Süddeutsche Zeitung

Auswirkungen der Corona-Verordnungen:Warten auf Weihnachten

Keine Zuschauer in der Halle, kaum TV-Einnahmen, Gehaltsverzicht: Beim Handball zeigt sich, wie die Profiklubs nun ums nackte Überleben kämpfen.

Von Joachim Mölter

Die Extreme in der Handball-Bundesliga, der HBL, liegen Luftlinie nur acht Kilometer auseinander. Das ist die Entfernung zwischen der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen und der SAP Arena in Mannheim, zwischen den Heimspielstätten der Eulen Ludwigshafen und der Rhein-Neckar Löwen, zwischen der kleinsten Halle der Liga mit Platz für 2350 Leute und der größten für 13 200.

Im Moment macht das Fassungsvermögen freilich keinen Unterschied, weil sowieso kein Mensch mehr in eine Sporthalle darf, nirgendwo: Wegen steigender Corona-Zahlen haben Bundesregierung und Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch verfügt, dass der Spielbetrieb der Profis zwar weitergehen darf, im November aber nur unter Ausschluss von Zuschauern; zu sehen sind die Partien nur in Fernsehkanälen. "Das zerstört völlig die Geschäftsmodelle der Sportarten hinter dem Fußball", findet HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann: "Sportarten wie Handball, Basketball und Eishockey wird jede Geschäftsgrundlage geraubt." Man muss nur ein paar Zahlen vergleichen, um Bohmann zu verstehen. Im Fußball erhält selbst ein Bundesliga-Aufsteiger wie Arminia Bielefeld in dieser Saison rund 30 Millionen Euro aus der Vermarktung der nationalen Fernsehrechte; damit kann er seinen Jahresetat schon fast zu hundert Prozent abdecken, ohne eine Eintrittskarte verkaufen zu müssen. Im Grunde brauchen die Fußballprofis überhaupt keine Zuschauer mehr in ihren Arenen.

Die Handballer hingegen schon. Da werden an jeden der 18 Erstligisten nicht einmal 200 000 Euro aus TV-Erlösen ausgeschüttet. Beim Rekordmeister THW Kiel macht das ein, zwei Prozent des Budgets aus, selbst bei den Eulen Ludwigshafen sind es "weniger als zehn Prozent", wie Geschäftsführerin Lisa Heßler sagt: "Der größte Faktor sind Sponsoren- und Ticketeinnahmen." Das gilt im Übrigen auch für Basketball-Bundesliga (BBL) und Deutsche Eishockey Liga (DEL); in der DEL sind die TV-Einnahmen ja nur unwesentlich höher, rund 300 000 Euro pro Klub und Jahr. Um die zu kriegen, müssten die Eishockey-Klubs allerdings erst einmal mit dem Spielen anfangen, nach einigen Verschiebungen peilen sie nun einen Saisonstart Mitte Dezember an, kurz vor Weihnachten. Auch für HBL-Chef Bohmann ist dieses Datum ein Fixpunkt: "Ich hoffe, dass wir erstmal bis Weihnachten alle Klubs durchkriegen. Wir müssen noch mal nachrechnen, wie lange wir das überhaupt aushalten können", so ohne Zuschauereinnahmen. Bohmann spricht schon von Insolvenzen: "Das ist kein leeres Gerede, die Furcht und die Gefahr sind ganz konkret." Auch Jennifer Kettemann, Geschäftsführerin der Rhein-Neckar Löwen, glaubt, es werde "ein Kampf ums nackte Überleben".

Was die Handball-Klubs frustriert und desillusioniert, ist der Umstand, dass sie für viel Geld Hygiene- und Sicherheitskonzepte entwickelt haben, die offensichtlich funktioniert haben in der Testphase im Oktober, in der sie mit begrenztem Publikum operieren durften. "Das Verhalten der Zuschauer in der Halle war super-diszipliniert und verantwortungsbewusst", hat Lisa Heßler in ihrer Friedrich-Ebert-Halle beobachtet, in die sie 500 Zuschauer einlassen durfte. Bislang ist kein Fall einer Corona-Infektion bei einer Sportveranstaltung bekannt, dafür seit Donnerstag eine Studie der Universität Halle (Saale): Die hat bei einem Musikkonzert feststellt, dass die Ansteckungsgefahr in einer Halle "gering bis sehr gering" sei - wenn man die Hygienevorgaben beachtet. Darauf basiert die Hoffnung der HBL, im Dezember wieder vor Zuschauern aufzutreten.

"Das ist kein Gerede", sagt Liga-Chef Bohmannn: "Die Gefahr ist ganz konkret!"

