Baseball-Legende Dusty Baker:Vollendet 

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Baseball-Legende Dusty Baker: 2093 MLB-Siege feierte Dusty Baker, die meisten eines schwarzen Trainers.

2093 MLB-Siege feierte Dusty Baker, die meisten eines schwarzen Trainers.

(Foto: David J. Phillip/dpa)

Nach 25 Jahren als Cheftrainer gewinnt Dusty Baker im Alter von 73 Jahren mit den Houston Astros doch noch die Meisterschaft. Der Verein rehabilitiert sich damit auch für den Skandaltitel 2017 - der überhaupt erst dazu führte, dass Baker dort Trainer wurde.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Am Morgen vor seinem großen Triumph fuhr Johnny B. Baker junior erst einmal zur Reinigung. Warum auch nicht? Er hatte dreckige Klamotten rumliegen, und ein bisschen Ablenkung konnte nicht schaden vor dieser Partie. Also setzte sich Baker, den alle nur "Dusty" rufen, in sein Auto, legte "You Ain't Nothing But a Hound Dog" von Big Mama Thornton ein, holte sich einen Kaffee und fuhr zum Wäschewaschen. Am Abend dann gewann er, im Alter von 73 Jahren, zum ersten Mal als Trainer die Finalserie der Major League Baseball (MLB), der besten Baseball-Liga der Welt.

4:1 siegten seine Houston Astros, die er seit 2020 betreut, vor allem wegen des Drei-Run-Homeruns von Yordan Alvarez im sechsten Spielabschnitt - ein 150-Meter-Hammer, der so aussah, als würde der Ball bis zum Mond fliegen. Die Astros gewannen die World Series gegen die Philadelphia Phillies mit 4:2-Spielen, und wer wissen will, was das gerade für Baker bedeutet, der musste im Moment des Triumphes auf seinen Sohn Darren auf der Tribüne schauen. Der lachte und weinte zugleich.

Darren ist berühmt, seit er 2002 während der World Series als Mini-Mitarbeiter der San Francisco Giants aufs Spielfeld rannte, um einen Schläger zu holen. Da war er gerade mal drei Jahre alt. Im Baseball machen das immer Kinder, die so genannten Bat Boys. Nur: Das Spiel lief noch, und Darren wäre von einem erwachsenen Profisportler im Vollsprint über den Haufen gerannt worden, hätte Giants-Akteur J.T. Snow nicht beherzt eingegriffen. Danach gewannen die Giants kein Spiel mehr, sie verloren diese Serie. Das Mindestalter für Bat Boys wurde auf 14 Jahre angehoben.

Dusty Baker wurde 1993 einer der ersten schwarzen Cheftrainer der MLB

Mittlerweile ist Darren 23 Jahre alt, Nachwuchsprofi in niederklassigen Teams der Washington Nationals, und am Samstag, da war er also im Stadion und sah, wie sich sein Vater selbst vollendete.

Das Wort Legende wird heutzutage gerade im Sport inflationär verwendet, Dusty Baker ist tatsächlich eine: 18 Jahre lang hat er in der MLB gespielt, 1981 hat er mit den Los Angeles Dodgers den Titel geholt - als Kalifornier; er ist im eine Autostunde entfernten Riverside geboren und aufgewachsen. Während seiner ersten Profijahre in Atlanta diente er als Reservist im United States Marine Corps.

Nach dem Ende der aktiven Karriere 1987 probierte er sich als Börsenmakler. Das war ihm aber zu langweilig. Also diente er sich bei den Giants als Assistenztrainer nach oben - und wurde 1993 der erst siebte schwarze Cheftrainer in der Geschichte der MLB. "Ich spüre diesen Druck, gerade weil so viele Leute mit mir fiebern", sagte er am Samstag nach dem Erfolg: "Ich bemerke das jeden Tag, gerade von People of Color, wenn ich sie auf der Straße treffe. Polizisten, Bauarbeiter, der Page im Hotel. Die wollten alle, dass ich gewinne, und irgendwann spürt man das dann." Das könne, deutete Baker an, sowohl ermuntern als auch belasten, und je länger es dauert mit dem großen Erfolg, desto mehr wird es zur Belastung.

Baker gewann ja, mehr als viele andere; seine 2093 Siege in der MLB sind die meisten eines schwarzen Trainers - und die meisten für einen, der keinen Titel gewonnen hat. So wurde Baker einer, der mehr über dieses Spiel weiß als die meisten anderen; und einer, der mehr darüber weiß, wie es Baseballspielern mit ihren Neurosen bisweilen geht. Er wurde aber eben auch einer, der in 25 Jahren als Trainer keine Meisterschaft gewann - ein Unvollendeter, von denen es ja viele gibt im Sport.

"Ach, im Nachhinein betrachtet bin ich froh, dass es so lange gedauert hat", scherzte Baker am Samstag: "Ich wäre doch sonst schon längst im Ruhestand." So fügte er der Ruhmeshalle dieses Sports immer neue Artefakte hinzu. Nach dem Dodgers-Trikot der Titelsaison 1981 und dem signierten Baseball vom All-Star-Spiel 2003 kam 2021 eine Astros-Mütze hinzu, nachdem es ihm als ersten Trainer der Geschichte gelungen war, fünf Vereine (neben den Giants und Astros noch die Chicago Cubs, Cincinnati Reds und Washington Nationals) in die Playoffs zu führen.

Die Astros waren das beste Team dieser Saison, Punkt

Der Triumph der Astros war auch Rehabilitation und Zementierung. Rehabilitation deshalb, weil sie den Titel 2017 erwiesenermaßen mit unlauteren Mitteln gewannen. Baker war damals noch nicht dort Trainer. Die Astros hatten die Gegner ausspioniert und deren Taktik per Klopfzeichen an die eigenen Akteure live übermittelt. Der Titel in diesem Jahr ist, nach allem was bekannt ist, legitim zustande gekommen, und nach den verlorenen Finalserien 2019 und 2021 endlich der Beweis: Sie haben da eine richtig gute Mannschaft, und der Gewinn der Meisterschaft - die Astros waren das beste Team dieser Saison - zementiert diese Ära, die durch den Skandal bislang mit einem Sternchen versehen war.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass auch Baker dachte, dass er für immer mit diesem Sternchen als Unvollendeter würde leben müssen. Nach der Trennung von den Nationals 2017 war er drei Jahre lang ohne Job, die Karriere schien vorbei zu sein. Dann mussten die Astros ihren Trainer A.J. Hinch feuern, wegen des Skandals. Es musste schnell gehen, sie wollten eine kurzfristige Lösung; also gaben sie dem damals 70 Jahre alten Baker einen Einjahresvertrag. Den verlängerten sie, und nun gewannen sie also den Titel.

Es sind wie erwähnt schon ein paar Devotionalien von Baker gesammelt in der Ruhmeshalle des Baseballs . Noch am Sonntagabend verkündeten die Verantwortlichen, dass sie auf der Suche nach so ziemlich allem seien, was mit Baker zu tun habe - das werde nun fein säuberlich ausgestellt. Baker sagte dazu, dass er da auch ein paar Dinge bereitstellen könnte. Wie gut, dass er am Morgen des Sieges noch schnell in die Wäscherei gefahren ist.

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