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Bankdrücker beim BVB:Einsamer Abend für Götze

1. FSV Mainz 05 v Borussia Dortmund - Bundesliga

Nur auf der Bank, mal wieder: Mario Götze.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Thomas Tuchel verzichtet gegen Leipzig auf Mario Götze - dessen Konkurrenten glänzen. Manch einer findet trotzdem nicht fair, wie der Trainer mit dem WM-Helden verfährt.

Von Philipp Selldorf, Dortmund

Der Reichtum von Thomas Tuchel hatte seinen Platz dort, wo üblicherweise Reichtümer gelagert werden: auf der Bank. Dort saßen beim Anpfiff der Partie gegen Leipzig vier wahrhaftige Weltmeister beieinander. Matthias Ginter, Mario Götze, André Schürrle und Roman Weidenfeller mögen für diesen Abend mehr erwartet haben, immerhin hatten sie ihrem Kollegen Gonzalo Castro etwas voraus. Sie erhielten Zugang zur Reserve, Castro dagegen, in den beiden vorigen Spielen in der Startelf, bekam bloß ein Tribünenticket. Dies wird in Dortmund aber weniger als Politikum denn als Eigenheit des Trainers gesehen, der immer wieder solche radikalen Rotationen anordnet und das auch ganz normal findet.

Götzes Zuschauerrolle hingegen ist ein ständiges Debattenthema bei der Borussia. Das neue Jahr hat der auf Betreiben der Klubführung heimgeholte Alt-Borusse wieder weitgehend im Standby-Modus begonnen. Zwanzig Minuten gönnte ihm Tuchel vorige Woche in Mainz, und am Samstagabend musste Götze sozusagen doppelt erfahren, dass ihn der Trainer einstweilen für entbehrlich hält.

Zunächst durfte er zuschauen, wie Ousmane Dembélé auf seiner potentiellen Position im offensiven Mittelfeld die Leipziger Reihen durcheinanderwirbelte, und als der 19 Jahre alte Franzose nach einer Stunde angeschlagen auf dem Boden saß und einen Wechsel erforderlich machte, da brauchte Thomas Tuchel nicht lange zu überlegen, wen er nun einsetzen würde. Energisch orderte er die Nummer 22 herbei, den gleichfalls 19-jährigen Christian Pulisic.

Götze hatte due beste Sicht - immerhin

Dieser brauchte nicht mehr als eine halbe Zigarettenlänge, um den Vorzug zu rechtfertigen. Mit einer Dynamik, die einst den jungen Götze in Dortmund auszeichnete und die Bayern animierte, ihn nach München zu entführen, eroberte Pulisic den rechten Flügel. Zweimal fehlten ihm nur Kleinigkeiten zur perfekten Torvorlage für Pierre-Emerick Aubameyang. Götze hatte, während er in der Aufwärmgruppe hinter dem Leipziger Tor vorschriftsmäßig die Muskeln dehnte, die beste Sicht auf das Spektakel.

Mancher Dortmunder Zeitzeuge findet es nicht fair, wie Tuchel mit Götze verfährt, um die prominente Personalie wird im kalten Konflikt hinter den Kulissen heftig gerungen, aber das Geschehen im Spiel gegen Leipzig gibt dem Trainer recht. Dembélé entfaltete viel Wirkung auf dem Posten im halbrechten offensiven Mittelfeld, der nicht seine gewohnte Heimat ist. Seine Läufe und sein Tempo waren Gift für die am Samstag etwas steif erscheinende Leipziger Deckung. Das Solo, das dem 1:0 durch Aubameyang vorausging, war einer der Höhepunkte des Abends.

Seine Schritte waren dabei so schnell, dass man ihnen mit bloßem Auge kaum folgen konnte. Erst ließ er Marcel Halstenberg stehen, dann zog er an Willy Orban vorbei, der sich im Luftzug des schnellen Mannes um sich selbst drehte wie ein Wetterhahn im Wind auf der Kirchturmspitze. Abschließend die punktgenaue Flanke - fertig war das Meisterstück.

Für Götze wurde es kein schöner Abend mehr. Als zweiten Einwechselspieler wählte Tuchel den defensiv stabilen Ginter aus, schließlich brachte er noch den jungen Passlack. Götze beendete den Stadionabend, indem er einsam zum Auslaufen antrat.

© SZ vom 05.02.2017/ebc

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