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Formel 1:Der Wahnsinn tanzt in Baku

F1 Grand Prix of Azerbaijan

Lewis Hamilton rauscht ab, hinter ihm krallt sich Sebastian Vettel Platz zwei kurz vor dem Ende.

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

Zwei Reifenplatzer bei Geschwindigkeiten jenseits der 300 km/h wirbeln den Großen Preis von Aserbaidschan durcheinander. Max Verstappen verliert auf dramatische Weise den Rennsieg - Sebastian Vettel wird nach einer großen Fahrt Zweiter.

Von Philipp Schneider

Oh ja, jetzt war der Zeitpunkt gekommen für Sebastian Vettel, ein wenig die Aussicht zu genießen. Die Altstadt in Baku rund um eine historische Befestigungsanlage ist in vielerlei Hinsicht sehenswert. Nicht nur wegen der Steinwände innen: allesamt Weltkulturerbe! Häuser auf der anderen Seite machen die steile Passage bergauf kaum breiter als einen Rennwagen.

Und jetzt also, Runde 16, bretterte dort tatsächlich Sebastian Vettel als Führender an der Burg vorbei; zwei Jahre lang hatte er dieses gute, alte Gefühl nicht mehr genossen. In einem Rennen in Aserbaidschan, das bislang so friedlich verlief, als wäre hier nicht die Formel 1, sondern eine Reisegruppe japanischer Touristen mit Nummernschildern hinter einem Fremdenführer in der Altstadt unterwegs.

Wie sehr diese Stille täuschte.

Dass Vettel zeitweise das Feld anführte, das lag zunächst an seiner Hartnäckigkeit, den ersten Boxenstopp hinauszuzögern. Und dann: Beendete er das Rennen nach einer nicht nur fehlerfreien, sondern blitzsauberen Fahrt mit zwei gescheiten Überholmanövern nach einer Safety-Car-Phase sogar als Zweiter. Dass er nach dem Wiederstart auch Charles Leclerc überholte, seinen alten Rivalen aus den düsteren Tagen bei Ferrari, das dürfte ihm eine beispiellose Genugtuung gewesen sein.

"Ein toller Tag. Ich bin jetzt wirklich auf Wolke sieben", sagte Vettel später. Manch Kritiker hatte zuletzt gedacht, dass er dort gar keinen Zutritt mehr hat.

Zur Wahrheit gehört auch: Vettel wäre Vierter geworden in Baku, hätte sich nicht vier Runden vor Schluss ein Drama um Max Verstappen entwickelt. Bei Höchstgeschwindigkeit platzte ihm auf der langen Gerade der Reifen hinten links - kurz bevor er einen mühelosen und verdienten Sieg eingefahren hätte. Verstappen kletterte aus dem Wagen, trat vor Wut gegen das lausige Stück Gummi, das ihn im Stich gelassen hatte, als bestünde die Möglichkeit, dass es aus diesem Vorfall lernen könnte.

Das Rennen gewann sein Teamkollege Sergio Perez vor Vettel, der sich zwei Runden vor Schluss den Platz von Lewis Hamilton eroberte. Weil dem Drama um Verstappen auch noch eins um den Mercedes-Piloten folgte, der sich die WM-Führung mit Leichtigkeit hätte zurückerobern können. Am Tag, als wahrhaftig der Wahnsinn tanzte in Baku.

Nach Verstappens Malheur wurde das Rennen unterbrochen. Es gab einen stehenden Start, eigens veranstaltet für die verbliebenen zwei Schlussrunden. Und weil sich kurz zuvor ein sehr ähnlicher Reifenplatzer ereignet hatte bei Vettels Teamkollegen Lance Stroll, ebenfalls hinten links, stellten sich nun unangenehme Fragen an den Reifenhersteller Pirelli: Wie konnte so etwas passieren?

Sicherheitshalber durften die Piloten für den Schlussspurt noch einmal ihre Pneus wechseln. Die Ampeln gingen ein zweites Mal aus, die Piloten gaben Gas - und dann geschah das eigentlich Undenkbare: Lewis Hamilton, der siebenmalige Weltmeister, dieser Großmeister der punktgenauen Konzentration: Er verbremste sich, fuhr in der Kurve geradeaus.

Perez vor Vettel. Gefolgt vom Franzosen Pierre Gasly im Alpha Tauri. Was für ein Podium!

Mick Schumacher beendete das Rennen als 13. - zwei Plätze vor Lewis Hamilton

Bei der Rundfahrt am Kaspischen Meer stellt sich traditionell nicht die Frage, ob ein Safety Car ausrückt. Sondern nur wann. Diesmal dauerte es 31 Runden: Stroll setzte bei Tempo 340 seinen Aston Martin gegen die Mauer auf der Start- und Zielgerade. Platzer hinten links. Wohl auch, weil er noch länger gewartet hatte bis zum ersten Reifentausch als Vettel. Eben weil die Wahrscheinlichkeit für ein Safety Car in Baku bei 100 Prozent liegt, ist die Versuchung sehr groß, auf ein solches zu warten, um beim Wechsel der Gummis Zeit zu sparen. Ein gefährliches Spiel.

