicht zwei Mal darüber nachdenken, was passiert ist. Wir sind doch keine Idioten."

Hat die Liga also die Bälle verändern lassen, ohne die Spieler zu informieren, um deren Leistungen noch spektakulärer erscheinen zu lassen? Das wäre schon ein kleiner Skandal. Wenn auch keiner von jener Dimension der Baseball-Skandale 1919 oder 1947, als es um Bestechung und Rassismus ging. Heute geht es bloß mal wieder darum, dass der moderne Profisport seine Wurzeln verrät, wenn es der Unterhaltung dient.

Noch ist die Sache nicht aufgeklärt. "Wir wissen, dass Änderungen am Ball den Sport grundlegend verändern", hatte Ligachef Manfred eigentlich versprochen: "Sollten wir das tun, werden wir transparent sein." Drei Monate später hat er immerhin zugeben müssen, dass die Bälle jetzt weniger Luftwiderstand haben. Dock!

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