Auch wenn er nicht begeistert ist über die Entscheidung der Politik vom Mittwoch, so kann Bob Hanning sie zumindest verstehen. "Es ist ja nicht vermittelbar, dass die Menschen ihre privaten Kontakte einschränken und beim Sport dann viele Leute zusammenkommen", sagt der Geschäftsführer der Füchse Berlin. Er findet: "Nur Draufschlagen und Jammern ist auch nicht der richtige Ansatz. Wir müssen uns auch selber helfen."

Wobei die Klubs ihre Möglichkeiten allmählich ausgereizt haben. Fast alle haben mit ihren Profis einen Gehaltsverzicht ausgehandelt, meist zwischen zwanzig und dreißig Prozent, mancherorts bis zur Hälfte. In der DEL nehmen Spieler angeblich sogar schon bis zu 60 Prozent Einbußen hin. Was bleibt den Profis auch anderes übrig? Das Coronavirus hat so gut wie jeden Spielermarkt lahmgelegt. Zudem haben alle 20 Erstligisten die Hilfen beantragt, die der Bund in Aussicht gestellt hat. Mit höchstens 800 000 Euro sollen Zuschauereinnahmen ausgeglichen werden, die den Profiklubs wegen der Corona-Regelungen entgehen. Während Hanning für die Füchse auf das ganze Geld hofft, rechnet Heßler für die Eulen nur mit einem sechsstelligen Betrag, "weit vom Maximum entfernt". Für ihr Unternehmen ist's dennoch viel: "Wenn einem großen Klub 100 000 Euro fehlen, ist es was anderes, als wenn uns 100 000 fehlen." Die Corona-Maßnahmen wirken sich nicht auf alle gleich aus, es ist eine diffuse Gemengelage, in der die Extreme so weit auseinanderliegen wie die Hallengrößen in Ludwigshafen und Mannheim. "Wir sitzen alle in einem Boot", sagt Heßler zwar, aber deswegen rudern nicht alle gleich stark. "Kiel hat größere Probleme als Flensburg, und Flensburg hat größere als wir", sagt Berlins Manager Hanning, "und Minden hat wieder ganz andere." Meister THW Kiel muss angesichts seines letztjährigen Zuschauerschnitts von 10 285 jedenfalls mehr Ticketerlöse kompensieren als beispielsweise GWD Minden, einer der drei Klubs mit den wenigsten Besuchern im vorigen Jahr. Da registrierten die Mindener knapp 2700 pro Partie, nur in Ludwigshafen (2224) und Balingen-Weilstetten (2297) lagen sie darunter.

Große Klubs, große Probleme - kleine Klubs, kleinere Probleme? "Ich würde sagen, wir haben andere Probleme", sagt Balingens Geschäftsführer Wolfgang Strobel: "Prozentual sind wir bei unseren Einnahmen genauso abhängig von den Zuschauerzahlen wie die anderen. Aber bei der SAP Arena zum Beispiel hängt ein ganz anderer Kostenapparat dran." Security, Catering, Heizung, Hallenmiete schlagen wesentlich höher zu Buche. In Balingen halten sie diese Kosten auch mit Hilfe von ehrenamtlichem Engagement niedrig.

"Wir haben über die Jahre sehr gut gewirtschaftet", sagt Strobel, "wir haben immer nur Geld ausgegeben, das wir erwirtschaftet haben."

Seine Sorge ist daher eine andere: "Wenn die Sponsoren irgendwann anfangen, ihre Leistungen zu kürzen, dann wird's richtig dunkel." In Balingen, wie auch anderswo, machen die Werbeerlöse rund die Hälfte der Einnahmen aus. Und solange die Klubs wenigstens ihre Werbepartner zum Zuschauen in die Hallen lassen konnten, waren diese bereit, über die Krisenzeit hinwegzuhelfen. Auch deshalb trifft der Komplettausschluss nun so hart: Die Klubs fürchten, nicht nur ihre Fans zu verlieren, sondern vor allem auch ihre Sponsoren. In Balingen haben sie noch das Glück, dass sie im nächsten Monat nur zwei Heimspiele vor leeren Rängen austragen müssen. In Ludwigshafen sind es drei, aber auch dort ist man optimistisch: "Die Geisterspiele im November bringen uns nicht direkt in eine kritische Situation", versichert Heßler. "Wir müssen erst mal einen Weg finden bis Dezember, der gangbar ist", sagt auch Bob Hanning. Nach Weihnachten ist im Handball dann WM-Pause, "im Januar haben wir dann Zeit, zu planen, wie wir die Saison umplanen", sagt der Füchse-Chef mit einem gewissen Sarkasmus. Denn das haben ja nicht nur die Handballer gelernt: Planen lässt sich in diesen Tagen, Wochen, Monaten nichts. Im Grunde kann man tatsächlich nur von Spiel zu Spiel schauen.

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Quelle:
SZ vom 01.11.2020
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