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Badminton:Medaille vor der Zimmertür

Badminton-EM 2021 in Kiew

Erst Bronze, dann der Corona-Schock: Isabel Herttrich und Mark Lamsfuß im verlorenen Mixed-Halbfinale der Europameisterschaft.

(Foto: Efrem Lukatsky/dpa)

Mark Lamsfuß und Marvin Seidel hätten am Sonntag EM-Gold im Badminton-Doppel gewinnen können - doch kurz vor dem Finale erhielt Lamsfuß einen positiven Corona-Test. Nun sitzt er in Kiew fest.

Von Sebastian Winter, Kiew/München

Manchmal, wenn die Umstände günstig sind, dürfen Hotelgäste in ein größeres Zimmer ziehen. Upgrade, heißt das dann, zum Beispiel vom schnöden Standard-Doppelzimmer in die schicke Juniorsuite. Mark Lamsfuß wachte am Dienstagmorgen in Kiew noch im Standardzimmer auf, ohne Balkon. Der 27-jährige Badmintonspieler hoffte wie auch seine Nationalmannschaftskollegen Marvin Seidel und Isabel Herttrich darauf, bald umziehen zu können in die Juniorsuite, mit Balkon. Das ist nicht unwesentlich in ihrer Situation, denn das Trio steckt in Quarantäne, seit Lamsfuß am Sonntag positiv auf das Coronavirus getestet worden ist. Nur wenige Stunden später hätte er in der Hauptstadt der Ukraine mit Seidel im Finale der Europameisterschaft um Gold gespielt, es wäre der erste EM-Titel für Deutschland im Doppel seit 47 Jahren gewesen.

Nach dem positiven Test wurden die russischen Außenseiter Wladimir Iwanow und Iwan Sosonow kampflos zu Siegern erklärt. Die Deutschen können ihr Pech kaum fassen, im Halbfinale hatten sie noch die favorisierten Dänen Kim Astrup und Anders Skaarup Rasmussen mit 23:21, 21:17 besiegt - der Weg schien frei zu sein für den historischen Erfolg. "Ich war total schockiert, als die Nachricht kam", sagt Lamsfuß am Telefon, "es ist auch deshalb so bitter, weil wir in Topform und fest überzeugt davon waren, Gold zu holen." Die Silbermedaille sei später, schmucklos in Plastik verpackt, vor seinem Hotelzimmer gelegen, "das war schon traurig".

Schon in zwei Wochen ist Olympia-Qualifikation

Isabel Herttrich und Marvin Seidel, die als Kontaktpersonen gelten und negativ getestet wurden, können im Falle eines erneuten Negativresultats immerhin nach fünf Tagen zurück nach Deutschland fliegen. Lamsfuß, der über leichte Halsschmerzen klagt, muss sich noch gedulden, bis er nicht mehr infektiös ist, was auch den Verband in die Bredouille bringt. Denn in zwei Wochen ist schon das Olympia-Qualifikationsturnier in Malaysia, vor dessen Beginn die Athleten in eine mehrtägige Quarantäne müssen.

So richtig erklären kann sich Lamsfuß den Positivtest nicht, er war zuvor dreimal negativ getestet worden. Allerdings hatte er schon in den Tagen vor dem Finale leichte Erkältungssymptome. Beim Essenholen am Buffet vielleicht, was immer ein potenzieller Gefahrenherd ist? Oder bereits im Flugzeug, wo Lamsfuß nicht weit entfernt von einem dänischen Spieler saß, der nach der Ankunft in Kiew wie ein weiterer dänischer Spieler positiv getestet wurde? Alles Spekulation, was wieder einmal auf die möglichen Risiken für Athleten auch bei den Olympischen Spielen in Tokio verweist. Das Finale im Männer-Einzel musste bei der Badminton-EM übrigens ebenfalls abgesagt werden - auch der dänische Olympiadritte Viktor Axelsen war positiv getestet worden.

"Es professionalisiert sich alles", sagt Sportdirektor Martin Kranitz

Immerhin hatte das Mixed-Duo Lamsfuß und Herttrich am Samstag in Kiew schon EM-Bronze gewonnen. Dazu die Silbermedaille: Das ist ein großer Erfolg für den Deutschen Badminton-Verband (DBV), dessen Galionsfigur Marc Zwiebler, Europameister 2012, vor drei Jahren seine Nationalmannschaftskarriere beendete. Badminton wurde hierzulande lange nur mit seinem Namen in Verbindung gebracht, doch nach ihm ist eine neue Generation herangewachsen, die dem zentralisierten Bundesstützpunktsystem entstammt. In Saarbrücken trainieren die Doppel- und Mixed-Spezialisten, in Mülheim an der Ruhr Einzelspieler wie Kai Schäfer oder Yvonne Lee. Zwölf Sportförderplätze hat der Verband außerdem bei der Bundeswehr. "Es professionalisiert sich alles", sagt DBV-Sportdirektor Martin Kranitz, auch die Videoanalyse-Datenbanken, mit denen die Bundestrainer und die Profis arbeiten.

Was aber längst nicht heißt, dass sich Deutschland mit den weltweit führenden Nationen messen kann. "Wir kämpfen auch gegen hochprofessionelle Systeme in Asien, die viel Geld investieren und mit 40 Betreuern zur WM fahren, während wir dort mit acht oder neun sind", sagt Kranitz. Aber in Europa sind die deutschen Badminton-Profis inzwischen in der Spitze angekommen, das zeigt auch die so trostlos zu Ende gegangene Europameisterschaft.

Ob Mark Lamsfuß zur Olympia-Qualifikation nach Malaysia reisen darf, ist noch nicht sicher. Seine Fitness muss in der Heimat zunächst überprüft werden. Zunächst einmal haben die deutschen Badmintonspieler aber viel Zeit in ihren Hotelzimmern. Seidel möchte sein Chinesisch verbessern, Lamsfuß hat vor, eine Hausarbeit für sein Wirtschaftsingenieurstudium zu schreiben, außerdem analysiert er gerade schon die EM-Spiele. Zwischendurch mal frische Luft schnappen auf dem Balkon? Sie hätten alle nichts dagegen.

© SZ/kb
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