Australian Open:Schlampertes Talent

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Australian Open: Ein Mann für die spektakulären Punkte: Nick Kyrgios zeigt sich gegen Daniil Medwedew meistens von seiner besten Seite.

Ein Mann für die spektakulären Punkte: Nick Kyrgios zeigt sich gegen Daniil Medwedew meistens von seiner besten Seite.

(Foto: Mark Metcalfe/Getty)

Niederlagen mit verschiedenen Vorzeichen: Nick Kyrgios entfacht trotz seines Ausscheidens Begeisterung, Andy Murray ist einfach nur frustriert.

Von Milan Pavlovic, Melbourne/München

Talent ist ein großes Gut, weil man es nicht lernen kann. Es ist aber zugleich gefährlich, weil es ohne Arbeit, die richtige Einstellung und den Killerinstinkt so gut wie nichts wert ist. Zum Beispiel Gaël Monfils: Als Junior gewann er 2004 fast den Grand Slam - doch als Profi verdaddelte er gut 15 Jahre, auch weil ihm die Show letztlich wichtiger war als Erfolg. Seit einer Weile hängt er sich nun mehr rein. Aber erstens zeigt ihm sein 35-jähriger Körper immer häufiger die Grenzen; und zweitens ist es bei jeder Gelegenheit möglich, dass der Franzose die Kontrolle über sich verliert und auf dem Platz Mätzchen macht.

Das ist das Stichwort für Nick Kyrgios. Der Australier ist einer der talentiertesten Akteure seines Sports. Aber oft ist er sich selbst der größte Feind, sabotiert großartige Ansätze durch schlamperte Aussetzer. Während der Pandemie hat er sich ungewohnt umsichtig gezeigt. Auf Tennisplätzen hat man ihn in der Zeit weniger gesehen, seit 2020 hat er gerade mal ein Dutzend Turniere bestritten, und als er willig war, erwischte ihn kurz nach Neujahr das Virus. Umso erstaunlicher war der Fight, den er im Zweitrundenmatch gegen den Zweiten der Weltrangliste, Daniil Medwedew, ablieferte.

Kyrgios, inzwischen auch schon 26 und nur noch die Nummer 115 der Welt, unterhielt das Publikum prächtig mit der ganzen Palette seiner Möglichkeiten: verblüffendes Winkelspiel, herrliche Treibschläge, getarnte Rückhände und wurschtig wirkende Aufschläge, denen man nicht ansieht, dass sie 230 km/h schnell sind. Aber natürlich gehören zu Kyrgios auch: Diskussionen mit dem Schiedsrichter, Verzögerungen und zerhackte Schläger. (Ein Jugendlicher bekam einen geschenkt und behandelte ihn wie eine Trophäe.)

Medwedew kann all das auch, aber spätestens seit dem Gewinn der US Open 2021 hat er gelernt, dass sein Tennis noch besser wird, wenn er sich aufs Spielen konzentriert. Er blieb bei der Sache, was umso bewundernswerter war, weil er Anfeuerungen des Publikums für Kyrgios als Buh-Rufe gegen sich missverstand. Medwedew ist nicht so talentiert wie Kyrgios; die größte Gabe des Russen ist weder Vor- noch Rückhand, sondern dass man die Nummer zwei der Welt immer noch leicht unterschätzen kann. Der 25-Jährige gewann 7:6 (1), 6:4, 4:6, 6:2.

Australian Open: Ganz schön bedient: Andy Murray nach seiner Zweitrundenniederlage in Melbourne.

Ganz schön bedient: Andy Murray nach seiner Zweitrundenniederlage in Melbourne.

(Foto: Quinn Rooney/Getty)

Auf einem kleineren Showcourt hatte sich derweil eine große Zahl von Zuschauern eingefunden, um einen der härtesten Tennisarbeiter überhaupt zu erleben. Andy Murray ist freilich nicht mehr der Spieler, der fünf Mal das Finale der Australian Open erreicht hat. 2019 hatte er sich schon einmal von den Zuschauern in Melbourne verabschiedet, scheinbar für immer. Mit einer künstlichen Hüfte kehrte er zurück, aber nach einer Fünfsatztortur in der ersten Runde hatte er am Donnerstag dem Japaner Toro Daniel nichts entgegenzusetzen, 4:6, 4:6, 4:6 hieß es nach drei frustrierenden Stunden. Ob er wirklich noch einmal als Athlet wiederkehren werde, wurde der 34-Jährige gefragt. "Nun, ja, ich glaube ja", sagte der Schotte, "aber nicht, wenn ich häufiger so spiele wie heute." Es sei etwas anderes, ob er "in fünf Sätzen gegen jemanden wie Djokovic verliere oder glatt in drei". Das Vergnügen, sich für so ein Spiel zu schinden, sei doch sehr begrenzt.

Er sei "sehr stolz auf meine Leistung", sagte dagegen Kyrgios. "Ich hatte gehofft, Millionen Zuschauer heute zu unterhalten - und das ist mir gelungen." Er werde hart arbeiten, um so etwas häufiger zu schaffen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob er das wirklich ernst meint.

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