Es sei noch ein bisschen zu früh, um zu sagen, weswegen es zu den Reifenschäden gekommen sei, befand Pirelli-Chef Mario Isola. "Die erste Vermutung ist, dass dort ein Trümmerteil lag. Der Reifen hinten links ist an dieser Stelle nicht derjenige, der die höchste Belastung aushalten muss."

Nachdem Verstappen zuletzt im Fürstentum Monaco die Führung in der Gesamtwertung übernommen hatte, schraubte sich vor der Sause durch das Weltkulturerbe der sogenannte "Flügelkrieg" zwischen Mercedes und Red Bull in ungeahnte Sphären. Teamchef Christian Horner ließ dem Mercedes-Kollegen Toto Wolff ausrichten, er solle "den Mund halten". Darauf bezeichnete Wolff Horner als "Schwätzer, der gerne vor der Kamera steht".

Der Heckflügel an Verstappens Rennwagen ist extrem biegsam, was Mercedes-Ingenieuren immer wieder beim Bildervergleich der Rennwagen aufgefallen war. Bei hohem Tempo beugt er sich auf der Gerade nach hinten, wird dadurch flacher und verringert den Luftwiderstand. In den Kurven nimmt er wieder die Ausgangsform an und sorgt für den nötigen Abtrieb. Da dieses Prinzip aufgrund der fast zwei Kilometer langen Gerade in Baku mit Spitzengeschwindigkeiten von 340 km/h besonders wirksam ist, hatte Wolff zuletzt immer wieder die Möglichkeit eines Protests gegen das Rennergebnis betont. Aber je mehr geredet und je weniger gehandelt wird, desto unwahrscheinlicher ist er.

Die Qualifikation in Baku wurde nicht von möglichen Unregelmäßigkeiten in der Konstruktion bestimmt, sondern, wie immer, von den altbekannten Gesetzen der Physik. Präziser: Der Schwierigkeit (und Sinnhaftigkeit), ausladende Rennwagen durch die engen Gassen einer Altstadt zu jagen. Leclerc im Ferrari profitierte davon, dass der finale Durchgang der Startplatz-Hatz wegen eines von insgesamt fünf Unfällen vorzeitig abgebrochen wurde. "Das war eigentlich eine Mistrunde, um ehrlich zu sein", bekannte Leclerc danach. Mist hin oder her, er genügte, um sich vor Lewis Hamilton und Max Verstappen auf die Pole Position zu schieben.

Die Ampeln gingen aus, ohne Berührung steuerten die Piloten an der Burg vorbei. Sergio Perez im Red Bull schob sich gleich in der ersten Runde von Platz sechs vor auf vier, um sich dort hinter seinem Teamkollegen Verstappen einzureihen. Auch Vettel, als Elfter gestartet, verbesserte sich sogleich auf den neunten Platz. Bis zum erwarteten Wechsel an der Spitze vergingen aber trotzdem nur drei Runden. Dann stellte Hamilton auf der endlos anmutenden Gerade den Heckflügel flach - was in der Formel 1 in zuvor definierten Streckenabschnitten das Recht des dicht Auffahrenden ist - und schoss vorbei an Leclerc. Vier Runden später ahmten es ihm Verstappen und Perez nach - von nun an rasten die Red Bull hinter Hamilton durch Baku.

Sekunde, wo war Valtteri Bottas? Wo war denn bloß Hamiltons berühmter und verdienter Wasserträger?

Der mühte sich, gestartet von Platz zehn, nachdem er über fehlenden Windschatten in der Qualifikation geklagt hatte, als Zehnter am Heck von Vettel.

In der zwölften Runde trieb Hamilton die Sehnsucht nach neuen Gummis an die Box; Red Bull reagierte unmittelbar und rief Verstappen zu sich. Die Standzeit entschied die neue Reihenfolge: Um Hamilton nicht in den zeitgleich zu den Mechanikern strebenden Pierre Gasly hineinrauschen zu lassen, verzögerte Mercedes seine Weiterfahrt. Fast zwei Sekunden länger als Verstappen parkte er, futsch war die Führung. Hamilton maulte und fragte im Funk nach den Gründen. Sie wurden ihm erklärt. Mercedes verlor so viel Zeit, dass sich nach dessen Stopp auch noch Perez vorbeischieben konnte - und so kreisten plötzlich zwei Red Bull an der Spitze.

Und wie schon im vorherigen Rennen in Monaco vergab Mercedes auch in Baku die Chance auf einen Rennsieg in der Box.

Hamilton fehlte die Geschwindigkeit, um sich Perez zu schnappen. Nach Strolls Crash in Runde 31 rückte das Safety Car aus. Als einer von vier Fahrern ließ sich Mick Schumacher neue Reifen reichen. Noch vor der Boxenausfahrt musste er wieder halten, ein Rad war nicht richtig festgezurrt. Das Rennen beendete er als 13. - zwei Plätze vor Hamilton.

Nachdem sich der Hinterreifen Verstappens aus bislang unbekannten Gründen seiner Füllung entledigte, gab es als Zugabe zu einem ohnehin irren Rennen noch einen zweiten Start. Hamiltons Bremsen qualmten schon, bevor er Gas gab. Dann fuhr er geradeaus. Einfach geradeaus.

© SZ/bek
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