Karriereende von Gareth Bale:Endlich Urlaub, für immer

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Was wäre alles drin gewesen, wenn Gareth Bale ein wenig professioneller mit seiner Karriere umgegangen wäre? In Madrid saß er lange Zeit nur auf der Tribüne - bestens bezahlt, wohlgemerkt. (Foto: Franck Fife/AFP)

Erster 100-Millionen-Transfer, Traumtore, fünf Champions-League-Titel: Wo immer Gareth Bale spielte, hatte er Erfolg. Und trotzdem lenkt sein Rücktritt den Blick auf einen Profi, der sein Talent in Teilen wegwarf.

Von Jonas Beckenkamp

Seinen letzten Sololauf präsentierte Gareth Bale der Welt gleich in doppelter Ausführung. Über die gängigen Kanäle im Netz veröffentlichte er zu Wochenbeginn zwei Statements mit ähnlichem Inhalt: einen für die Allgemeinheit des Fußballbetriebs und einen für seine Heimat Wales. "An meine walisische Familie", lauten dort die Anfangsworte eines leicht angekitschten Abschiedsbriefs, "der Entschluss, mit dem Fußball Schluss zu machen, ist mit Abstand die schwerste Entscheidung meiner Laufbahn."

Vorbei. Gareth Bale, 33, hört nach 111 Länderspielen auf, sowohl mit dem Klubfußball als auch im Nationalteam - er bleibe den roten Drachen aus dem Hügelland im Westen Großbritanniens natürlich für immer verbunden, versicherte er. Seine Mitspieler hätten mit ihm damals als "Jungs" angefangen, heute seien sie wie "Brüder". Und selbst wenn man mit weniger Pathos auf Bales 17 Jahre als Profi blickt, endet da mit einem letzten Tusch eine bemerkenswerte Karriere.

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:"Er ist sehr glücklich in Madrid, wo er das Leben genießt"

Faxen auf der Tribüne und Millionen auf dem Konto: Gareth Bale ist gerade vermutlich der teuerste Bankangestellte des Weltfußballs - sein Fall bei Real ist verzwickt.

Von Jonas Beckenkamp

Eine mit Titelgewinnen und Toren, von denen andere nicht mal zu träumen wagen, das einerseits. Bale zählt ja zu jener post-galaktischen Generation, die bei Real Madrid das nie dagewesene Kunststück schaffte, fünfmal die Champions League zu holen (dazu dreimal die Meisterschaft, viermal die Klub-WM und einmal die Copa del Rey). Nachdem er 2013 als erster 100-Millionen-Mann des Weltfußballs nach Madrid übersiedelte, gelangen ihm dort 106 Treffer. Und was für welche, vor allem: was für entscheidende.

Gareth Bale schoss in Madrid wichtige Tore - und zwar viele und schöne

Einen besonderen Platz im Louvre der legendären Tore verdient sicherlich sein Fallrückzieher im Champions-League-Finale 2018 gegen Liverpool, ein Werk voller Aberwitz, mit dem er das 2:1 schoss (später erzielte er noch das 3:1). Unvergessen auch sein Überschallsprint gegen Barça im Pokalfinale 2014, der den armen Verteidiger Marc Bartra nachhaltig verstörte. Oder sein hingehauchter One-Touch gegen Dortmund 2017. Oder sein Auftritt als Halbfinal-Schreck Guardiolas, bei dessen schmerzhaftester Pleite als Bayern-Trainer 2014 (0:4).

Auch aufgrund dieser Meriten schnürten sie ihm bei Real nun eine Abschiedsgirlande: "Bale war Teil unserer Mannschaft in einer der erfolgreichsten Phasen unserer Geschichte und steht für immer für viele der brillantesten Momente des letzten Jahrzehnts." Die Liste seiner Großtaten ließe sich fortführen und sollte natürlich auch seine Anfangszeit als Dauerrenner und Naturgewalt bei Tottenham Hotspur umfassen.

Eine Herrlichkeit von einem Tor: Gareth Bale erzielt per Fallrückzieher das 2:1 gegen Liverpool im Champions-League-Finale 2018. (Foto: David Ramos/Getty)

Ebenso wie sein Wirken als Alleinunterhalter bei den Walisern. Bis auf Platz vier der EM 2016 führte Bale sein Heimatland - und das an der Seite von Zweit -und Drittligaprofis. Wenn einer für Wales Tore erwirtschaftete, dann der 40-malige Torschütze Bale, für den der Begriff "Volksheld" wohl noch untertrieben ist. Kürzlich schoss er gar als erster Waliser seit 64 Jahren bei einer WM einen Ball ins Tor, per Elfmeter gegen die USA.

Apropos: Dass Bale selbst bei seiner letzten Station in der Operettenliga MLS im vergangenen Oktober mit Los Angeles FC Meister wurde, bekam zwar fast keiner mehr mit, aber es untermalt den Eindruck: Wo immer er war, gab es Titel. Mitunter aber auch wenig schmeichelhafte wie den von Europas prominentestem "Null-Bock-Kicker" - und das ist die Kehrseite dieser dekorierten, aber irgendwie befleckten Karriere. Denn es hätte tatsächlich noch mehr sein können für Bale, wäre er nicht irgendwann in einen kuriosen Dauerstreik getreten.

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Mit Real-Coach Zinédine Zidane verband ihn in seiner Madrider Spätphase ein Verhältnis gegenseitiger Ignoranz. Der strenge mister hielt nichts von Bale, dem Prestigetransfer des von ihm ebenso kritisch beäugten Präsidenten Florentino Pérez. So ließ Zidane Bale über Jahre zwischen Bank und Tribüne versauern, woraufhin das einst gefeierte Mitglied der Erfolgsband "BBC" (Benzema, Bale, Cristiano Ronaldo) es vorzog, auf den Golfplätzen des Globus seinen Vertrag auszusitzen. Die Empörung war gewaltig über einen, der abkassierte und sein Talent einfach wegwarf, der sich in der Loge schlafend stellte - oder bei einem Länderspiel mit Kollegen eine Fahne hochhielt, auf der stand: "Wales. Golf. Madrid - in that order."

Bale hatte eben seine Prioritäten, die er letztlich ohne Umschweife artikulierte. Ehe er sich in die sportliche Bedeutungslosigkeit Richtung USA (und der Golfklubs in Orange County) verabschiedete, erklärte er 2020 im Podcast The Hat-Trick: "Ich denke, dass immer mehr Spieler nach Amerika wechseln wollen. Das gilt auch für mich, schließlich bin ich gerne in Los Angeles im Urlaub." Davon hat er nun reichlich.

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