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Champions League:Picasso auf Botticellis Bühne

Meldete sich mit vier Toren aus der Mini-Krise zurück: Lionel Messi.

(Foto: AP)

Messi oder Maradona? Für viele ist das eine Glaubensfrage. Nun tritt Messi in unruhigen Zeiten mit Barcelona in Neapel an - wo sie einst ihren "König Diego" mit Liebe überfluteten.

Die Bühne ist bestellt. Auf der Ehrentribüne haben sie sicherheitshalber einen Platz reserviert, bis zuletzt soll er freigehalten werden, man weiß ja nie. Ein Thron für Diego, auch in Neapel?

Das Stadio San Paolo wird am kommenden Dienstagabend mal wieder voll sein, eine Ewigkeit ist es her, dass das zuletzt der Fall war. Es wird eine würdig große Kulisse sein für das Spiel SSC Napoli gegen den FC Barcelona, Achtelfinale der Champions League - und für viel mehr. Nämlich für die vielleicht abschließende Verhandlung über eine elementare, irgendwie sporthistorische Frage, die zumindest die Argentinier seit geraumer Zeit in ein beinahe metaphysisches Dilemma stürzt.

Die Frage lautet: Diego Maradona oder Lionel Messi? Wer ist größer?

Als man Johan Cruyff, der beide Fußball-Granden persönlich kannte und ebenfalls ein Großer war, einmal fragte, was er von dieser Debatte halte, sagte er, das sei nur Bargeschwätz. Und natürlich hatte er recht. Es ist Unsinn, Größe zu wiegen, gerade wenn es sich um Grandiositäten aus unterschiedlichen Epochen handelt. Doch dieser Unsinn ist unwiderstehlich, in ihm schwingt eine Ode an den Sport.

Messi hätte Gründe, Barça im Sommer zu verlassen. Dass er es tut, glaubt aber niemand

Napoli gegen Barça, Gestern gegen Heute, Maradona gegen Messi - alles im Kopf. Maradona war in den Achtzigern der König von Neapel, Messi hat nun in Barcelona Heldenstatus. Es ist der ewige Wettbewerb zwischen zwei genialischen Linksfüßen mit italienischen Vorfahren, zwischen zwei Herrschaften mit tiefen Körperschwerpunkten und intuitiver Wendigkeit. Ein Kunsthistoriker verglich Messi einmal mit Picasso und Maradona mit Botticelli. Messi dekonstruiere auf dem Rasen das Spiel des Gegners wie Picasso in "Guernica": Wo er vorbeikomme, stehe danach nichts mehr. Maradonas Wege auf dem Platz seien weicher gezeichnet gewesen, seine Drehungen runder, näher am toskanischen Maler. Kubismus versus Renaissance.

Nach der Auslosung kam in Neapel das Gerücht auf, Maradona könnte anreisen zu diesem Spiel, um seinem Erben, so das Bild des Erben denn überhaupt passt, an alter Wirkungsstätte zuzusehen, von der Tribüne aus. Es ist eine Premiere, Messi hat noch nie im San Paolo gespielt. Das neapolitanische Publikum ist als Volksjury geeignet, obwohl es parteiisch ist. Mindestens drei Viertel des Mythos um Maradona entstanden in dieser Schüssel draußen in Fuorigrotta, dem Stadtteil, den sie auf die Campi Flegrei gebaut haben, den Supervulkan.

Die Erinnerungsvideos sind unscharf, die Farben blass, HD war damals nicht mal ein Versprechen. Aber was war das für eine bunte, aufregende Zeit: Zwei Mal wurde Napoli mit Maradona Meister. Es waren die ersten und bisher letzten Titel in der gesamten Vereinsgeschichte, so etwas wie die Emanzipation der Stadt über alle düsteren Mächte aus dem Norden des Landes, in Turin und in Mailand, wo man ja ohnehin nichts anderes im Sinne führt, als Neapel kleinzuhalten. So sehen das die Neapolitaner. Maradona hatte Neapel wieder so groß gemacht, wie es das als Hauptstadt des Königsreichs beider Sizilien einmal war, eine Stadt mit Weltaura.

Impressionen aus Neapel, 2011

Liebe, die den Helden am Ende erdrückte: In der Altstadt von Neapel errichteten Fans einst sogar Altare an Hauswänden für Diego Maradona.

(Foto: Johannes Simon)

Der beste Fußballer jener Zeit, er hatte sich für Neapel entschieden, das allein bescherte ihm einen fixen Platz auf dem Piedestal der Historie. Neapel war nicht gerade Provinz, aber viel fehlte nicht. "Ich wollte ein Haus, sie gaben mir eine Wohnung", sagte Maradona einmal, "ich wollte einen Ferrari, sie gaben mir einen Fiat."

Die Stadt war voller Versuchungen, auch dunkler, Camorra und Drogen - Maradona erlag ihnen. Und die Stadt war voller Liebe für Diego, für "il Dieci", die Zehn, den "Pibe de oro", den Goldjungen. Uferlose Liebe war das. Neapel umarmte ihn, als wäre er einer seiner Söhne, erdrückte ihn, fraß ihn auf. Die Geschichte endete nicht gut, sogar ausgepfiffen haben sie ihn am Schluss. Doch mit den Jahren vergaß man das wieder, die Wehmut nach dem Meistermacher ist so scharf wie HD.

Maradona hatte gewagt, was man Messi nicht zutraut: einen Sprung ins Ungewisse, zu einem Verein, der kleiner war als er; in dem er "in schwacher Gesellschaft" spielte, wie es damals hieß, als hätte man ihm stets nur zweitklassiges Personal zur Seite gestellt, während Barça seinen ganzen Kader immer an Messi orientierte. Von Maradona sagte man, er habe alle um ihn herum besser gemacht, er habe das Team auf seinen Schultern getragen, impulsiv und genial, bei Napoli wie bei der argentinischen Nationalmannschaft.

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