Olympische Spiele:Bach verbittet sich Einmischung

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IOC-Präsident Thomas Bach, hier bei einem Besuch der alpinen Ski-WM in Frankreich. (Foto: Aleksandra Szmigiel/Reuters)

"Das steht den Regierungen nicht zu:" 36 westliche Nationen sehen eine Teilnahme russischer Athleten bei Olympia skeptisch. IOC-Boss Bach beharrt auf seiner Position und geht auf Konfrontation - mit einer schrägen These.

Von Barbara Klimke

Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, hat die Einmischung von Politikern in den Sport kritisiert. "Es steht den Regierungen nicht zu, zu entscheiden, wer an welchen Sportwettbewerben teilnehmen darf, denn das wäre das Ende der internationalen Sportwettbewerbe, der Weltmeisterschaften und der Olympischen Spiele, wie wir sie kennen", sagte Bach am Sonntag beim Besuch der alpinen Ski-WM in Courchevel/Frankreich. Er nahm Bezug auf die Frage, ob Athleten aus Russland und Belarus wieder zu internationalen Wettbewerben zugelassen werden dürfen. Bach beharrt damit weiter auf seiner Russland-Linie und geht auf Konfrontation zu einer großen Gruppe westlicher Nationen.

Am Freitagabend hatten Delegierte aus 36 Ländern in einer Videokonferenz den IOC-Vorschlag debattiert, russischen und belarussischen Sportlern den Weg zu den Sommerspielen in Paris als "neutrale Athleten" zu bahnen, ohne Hymne und Flagge. Sportler dieser beiden Länder sind als Reaktion auf den Überfall auf die Ukraine in vielen Sportarten von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen. Zu dem Online-Gipfeltreffen gehörten Sportminister und ranghohe Abgesandte europäischer Nationen, darunter der nächste Gastgeber Frankreich, aber auch Korea, Australien und die USA. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij war ebenfalls zugeschaltet.

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Das IOC positioniert sich in der Debatte um die Rückkehr russischer und belarussischer Athleten - und gerät politisch in die Defensive. Ohne Not verspielt es damit die Chance, das Image der Olympischen Spiele zu polieren.

Kommentar von Barbara Klimke

Eine gemeinsame Erklärung soll in den kommenden Tagen formuliert und veröffentlicht werden. Der Tenor ist aber offenbar klar. Die britische Kulturministerin und Gipfel-Koordinatorin Lucy Frazer teilte auf Twitter mit, sie habe "die britische Position sehr klar gemacht: Solange Putin seinen barbarischen Krieg fortführt, dürfen Russland und Belarus nicht vertreten sein bei Olympia". Einen Kompromiss unterbreitete Polens Sportminister Kamil Bortniczuk, der zur Diskussion stellte, regierungskritischen Athleten aus Russland und Belarus einen Platz im olympischen Flüchtlingsteam anzubieten.

"Diejenigen, die versuchen, Grenzen offen zu halten und zu kommunizieren. Oder diejenigen, die isolieren und spalten wollen."

Dagegen besteht das IOC auf voller Autonomie des Sports, auch in Kriegszeiten. Im Schnee von Courchevel erklärte Bach, dass die Zweifel der baltischen Staaten, den Nachbarn der Ukraine, und anderer Länder in die Erwägungen der Ringeverwalter einbezogen würden. Das IOC, das zur Deeskalation beitragen wolle, versuche, "eine Lösung zu finden, die der Mission des Sports gerecht wird". Auf die Frage, ob das IOC in diesem Krieg, dem Überfall Russlands auf die Ukraine, auf der richtigen Seite stehe, sagte er: "Die Geschichte" werde "zeigen, wer mehr für den Frieden" tue: "Diejenigen, die versuchen, Grenzen offen zu halten und zu kommunizieren. Oder diejenigen, die isolieren und spalten wollen."

Das Bundesministerium des Innern (BMI), Geldgeber des deutschen Sports und beim Gipfel vom parlamentarische Staatssekretär Mahmut Özdemir (SPD) vertreten, sieht das IOC auf dem falschen Weg. Nach dem Gipfel vom Freitag bekräftigte das Ministerium dem Sportinformationsdienst seine Haltung: "Es gibt aus unserer Sicht keinen Anlass, den russischen und belarussischen Sport zur Rückkehr in die Wettkämpfe einzuladen", sagte ein Sprecher. Den ukrainischen Athleten müsse "weiterhin die uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung der internationalen Sportgemeinschaft gelten".

Bei der Konferenz warf der ukrainische Präsident Selenskij dem IOC vor, seine "Ehrlichkeit leider verloren" zu haben. Das um seine Freiheit und Existenz kämpfende Land hat einen Olympiaboykott angekündigt, sollten russische Athleten in Paris starten dürfen. In einem an Bach und andere Sportfunktionäre gerichteten Brief vom 8. Februar hat der ukrainische NOK-Chef Wadym Hutzajt diese Haltung noch einmal ausführlich begründet. Mehr als 350 Sportstätten, so ist zu lesen, sind schwer beschädigt oder zerstört; mehr als 200 Athleten und Trainer sind tot; 40 000 Sportler und Sportlerinnen mussten das Land verlassen; 140 000 junge Athleten und Athletinnen haben keine Möglichkeit mehr zu trainieren.

"Alle Ukrainer haben in der einen oder anderen Weise durch die Aggression Russlands gelitten, haben Verwandte und Freunde verloren, ihre Wohnungen verloren, psychische Traumata erfahren und die Chance aufgeben, das zu tun, was sie lieben", heißt es in dem Schreiben. Deshalb sei es unmöglich, dass sich ukrainische Athleten mit jenen aus Russland oder Belarus sportlich messen. Russland kritisierte den politischen Videogipfel der 36 Nationen. "Wir sehen derzeit einen unverhohlenen Wunsch, die Einheit des Weltsports zu zerstören", sagte Sportminister Oleg Matysin am Samstag laut russischen Nachrichtenagenturen.

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