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Finale der Australian Open:Pianist vs. Ninja

Australian Open

"Harte Arbeit": Daniil Medwedew glänzt derzeit mit einer einmaligen Siegesserie - er hat nun 20 Matches in Serie gewonnen und dabei zwölfmal Top-Ten-Kollegen bezwungen.

(Foto: Asanka Brendon Ratnayake/Reuters)

Daniil Medwedew ist das personifizierte Momentum im Männertennis. Nun hat er sich die ultimative Herkulesaufgabe erspielt: ein Finale gegen Melbournes Rekordsieger Novak Djokovic.

Von Gerald Kleffmann

Nein, "halt den Mund" hat er diesmal nicht gesagt, wie 2018 in Miami, als er erstmals in einem Match so richtig mit seinem Spezialfreund Stefanos Tsitsipas aneinandergeraten war. Und er hat auch keine Münzen vor den Schiedsrichterstuhl geworfen, wie 2017 in Wimbledon gegen einen anderen Gegner, als Zeichen dafür, dass er den Unparteiischen für parteiisch hielt. Diese Reaktionen des Frustes hat Daniil Medwedew nicht mehr nötig, schlicht, weil er an diesem Freitagabend in Melbourne tatsächlich sein 20. Match nacheinander gewonnen hat. Er ist das personifizierte Momentum der Männertour. Er selbst wusste später indes nicht umfassend zu erklären, warum er seit Ende Oktober 2020 unbesiegt ist. Der Russe mit den Pianisten-Bewegungen, der Tennis wie am Schachbrett aufzieht, wie es sein Finalgegner Novak Djokovic, 33, befand, führt seine jüngsten Erfolge beim Masters in Paris, dem ATP Final in London und beim ATP Cup mit Russland in Melbourne auf "harte Arbeit" zurück. Und auf Erfahrungen. 25 ist er inzwischen.

Coach Gilles Cervara verließ die Rod Laver Arena - aus Verärgerung

Ruhiger, weniger garstig ist Medwedew allerdings immer noch nicht, zumindest blitzt sein stolzes, kampflustiges Ego gelegentlich durch, dann wird's schräg. In der dritten Runde, als er gegen den Serben Filip Krajinovic eine 2:0-Satzführung verzockte und erst im fünften Durchgang gewann, war sein Trainer Gilles Cervara vorzeitig aus der Rod Laver Arena marschiert. Weil er genervt vom Gemaule seines Spielers war. "Manchmal bin ich eben temperamentvoll auf dem Platz", gab Medwedew zu. Sehr oft, darf man betonen, ist er aber charmant, gewitzt, eloquent sowieso. Er weiß sich selbst gut einzuschätzen, und auch wenn viele Statistiken für den Weltranglistenersten und achtmaligen Melbourne-Champion Djokovic sprechen, ist nicht davon auszugehen, dass Medwedew sich als Außenseiter am Sonntag sieht. Wobei er gerissen genug ist, dem Serben schön die Favoritenrolle zuzuspielen. "Er hat viel Druck", meinte er grinsend.

TENNIS AUSTRALIAN OPEN, Novak Djokovic of Serbia in action during his Men s singles semifinals match against Aslan Kara

In seinem Element: Novak Djokovic hat sein Tief hinter sich und zermürbt mal wieder die Gegner mit seinem elastischen Defensivspiel.

(Foto: Dave Hunt/AAP/Imago)

Die Bühne für den letzten Turnier-Clash zweier Generationsvertreter ist jedenfalls bereitet. Da Djokovic, der nach überstandener Bauchmuskelverletzung zu seinem elastischen Ninja-Tennis zurückgefunden hat. Dort Medwedew, der sich am Freitag in unnachahmlicher Art den vom Fünfsatzsieg gegen Rafael Nadal ermüdeten Tsitsipas zurechtgelegt hat (6:4, 6:2, 7:5) und so viel Selbstvertrauen intus haben muss, dass er sich trotz seiner dünnen Beine wohl auch eine Mount-Everest-Besteigung zutrauen dürfte. Zwölf seiner vergangenen 20 Gegner, die er der Reihe nach mit seinem schaufelartigen Spiel abfieselte, waren Top-Ten-Kollegen. Djokovic ahnt, was auf ihn zukommt. "Ich bin bereit für das härteste Match des Turniers, ohne Zweifel", sagte er.

"Ich war platt, vor allem nach dem Zverev-Match"

Das Männertennis ist, und daran kann eine Pandemie nichts ändern, in einer spannenden Phase, die in der Finalkonstellation zum Ausdruck kommt. Im vergangenen Herbst durchbrach der Österreicher Dominic Thiem, 27, bei den US Open die ewige Grand-Slam-Dominanz von Roger Federer (20 Titel), Nadal (20) und Djokovic (17), nun hat sich Medwedew seine zweite Chance erspielt. Mit einem Lächeln erinnerte sich Medwedew ja am Freitag daran, dass er 2019 schon mal ein großes Finale erreichte, bei den US Open; Nadal besiegte ihn dann in New York in fünf Sätzen. "Und jetzt geht es wieder gegen einen anderen der Größten", meinte Medwedew und lachte, nach dem Motto: So ist unser Schicksal!

Im positiven Sinne als "geisteskrank" hat er mal die Übermacht von Federer, Nadal und Djokovic bezeichnet. Auch das ist ein Spagat, den die jüngeren Herausforderer stets meistern müssen: Respekt zu haben vor den Lebensleistungen der Big Three - aber im Match müssen sie furchtlos sein. Sonst wird das nichts.

Bezüglich Letzterem muss man sich wohl kaum Sorgen um Medwedew machen. Der strotzt derzeit vor Selbstvertrauen, an seine bis dato letzte Niederlage Ende Oktober in Wien gegen den Südafrikaner Kevin Anderson kann er sich womöglich kaum erinnern. Für Djokovic spricht freilich, dass er wieder der alte Djokovic zu sein scheint. Sein Tief hat er hinter sich, ohne zu straucheln, auch das eine Gabe der Großen. "Ich war platt, vor allem nach dem Zverev-Match", gestand er und bezog sich auf das Viertelfinale gegen den Deutschen: "Ich wusste, dass die Dinge besser werden, wenn ich über Zverev triumphiere." Es war ausgerechnet Tsitsipas, der Medwedew Zuversicht zusprach: "Ich habe heute gezeigt, dass ich nicht bereit für einen Grand-Slam-Sieg bin", sagte er: "Aber mein Gegner gehört in diese Kategorie." Die Jungen, absolut, sie erhöhen den Druck.

© SZ/mp/bkl/moe
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