Süddeutsche Zeitung

Badminton:Japans Gold-Hoffnung verzockt Olympiateilnahme im Casino

Kento Momota sollte in Rio eine Badminton-Medaille gewinnen. Doch falsche Freunde machten ihm das Glücksspiel schmackhaft - und das ist in Japan illegal. Jetzt weinen alle.

Von Saskia Aleythe

So eine Ehre wird nicht jedem zuteil. Japaner lieben Baseball und wer den first pitch, also den ersten Wurf, in einem Spiel ausführen darf, ist meist ein hohes Tier. Ronald Reagan und George W. Bush waren schon zum Anwerfen in der Tokio-Arena, der Spielstätte der ruhmreichen Yomiuri Giants. Mariah Carey und Tom Hanks kamen vorbei, 2012 griff Borussia Dortmunds Shinji Kagawa zum Ball, vor ein paar Wochen der Sportheld der Stunde in Japan: Kento Momota.

Doch der Sportheld ist nun gefallen.

Momota ist Badminton-Spieler, im vergangenen August gewann er WM-Bronze, nie zuvor hatte ein Japaner eine Badminton-Einzelmedaille bei einer Weltmeisterschaft abstauben können. Mit einer tollen Saison katapultierte er sich aktuell auf Rang zwei der Weltrangliste, bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro strebte er eine Medaille an, er zählte zum Favoritenkreis auf Gold. Große Träume, die nun zertrümmert sind. Der Japanische Badminton-Verband sperrte den 21-Jährigen auf unbestimmte Zeit, Rio kann er vergessen. Casino-Besuche, die in Japan illegal sind, wurden ihm zum Verhängnis.

Kollege Tago hat ihn zum Glücksspiel verführt

Momotas Geschichte ist auch eine von falschen Freunden. Noch am Freitag war der Sportler Teil einer bewegenden Pressekonferenz, neben ihm Kenichi Tago, ebenfalls Badminton-Spieler, nun vorläufig ausgeschlossen von allen offiziellen Spielen. Beide sitzen in feinem Zwirn und Krawatte vor der Presse, beide schauen betreten drein. Sie geben die Casinobesuche zu, Tago bricht in Tränen aus.

Tago ist 26, war 2012 bei Olympia in London dabei, er dominierte seinen Sport zumindest im eigenen Land über Jahre. Im Oktober vergangenen Jahres wurde er aus dem japanischen Nationalteam geworfen, wegen Disziplinlosigkeit. Das Training nahm er nicht sonderlich ernst, viel schlimmer wog aber sein Hang zum Glücksspiel. 60 Mal soll er im Casino gewesen sein innerhalb der vergangenen zwei Jahre, dabei umgerechnet fast 90 000 Euro eingesetzt haben. "Wir wollen nicht, dass er die anderen im Team negativ beeinflusst", sagte Nationaltrainer Park Joo-bong damals. Heute kann man sagen: Dieses Vorhaben ist grandios gescheitert.

Sogar der Kultusminister schaltet sich ein

"Obwohl ich wusste, dass er sich für die Olympischen Spiele vorbereitet, habe ich Momota nicht davon abgehalten", schluchzte Tago nun und gab zu, seinen Kollegen zum Spielen verführt zu haben. "Es ist mir egal, welche Strafe mich nun erwartet, auch wenn ich nie wieder Badminton spielen darf. Mein einziger Wunsch ist: Gebt Momota noch eine Chance." Reuig zeigte sich auch Momota selbst, entschuldigte sich bei allen, die ihm den Weg zu Olympischen Spielen überhaupt ermöglicht hätten. "Ich bin zum ersten Mal ins Casino gegangen in einem Land, in dem es nicht illegal ist", erklärte er noch, "die Verlockung wurde dann immer größer." Sechs Mal soll er ein Casino besucht, dabei rund 4000 Euro eingesetzt haben, auch in Japan. Ein Angestellter soll die beiden Sportler schließlich verraten haben.

Momotas Geschichte ist auch eine Geschichte der Konsequenz der Japaner. Vier Monate vor Olympia eine Medaillenhoffnung aus dem Team zu verbannen, das ist schon eine Nummer. Man verfolge eine Null-Toleranz-Politik, sagt Kinji Zeniya, Generalsekretär des Badmintonverbandes. "Die Spieler haben eine hohe Verantwortung gegenüber der Gesellschaft." Zeniya selber war schon vergangene Woche in Tränen ausgebrochen, live im Fernsehen, als die Vorfälle gerade bekannt wurden. Er entschuldigte sich, stellvertretend, bei den Badminton-Fans und überhaupt allen Japanern.

"Es gibt Wichtigeres im Sport als Medaillen zu gewinnen"

Sogar der Kultusminister des Landes schaltete sich ein, "es gibt Wichtigeres im Sport als Medaillen zu gewinnen", sagte Hiroshi Hase. Olympia-Minister Toshiaki Endo sagte zu Momotas Vergehen sogar: "Das ist der Betrug des olympischen Geistes. Wenn es bewiesen wird, dann hat er zu 100 Prozent kein Recht, Japan zu repräsentieren."

Seinen Sport wird Momota wohl weiter betreiben können, für die Olympischen Spiele 2020 im eigenen Land machte ihm Verbandspräsident Zeniya leise Hoffnungen. Sein Umfeld muss er bis dahin aber wohl ändern: Zuletzt wurden vier Baseball-Spieler der Yomiuri Giants vom Verband suspendiert, ein großer Skandal im Land. Sie hatten illegal Wetten auf Baseball-Spiele abgeschlossen. Und wurden oft in Casinos gesehen.

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