Marc Bartra "Manieren, die sich für Real Madrid nicht gehören"

Vinicius und Marc Bartra wurden keine Freunde.

(Foto: Getty Images)
  • Marc Bartra wird in der spanischen Liga wüst von Real Madrids Vinícius beschimpft.
  • Der frühere Dortmunder moniert daraufhin die schlechten Manieren seines Gegners - und erinnert daran, dass er einen guten Charakter hat.
Von Christoph Söller und Jonas Beckenkamp

Königliche Manieren hat bei weitem nicht jeder, das musste jetzt auch Marc Bartra erleben. Der Mann, den sie in Dortmund unter anderem deshalb so schätzten, weil er als durchweg feiner Kerl gilt, bekam am Sonntagabend einiges zu hören. Beim 1:2 seines Klubs Betis Sevilla gegen Real Madrid geriet er mehrfach mit Reals Jungbrasilianer Vinícius José Paixão de Oliveira Júnior aneinander. Und wenn es stimmt, was Bartra hinterher erzählte, dann besitzt Vinícius, 18, eine ganz schön schlechte Kinderstube.

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"Er lag mehr auf dem Boden, als Fußball zu spielen", beschwerte sich Bartra, 27, gegenüber spanischen Medien, "darauf habe ich ihn freundlich hingewiesen". In der Folge habe der Real-Profi die Contenance verloren und ihn wüst beschimpft. "Er hat sich dann gleich drei Mal in unflätiger Weise an meine Mutter erinnert." Vinícius, der im allgemeinen Krisen-Kuddelmuddel Reals gerade seine ersten Erfahrungen in der Primera Division sammelt, sei einer, "der noch viel zu lernen hat", folgerte Bartra, "denn ich glaube nicht, dass das die Gepflogenheiten sind, die sich für einen Spieler von Real Madrid gehören." Bartra selbst stammt bekanntlich aus der Jugend des FC Barcelona, doch dieses Urteil erlaubte er sich dann doch über den Rivalen aus der Hauptstadt.

In Barcelona spielt Bartra ja auch lange nicht mehr, seine Reise führte ihn über Dortmund nach Sevilla, wo er Stammspieler in einer meist erstaunlich gut funktionierenden Elf ist. Ein Spitzenklub mag Betis noch nicht sein, zuletzt gab es ein paar Niederlagen, aber insgesamt zeigt die Saison erneut: Es tut sich was in Andalusien: Hinter dem stets recht erfolgreichen Stadtrivalen FC Sevilla hat sich Betis mit geringen Mitteln zu einem soliden Team entwickelt - aktuell steht der Klub trotz der Pleite gegen Real auf Platz sieben. Und Bartra ist Teil des beachtenswerten Aufschwungs in Grünweiß.

Das vermeintlich kleine Real Betis belegte schon in der vergangenen Saison überraschend Rang sechs und qualifizierte sich somit für die Europa League. Bartra hatte damals entscheidenden Anteil am Erfolg. Als er im Januar 2018 nach Sevilla gekommen war, lag der Verein nur auf Rang 13, doch in der Rückrunde stabilisierten sich die "Béticos" und holten starke 36 Punkte. Bartras Aufstieg zum Defensivchef und Sevillas Weg nach Europa verliefen symbiotisch - beide profitieren voneinander.

In Dortmund war er Publikumsliebling

In seiner Zeit beim FC Barcelona hat er viele elegante Spieler erlebt, Andrés Iniesta, Neymar oder Lionel Messi waren seine Kollegen, in Barças berühmter Jugendakademie La Masia war er zuvor ausgebildet worden. Doch an seinen Konkurrenten in der ersten Mannschaft, Javier Mascherano und Gerad Piqué, kam Bartra bei allen Versuchen nicht vorbei, und so holte ihn 2016 Thomas Tuchel aus Barcelona nach Dortmund. Der Katalane wurde sofort Publikumsliebling beim BVB. Mit seiner herzlichen Art, seiner Offenheit und kindlichen Neugierde kam er gut an im Ruhrpott. Bartra erhielt die Rückennummer fünf, die zuvor jahrelang Vereinsikone Sebastian Kehl trug. Er spielte ordentlich, nicht flatterhaft wie Mitbewerber Ömer Toprak, aber auch nicht so elegant wie sein Vorgänger, Mats Hummels. Nach eineinhalb Jahren verließ er den BVB wieder. Doch sein Wechsel hatte keine sportlichen Gründe.

Bartra litt wie kaum ein anderer Dortmund unter dem traumatischen Erlebnis des Anschlags auf den BVB-Bus im April 2017. Er war es ja, den Splitter an den Armen erwischt hatten, er musste ins Krankenhaus, er hatte Albträume und konnte die Ereignisse kaum verarbeiten. Sein Abschied aus Dortmund war letztlich auch eine Flucht, der Versuch eines Neuanfangs in der Ferne, die jetzt seine neue Heimat ist. Neun Monate später, im Januar 2018, musste er vor dem Landgericht Dortmund aussagen. "Ich hatte Angst um mein Leben und dass ich meine Familie nie mehr wiedersehen würde. Es war furchtbar", sagte er über die Momente, als neben dem Bus der Borussia eine Bombe detonierte.

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In der Winterpause der Saison 2017/18 war er zurück in sein Heimatland gegangen, Betis ist bis heute in guter Schritt für ihn, er kann dort zeigen, dass er ein sehr fähiger Verteidiger ist. Verglichen mit Borussia Dortmund ist Sevilla ein eher kleiner Verein. Keine beeindruckende Südtribüne, keine Champions League, die Aussicht auf Titel ist eher schlecht. Aber darum ging es Bartra nicht. Er wollte an einen Ort, der ihm Ruhe bietet. Der Wechsel war emotional aufwühlend, "mucha suerte", viel Glück, wünschten ihm die BVB-Anhänger, als er gegangen war. "Ich hätte es nie für möglich gehalten, so viel Liebe und Unterstützung von einer der besten Fußball-Familien der Welt zu erhalten," sagte Bartra zum Abschied.

Den sportlichen Schritt zurück hat er nicht bereut. "Alles was ich gesucht habe, hat sich hier bei Betis erfüllt", sagte er vor dem Jahreswechsel. Inzwischen ist Bartra sogar wieder Nationalspieler Spaniens, seine konstant guten Leistungen in Sevilla wurden vom neuen Nationaltrainer Luis Enrique honoriert - und bestimmt spielt dabei auch eine Rolle, dass er sich immer vorbildlich verhielt. Im Gegensatz zum Sportskameraden Vinícius von Real Madrid.

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