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FC Barcelona:Zum Abschied eine Bombe mit Luft

FC Barcelona: Präsident Josip Bartomeu bei der Vorstellung von Ousmane Dembele

Damals war es noch gut: Barcelona-Präsident Bartomeu bei der Präsentation von Ousmane Dembélé 2017.

(Foto: REUTERS)

Der zurückgetretene Barcelona-Präsident Josep Maria Bartomeu tritt eine neue Superliga-Debatte los. Spaniens Ligachef reagiert wütend.

Von Javier Cáceres

Es gibt so einiges, was Josep Maria Bartomeu hinterließ, als er am Dienstagabend als Präsident des FC Barcelona zurücktrat. Fünf Trainer waren in seiner 2014 begonnenen Regentschaft tätig; sie holten 13 Titel, darunter 2015 das Triple aus spanischer Meisterschaft, Pokal und Champions League. Bartomeu, 57, hinterließ aber nicht nur Erinnerungsstücke fürs Vereinsmuseum, sondern auch ein imaginäres Erbe, das in unbestimmter Zukunft in Bares umgemünzt werden soll. "Ich kann heute eine Nachricht ankündigen, die die Einnahmeperspektiven des Klubs für die kommenden Jahre auf außergewöhnliche Weise verändern wird", tönte er: "Das Klubpräsidium hat die Anforderungen verabschiedet, um an einer künftigen europäischen Superliga teilnehmen zu können - ein Projekt, das die großen Fußballklubs in Europa vorantreiben."

Das war eine Ankündigung, die in Europas Fußball einschlug wie eine Bombe.

Das Projekt "Superliga" geistert seit Jahren in immer neuen Formen durch die Branche, mit mehr oder weniger realem Hintergrund, stets mit der angeblich verheißungsvollen Aussicht auf milliardenschwere Einnahmen aus nicht immer identifizierbaren Quellen. Bartomeus Auftritt jedoch hatte in einer Hinsicht eine neue Qualität: Er trat "aus der Klandestinität in die Semiklandestinität", wetterte Javier Tebas, Präsident der spanischen Fußball Liga LFP, am Mittwoch in einem Interview mit der Agentur AP. Er habe schon in der Vergangenheit metaphorisch von einer illegalen Party im Morgengrauen gesprochen, "jetzt wissen wir von zumindest einem, der auf der Party dabei war ...", sagte Tebas in Anspielung auf Bartomeu.

In der Tat: Dass sich einer der führenden Vereine der Branche zu einem Projekt bekennt, das im Falle einer Umsetzung das bestehende Wettbewerbssystem infrage stellen würde, das war neu. Allerdings wies Bartomeu auf zwei Details hin, die Luft aus dem Ballon weichen ließen: Die Absichtserklärung, an einer Superliga teilzunehmen, müsse erstens vom neuen Klubpräsidium, das innerhalb der nächsten drei Monate gewählt werden muss, sowie zweitens von der Mitgliederversammlung Barcelonas ratifiziert werden. Die Frage wird dann sein: Wie belastbar ist das Projekt überhaupt, das in der vorigen Woche wieder aktuell wurde, als in England groß berichtet wurde, die Investmentbank JP Morgan würde sechs Milliarden Dollar für eine europäische Superliga springen lassen, die vom FC Liverpool, Manchester United und weiteren Klubs in Spanien, Deutschland und Frankreich vorangetrieben werde?

Gar nicht belastbar!, sagt Liga-Chef Tebas: "Wäre das (Projekt) real, würden sich 20 Klubs (in Europa) dazu bekennen. Aber es gibt keinen einzigen", sagte Tebas der AP. Die Umsetzung einer solchen Idee sei weder sportpolitisch in der Fußballwelt "noch wirtschaftspolitisch für einen seriösen Investmentfond der Welt haltbar. Unmöglich!" Es gebe lediglich "einen Grandezza-Traum (...) von Real Madrids Präsident Florentino Pérez, der die Folgen für die audiovisuellen Übertragungsrechte und die wirtschaftlichen Konsequenzen nicht absieht", sagt Tebas. Bartomeu habe sich an die Spitze der Bewegung gestellt, weil er nur noch Pérez Handlanger sei.

Die Schulden sind explodiert

Diese Theorie hat etwas für sich. Beim FC Barcelona ist zu hören, dass Bartomeu den Mitgliedern mit seiner Mitteilung ein Gefühl von Größe zurückgeben wollte - seht her, wir sind kontaktiert worden, im elitärsten Wettbewerb mitzumachen, wir gestalten die Zukunft mit! Das war das, was Bartomeu sinngemäß den Mitgliedern zurief. Und es stimmt ja: Eine solche Massage des Egos haben die Barça-Mitglieder nötig: Als der Klub Anfang des Monats seine Geschäftszahlen für die letzte Saison vorstellte, sprach Vizepräsident Jordi Moix sogar davon, dass der Verein von den "Plagen der Ägypter" heimgesucht worden sei, von einer Pein biblischen Ausmaßes.

Tatsächlich sind die Schulden des Klubs auch durch die Covid-Krise explodiert, sie bewegten sich per 30. Juni 2020 bei mehr als 800 Millionen Euro, allein bei den Banken steht der Verein mit 480 Millionen in der Kreide. Mit der Investmentbank Goldman Sachs wurde ein Kredit über mehr als 800 Millionen Euro vereinbart, damit soll ein Giga-Infrastrukturprojekt namens "Espai Barça" finanziert werden. Das Camp-Nou-Stadion soll ebenso aufgehübscht werden wie das umliegende Gelände, auf dem unter anderem der Palau Blaugrana steht. Doch längst machen Gerüchte die Runde, die Kreditlinie sei angezapft worden, um Gehälter zu zahlen.

Real Madrids Finanzlage wiederum ist vorgeblich besser. Aber: Für die Modernisierung des Stadions Santiago Bernabéu hat man sich ebenfalls in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe bei den Banken verschuldet. Und weil - wie bei Barça und allen anderen Klubs der Welt - die Einnahmen weggebrochen sind, wurden die Rückzahlungsmodalitäten neu verhandelt. Da sind Superliga-Projekte nicht nur willkommen, sondern ein Rettungsring.

Der Hintergrund von Superliga-Gedankenspielen sei stets derselbe gewesen, sagt Tebas: Europas Fußballunion Uefa, Ausrichterin der Champions League, solle durch dieses Druckmittel zu Änderungen des Formats und der Verteilung der Königsklassen-Prämien bewegt werden. Macht Bartomeu also gemeinsame Sache mit Pérez, dem Boss des Erzrivalen? Natürlich hätten die beiden geredet, sagt Tebas.

Verfeindet sind Bartomeu und Pérez eh nicht. "Barto ist ein Freund", sagte Pérez neulich. Tebas setzte einen drauf und stellte in den Raum, Bartomeu sei im Grunde eine Marionette von Pérez: "Wenn man sich Bartomeus Politik der letzten drei Jahre anschaut, sieht man, dass er immer im Windschatten von Real fuhr." Dass die Zeitung As am Dienstag angebliche Pläne einer Superliga mit 18 Klubs verbreitete, rang Tebas nur Hohn ab. Ein solches Konzept "entwerfen wir Zwei an einer Theke einer Bar in fünf Minuten", sagte er. Mühelos.

© SZ vom 29.10.2020/ska
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