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Thomas Bach:Das Irrlichtern des IOC-Präsidenten

IOC-Präsident Thomas Bach

IOC-Präsident Thomas Bach.

(Foto: dpa)

Wenige Sportlenker gaben in den vergangenen Wochen ein so schlechtes Bild ab wie Thomas Bach in der Diskussion um die Olympia-Verschiebung. Bald steht ihm die nächste Prüfung bevor.

Doch, doch, Swetlana Chorkina, 41, darf schon auch ihre Meinung sagen zur Verschiebung der Olympischen Spiele, Frau Chorkina ist ja sogar vom Fach: 1996 und 2000 gewann sie Gold am Stufenbarren, 2004 noch mal Bronze mit der russischen Turnmannschaft. Später heuerte Chorkina dann bei den "Putin's Girls" an - einer Gruppe ehemaliger Sportheldinnen, die für die Partei Einiges Russland in die Duma einzogen; Chorkina übernahm im Parlament den Vizevorsitz des Komitees für die Angelegenheiten der Jugend. Und um die geht es ja gerade, um die Jugend der Welt, jedenfalls ist das jene Zielgruppe, für die Olympische Spiele einst erdacht und gemacht wurden (zu einer Zeit, als sie noch nicht für die sog. "Stakeholder" gemacht wurden, von denen IOC-Präsident Thomas Bach ständig spricht).

Die Olympia-Expertin Chorkina also hat Bach und seinen Leuten nun mitgeteilt, warum sie von diesem Virus dermaßen gestraft werden, dass sie ihr Jugend-der-Welt-Sportfest 2020 nicht ausrichten können: "Das alles ist passiert", sagte Chorkina der Zeitung Sport-Express, "weil sie Russland nicht hätten beleidigen sollen, unsere Athleten eingeschlossen." Kurz zur Erinnerung: Nachdem Russlands Sport in seiner Staatsdoping-Affäre immer weitergetrickst hatte, kam sogar das IOC nicht umhin, sich ein bisschen Strafe auszudenken. Bei den Tokio-Spielen sollte die russische Fahne nicht zu sehen, die Hymne nicht zu hören sein. Am Sportgerichtshof Cas läuft ein Einspruch - ob der Fall bis Sommer 2020 entschieden worden wäre, war ungewiss. Jetzt ist bis 2021 Zeit. Und, tja: "Das war Gottes Strafe." Glaubt Frau Chorkina.

Thomas Bach wird diese Wortmeldung wegignorieren wie so viele in den vergangenen Wochen. Und bestimmt wird Bach auch die Parallele leugnen, die sich vielen in seinem Umfeld allerdings aufdrängt: dass er selbst, Bach, bis Anfang dieser Woche seinerseits so trotzig am 2020-Termin festhielt, als würde er im Corona-Kontext auf höhere Mächte vertrauen. Womöglich auf den olympischen Geist? Wenn man Tag für Tag erzählt, dass die olympische Flamme jenes Licht sein möge, welches die Menschheit aus dieser dunklen Stunde führt - glaubt man das eigene PR-Pathos am Ende selbst?

"Olympische Spiele", auch das sagte Bach, "verlegt man nicht einfach wie ein Fußballspiel."

Nirgendwo auf der Welt ist es den Verantwortlichen leichtgefallen, ihren Sportbetrieb auszusetzen, fast überall geht es jetzt um die Existenz. Aber wenige Sportlenker wirkten in diesem wirtschaftlichen Überlebenskampf so jenseitig wie Bach, wenn er vom Virus als Bedrohung für Qualifikationswettbewerbe sprach oder Regierungen für Maßnahmen lobte, als hätten diese nur den Zweck, die Durchführung der Spiele zu sichern. Daran wird man sich sicher erinnern, wenn - auch in Deutschland - dereinst wieder die Frage gestellt wird, ob das IOC ein seriöser Partner ist für eigene Olympia-Ambitionen. Irgendwann - nach der Krise. Vorerst muss man wohl vor allem froh sein, dass Bach lediglich in seinem Elitezirkel Verantwortung trägt - und nicht dort, wo es gerade um Menschenleben geht.

Wobei hinter Bachs Irrlichtern ja durchaus die richtige Analyse hervorschien: "Olympische Spiele", auch das sagte Bach, "verlegt man nicht einfach wie ein Fußballspiel." Das bestätigt sich gerade, da in Tokio das komplizierteste Eventmanagement-Puzzle der Geschichte ansteht. Und das teuerste. Die Japaner haben bereits angemerkt, dass sie auf Entgegenkommen des IOC angewiesen sein werden. Das ist nun die nächste Prüfung: Wie werden Bach und seine Leute diesen Prozess begleiten? Konstruktiv, auch über finanzielle Schmerzgrenzen hinaus? Oder wieder mit frommen Predigten? Das ist die Frage, die über die Zukunft der Olympischen Spiele entscheiden dürfte, und über die ihres Präsidenten.

© SZ vom 28.03.2020/chge
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