Süddeutsche Zeitung

Tennis:Abschied mit erstaunlicher Abruptheit

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Barbara Rittner verlässt den Deutschen Tennisbund. Der Verband will die Rolle der Chef-Bundestrainer schärfen - und wünscht "vollumfängliches und exklusives" Engagement. Darin lässt sich ein Widerspruch zu Rittners bisheriger Arbeit entdecken.

Von Barbara Klimke

Auch aus den schmerzlichsten Niederlagen kann man lernen. Barbara Rittner hatte der jungen Tennisspielerin Ella Seidel, die sich im Januar gleich zum Auftakt der Australian Open Titelverteidigerin Aryna Sabalenka deutlich geschlagen geben musste, deshalb eine besondere Aufgabe erteilt. Noch in Melbourne sollte die damals 18-jährige Debütantin ein schriftliches Fazit ihres ersten Grand-Slam-Turniers ziehen, sollte notieren, was ihr gefallen hatte, was nicht, was es zu verbessern galt. Das sei nach ihrer Erfahrung eine gute Grundlage für Analysen und Gespräche, sagte Rittner: "Wenn man es aufschreibt, sortiert sich das."

Es dürfte einer der letzten Ratschläge gewesen sein, die Barbara Rittner in ihrer Funktion als Tennis-Bundestrainerin erteilte. Am Wochenende hat die 50-Jährige den Deutschen Tennisbund (DTB) nach 19 Jahren überraschend verlassen.

In der Erklärung, die der DTB am Sonntagvormittag verschickte, ist von einer einvernehmlichen Trennung die Rede. Erstaunlich wirkte allerdings die Abruptheit, mit der die Beendigung eines so langen, fast zwei Jahrzehnte währenden Beschäftigungsverhältnisses mit einer Bundestrainerin erfolgte, die weit über die weißen Linien des Tennis bekannt geworden ist. Der DTB teilte dazu am Montag auf Anfrage mit, dass der Vertrag mit Rittner offiziell schon Ende 2023 ausgelaufen sei. "Aufgrund laufender Gespräche mit dem neu gewählten DTB-Präsidium", so heißt es, sei vereinbart worden, "die Zusammenarbeit zunächst für die Australien Open und das ITF-Turnier in Altenkirchen, das am 18. Februar endete, zu verlängern." Am Sonntag war also Schluss. Ein, alles in allem, ungewöhnlicher Zeitpunkt, kurz nach Beginn der Tennissaison.

Bisher stand Rittner dem DTB nicht "exklusiv" zur Verfügung

Als Grund der Trennung wurden die "unterschiedlichen Vorstellungen zur künftigen Zusammenarbeit" genannt. Und einiges deutet darauf hin, dass es in den Gesprächen in dieser Hinsicht grundsätzliche Differenzen gab: Im Tennisverband ist seit 2022 Veronika Rücker für den Jugend- und Spitzensport verantwortlich, die ehemalige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Und im DTB wird gerade ein neues Leistungssportkonzept erarbeitet. "Im Rahmen des Konzeptes", so teilte der DTB am Montag mit, "wird auch die Rolle der Chef-Bundestrainer neu geschärft."

Sie sollen künftig in einer übergeordneten Rolle die "Beziehung zwischen Athleten und den jeweiligen Heimtrainern" stärken und "als Berater und Mentor" zur Verfügung stehen. "Für den DTB ist es wichtig", so heißt es weiter, "dass die Chef-Bundestrainer dem Verband vollumfänglich und exklusiv zur Verfügung stehen und sich, vom jüngsten Talent bis zu den Spitzenspielern, um die gesamte Breite des Nachwuchsleistungs- und Spitzensportes kümmern, vor allem auch bei strategischen Überlegungen."

Unschwer lässt sich in diesem Anforderungskatalog ein möglicher Widerspruch zu Barbara Rittners bisheriger Arbeit entdecken. Denn zuletzt stand sie, vom Verband mit einem Honorarvertrag ausgestattet, dem DTB nicht "exklusiv" zur Verfügung. Sie tritt seit Jahren auch als TV-Expertin bei den Tennisübertragungen des Senders Eurosport auf. Zudem ist sie Turnierdirektorin in Berlin beim dortigen Weltklasse-Rasenturnier. Beide Funktionen wird sie nach Beendigung ihres Bundestraineramts auch weiterführen.

Die Entscheidung, den Verband zu verlassen, sei ihr "nicht leichtgefallen", wird Rittner in der Mitteilung des Verbandes vom Sonntag zitiert. Sie sehe nun aber den "richtigen Zeitpunkt für eine Veränderung" gekommen. Darüber hinaus, so teilte sie mit, will sie sich vorerst nicht äußern.

Rittner, eine ehemalige Weltklassespielerin, hatte schon als Juniorin das Racket für den DTB geschwungen. Sie gehörte später zur goldenen Tennisgeneration um Steffi Graf und Anke Huber, die 1992 im Federations Cup triumphierte. Der Federations Cup wurde in Fed Cup, dann in Billie-Jean-King-Cup umgetauft - die Namen änderten sich, Rittner blieb. 2005, nach Beendigung ihrer Profikarriere, wurde sie Chefin des Teams, 2009 Bundestrainerin. In diesen Funktionen war sie maßgeblich daran beteiligt, eine neue, silberne Generation um Angelique Kerber zu fördern, und zwar zu einem Zeitpunkt, als das deutsche Tennis am Boden lag. Angelique Kerber stieg zur dreimaligen Grand-Slam-Siegerin auf; Andrea Petkovic und Julia Görges erreichten die Top Ten; Sabine Lisicki das Wimbledon-Finale, Anna-Lena Grönefeld wurde zu einer der besten Doppelspezialistinnen.

Ihnen gebühre ihr "besonderer Dank", schrieb Rittner am Sonntag in ihrem Whatsapp-Status - "sowie den Nachwuchsspielerinnen, die großes Potenzial für die Zukunft haben". Profis wie Ella Seidel also, die früh in Melbourne verlor. Wie es mit diesen Spielerinnen weitergeht? Der DTB teilt auf Anfrage mit, man werde "mit unserem gut aufgestellten Bundestrainerteam im DTB eine Übergangslösung" schaffen.

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