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Australian Open:Wandel am Sternenhimmel

Zum Ende der ersten Woche erlebt Melbourne einen denkwürdigen Tag: Serena Williams verliert, Caroline Wozniacki tritt ab, Coco Gauff triumphiert.

Nie zuvor spielte Cori Gauff in der Rod-Laver-Arena von Melbourne, sie kannte diesen riesigen Tennistempel nur vom Hörensagen. Wie auch den Mann, der ihm seinen Namen gab. Ein paar Mal war sie in den Gängen des 14 820 Plätze fassenden Stadions an ihm vorbeigehuscht, aber sie traute sich nicht, ihn anzusprechen. Cori Gauff ist 15 Jahre alt. Rod Laver ist 81 und eine Legende des australischen Sports, der einzige Mann, der alle vier Grand-Slam-Tennisturniere im Jahreszyklus nicht einmal, sondern zweimal gewonnen hat. Am Freitag hat sie ihm vor großem Publikum am Hallenmikrofon ausrichten lassen, sie würde ihn gern treffen: "Ich brauche ein Selfie für Instagram." Aber im Grunde war sie selbst halb amüsiert, halb perplex über ihre forsche Forderung und all das, was um sie herum geschah: "Ehrlich!", rief sie: "What is my life?" Was für ein Leben!

Am Freitag ist Cori "Coco" Gauff mitten hineingeraten in die Turbulenzen der Weltelite ihres Sports, als sie bei ihrem Debüt in Australien, noch dazu als Jüngste des Turniers, die Vorjahresgewinnerin besiegt hat: Naomi Osaka, 22, immerhin mit zwei Grand-Slam-Titeln dekoriert. Noch vor vier Monaten war Gauff der Japanerin in New York bei den US Open so hoffnungslos unterlegen, dass sie auf dem Court in Tränen ausbrach, was bei der Älteren Beschützerinstinkte weckte. Osaka bat sie damals, gemeinsam mit ihr vor die Mikrofone zu treten, um ihre Enttäuschung zu lindern. Derlei rücksichtsvolle Fürsorge bedarf die Hochbegabte aus Delray Beach, die schon in Wimbledon für Furore gesorgt hatte, nun definitiv nicht mehr. In Melbourne fegte sie Osaka mit 6:3 und 6:4 nun regelrecht vom Platz.

Eine solche "Aggressivität der Schläge" habe sie nicht erwartet, bekannte die gedemütigte Titelverteidigerin, die gerade eine Phase akuter Selbstzweifel durchlebt: "Man möchte nicht gern gegen eine 15-Jährige verlieren", flüsterte Osaka später. Sie werde daraus Lehren ziehen.

Ein neuer Stern blinkte Freitagnacht also, metaphorisch ausgedrückt, über der Rod-Laver-Arena am Yarra River, ein anderer leuchtete ein wenig schwächer. Und vielleicht war es nur Zufall, dass just an diesem Tag, nur wenige Stunden zuvor, auch Serena Williams, die 23-malige Grand-Slam-Siegerin aus den USA, ihr Drittrundenspiel unter einer ähnlichen Konstellation wie Osaka verloren hatte. Mit 6:4, 6:7 (2), 5:7 wurde Williams abgefertigt. Geschlagen von einer Konkurrentin, Wang Qiang, der sie beim letzten Zusammentreffen in New York nur ein Spielchen im gesamten Match gegönnt hatte bei ihrem 6:1, 6:0-Viertelfinalsieg.

Das Jahr der Ratte fängt nicht gut an für die Etablierten der Tennisbranche

Erhöhte Trainingsintensität und intensives Schlagpensum machte Wang Qiang, 28, aus Tianjin, für den frappanten Leistungsanstieg verantwortlich, der zwischen den beiden Duellen lag. Was sie darunter versteht, erklärte sie, als sie beim Interview im weiten Rund auf das Chinesische Neujahrsfest angesprochen wurde. Auf die Frage, ob sie nach ihrem erstaunlichen Sieg auf den wichtigsten Feiertag der Volksrepublik anzustoßen gedenke, der an diesem Samstag im Kalender steht, antwortete sie fast entrüstet: "No!" Stattdessen werde sie den Schläger zur Hand nehmen und fleißig arbeiten. Wie jeden Tag.

Festzuhalten bleibt unterdessen: Das Jahr der Ratte fängt nicht gut an für die Etablierten der Tennisbranche. Fast scheint es, als hätten sich über Nacht die erkennbaren Muster am Firmament verschoben. Caroline Wozniacki, 29, einst die Nr. 1 der Weltrangliste, beschloss wie angekündigt ihre Karriere, nach ihrer Niederlage gegen die Tunesierin Ons Jabeur. Julia Görges verlor ihr Drittrundenmatch gegen Alison Riske trotz guter Leistung 6:1, 6:7 (4), 2:6.

Und auch Serena Williams, die Trophäensammlerin aus Florida, jagte wieder einmal vergeblich ihrem 24. Titel bei den Grand-Slam-Turnieren hinterher, der ihre Silberkollektion krönen würde. Bei 24 Siegen steht die Bestmarke der Australierin Margaret Court aus dem Jahr 1973. Der Rekord ist zu Williams' letztem verbleibenden Berufsziel geworden, weil er ihrem unbestrittenen Status als bester Tennisspielerin gewissermaßen einen amtlichen Stempel aufdrücken würde. Eine Stunde nach dem Matchball, als sie versuchte, die Niederlage zu erklären, war Williams äußerlich zwar ein Bild der Ruhe und Schicksalsergebenheit. Doch man sollte sich da nicht täuschen lassen, sagte sie: "Ich bin nur eine bessere Schauspielerin geworden. Ich tue so, als ob ich kein Loch in die Wand schlage will. Aber genau das will ich." Sie habe sich ohne Not viel zu viele Fehler auf dem Platz geleistet: "Machen wir uns nichts vor, die Schuld liegt bei mir. Das war unprofessionell."

In diesem Stadium ihrer Karriere hat sie mehr als ein paar Aufschlagspiele zu verteidigen. Niemand weiß das besser als die Frau, die sieben Mal, so oft wie niemand sonst in der jüngeren Geschichte des Tennis, die Rod-Laver-Arena als Siegerin verließ (2003, 2005, 2007, 2009, 2010, 2015, 2017). Und selbstverständlich hat sie schon mit ganz anderen Kalibern in ihrer Karriere im Ring gestanden: zuletzt sogar mit dem früheren Profi-Boxweltmeister Mike Tyson. Die beiden lieferten sich ein Sparring, weil Williams' Langzeitrainer, Patrick Mouratoglou, den Schwergewichtler zu einem Motivationstraining nach Florida geladen hatte. Außerdem war sie mit der Empfehlung eines Turniersiegs nach Melbourne gekommen. Vor zwei Wochen hatte sie zum ersten Mal seit drei Jahren, seit der Geburt ihrer Tochter, wieder einen Pokal gewonnen in Auckland/Neuseeland. Den letzten davor hatte sie bei den Australian Open 2017 gewonnen, als sie schon schwanger war. Viermal hat sie seitdem erneut in einem Finale eines Grand-Slam-Turniers gestanden und viermal verloren: zweimal in New York, zweimal in Wimbledon. Wer so weit gekommen ist, der kann auch den letzten Schritt gehen, sagte sie: "Daran glaube ich, sonst wäre ich nicht mehr auf der Tour. Ich spiele ja nicht zum Vergnügen."

© SZ vom 25.01.2020
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