Finale im US-Fußball:Das verrückteste Spiel ist das Endspiel

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Finale im US-Fußball: Gareth Bale traf zum 3:3 für seinen Klub Los Angeles.

Gareth Bale traf zum 3:3 für seinen Klub Los Angeles.

(Foto: Robert Hanashiro/USA Today Network/Imago)

Gareth Bale gleicht in der Verlängerung in der achten Minute der Nachspielzeit zum 3:3 aus - und das ist nicht mal das kurioseste Ereignis des Spiels. Das Finale der MLS zeigt: Der Fußball könnte so langsam eine echte Chance haben in den USA.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die Fußballgötter müssen verrückt sein. Das ist bekannt, schließlich denken sie sich in schöner Regelmäßigkeit Dinge aus, zu denen dem menschlichen Verstand die Vorstellungskraft fehlt. Zum Beispiel dieses Finale in der nordamerikanischen Fußballliga MLS: Gareth Bale, der ja nur in die USA gewechselt war, um sich für die erste WM-Teilnahme seines Heimatlandes Wales seit 1958 in Form zu bringen, traf in der achten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung zum 3:3 und schickte dieses Endspiel ins Elfmeterschießen - dort gewann sein Verein Los Angeles FC gegen Philadelphia Union und damit den Titel.

Nun könnte man sagen: Gareth Bale, Einwechslung im Endspiel, entscheidendes Tor - da muss man nun wirklich nicht die Fußballgötter bemühen, sondern es ließe sich auch sagen: klassischer Bale. Im Champions-League-Finale 2018 erzielte er für Real Madrid nach seiner Einwechslung per Seitfallzieher und 40-Meter-Schuss die Treffer gegen Liverpool, für Wales im März trotz Verletzung die zwei wichtigen Tore gegen Österreich. Also: Der Kopfballtreffer bei der exakt dritten Ballberührung - jetzt kein wirkliches Wunder, oder?

Das stimmt, und deshalb ist der Bale-Treffer auch nur das dritt-bemerkenswerteste Ereignis in dieser Partie gewesen, die in die Geschichte eingehen wird als das verrückteste Spiel dieser Liga. Es war ein hochklassiges und natürlich - noch einmal: das 3:3 fiel in der 128. Minute - spannendes Finale, das sie nicht nur als Saisonabschluss sehen, sondern auch als Einstimmung auf die WM. Es gilt mal wieder, die Amerikaner zu begeistern für diesen für sie oft wundersamen Sport mitsamt seinen Göttern, die wundersame Dinge tun.

Im US-Fernsehen senden sie derzeit einen WM-Werbespot in Dauerschleife, in dem der Schauspieler Jon Hamm ("Mad Men") den Weihnachtsmann gibt, der Briefe amerikanischer Kinder öffnet - die sich alle nichts sehnlicher wünschen als den WM-Titel für die USA. 2026, bei der WM im eigenen Land, da würden sie gerne zum Kreis der Favoriten gehören - aber warum denn eigentlich nicht schon heuer, bei dieser seltsamen WM in Katar. "I believe that we will win" ist der Schlachtruf der Fans, und nichts könnte dieses Endspiel besser beschreiben als: Man muss nur dran glauben.

Der LAFC ist der Klub der einfachen Leute

Alsdann, alle Kuriositäten gesammelt, beginnend mit der Ausgangslage: Dieses Finale fand in Los Angeles statt, also pilgerten die Leute zum Stadion im Stadtzentrum, und dann sangen sie fast drei Stunden lang - denn LAFC ist der Klub der einfachen Leute, Schickimicki gibt es drüben bei Galaxy mit Beckham und Ibrahimovic. Nur: Am Abend gab es im Coliseum, nicht mal einen Steinwurf entfernt, die Football-Partie USC gegen Cal; eine Tradition seit 107 Jahren. Im Profibaseball spielten die Phillies in der Finalserie gegen die Houston Astros ums Überleben. LA und Philly, beide Städte waren bereit für einen entrückten Sporttag.

Das Spiel selbst verlief zunächst wie erwartet: LAFC, erfolgreichster Klub der regulären Saison, dominierte und ging durch einen abgefälschten Freistoß von Kellyn Acosta in Führung. Union, aufs Kontern ausgelegt, glich Mitte der zweiten Hälfte durch Daniel Gazdag aus. Sieben Minuten vor dem Ende die erneute Führung für Los Angeles, Jesus Morilla traf per Kopf nach einer Ecke. Das war's, dachten alle, doch dann ging diese Partie erst richtig los - ein bisschen wie das WM-Halbfinale 1970 zwischen Deutschland und Italien, das, ausgerechnet, den Treffer des in Italien spielenden Karl-Heinz Schnellinger brauchte, um zum Jahrhundertspiel zu werden.

Und nun anschnallen, bitte: Union-Verteidiger Jack Elliot, eine Art MLS-Schnellinger, der die Mittellinie quasi nie überschreitet, eilte bei einem Freistoß nach vorne - und Elliot, ausgerechnet Elliot, schaffte per Kopfball den Ausgleich und erzwang die Verlängerung. Eine kleine Kapriole, die sich später noch steigern sollte: In der Verlängerung grätschte LAFC-Torwart Maxime Crépeau einen Union-Stürmer um, der kanadische Keeper erlitt dabei einen Schienbeinbruch und wird die WM verpassen. Fürs Protokoll: Wegen des Fouls wurde er zudem vom Platz gestellt und durch John McCarthy ersetzt.

Nun drückte Philadelphia auf den Siegtreffer, und in der 124. Minute, also der vierten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung, überschritt Elliot nochmals die Mittellinie und drückte den Ball nach einer Glanzparade von McCarthy über die Linie zum 3:2. Zwei Tore von Elliot, das war verrückter als der bereits erwähnte Ausgleich durch Bale vier Minuten später - doch es ging ja noch weiter.

Los Angeles gewann, weil dieser eingewechselte Torwart McCarthy - übrigens in Philadelphia geboren und zu Beginn seiner Karriere bei Union aktiv - keinen einzigen Elfmeter ins Tor ließ. Zwei hielt er, einer flog über sein Tor. McCarthy sagte nichts, als er die Trophäe für den Mann des Spiels überreicht bekam, er schüttelte nur ungläubig den Kopf, mit Tränen in den Augen. Der Blick: Die Fußballgötter müssen verrückt sein.

Der größere Zusammenhang: ein hochklassiges Finale in einer reinen Fußballarena im Zentrum von Los Angeles; vor fachkundigem und ekstatischem Publikum. Nein, man muss Santa Claus nicht darum bitten, dass er den Amerikanern diesen Sport erklären möge. Sie haben eine sehr gute Liga mittlerweile, die solche Endspiele produziert wie am Samstag. Sie dürfen nun tatsächlich, und vielleicht ist das die wirklich verrückteste Botschaft dieser MLS-Saison, daran glauben, dass das was wird mit Fußball in den USA.

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