Natürlich ist Novak Djokovic ein Schlingel. Deshalb grinste er, als jemand fragte, ob sich vielleicht ein Mikrofon anbringen ließe in der Ecke der Rod Laver Arena, dort, wo er und sein neuer Trainer Andy Murray während Partien plaudern. „Ja, das wäre schon sehr interessant für die Fans, weil ordentlich Material dabei wäre“, sagte er. Dann überlegte er kurz. „Das Problem dabei ist allerdings, dass nicht nur Fans, sondern auch jemand vom Team des Gegners mithören und die Infos in Echtzeit weitergeben würde“, sagte er, jetzt wieder ganz Elder Statesman des Tennis, der am Mittwoch seine 430. Grand-Slam-Partie absolvierte und damit Roger Federer abhängte. „In puncto Taktik sollte dann doch ein wenig Privatsphäre gewährleistet sein.“
Damit ist diese Partnerschaft der beiden Tennislegenden skizziert, die sich von 2006 bis 2022 insgesamt 36 Duelle geliefert hatten – unvergessen etwa der Fünfsatztriumph von Djokovic im Halbfinale der Australian Open 2012 oder die Fünfsatzrevanche von Murray acht Monate später im US-Open-Finale: Natürlich ist das unterhaltsam, natürlich will man zuhören – zum Beispiel, wenn es zu einem möglichen Viertelfinale gegen Carlos Alcaraz käme. Sport ist nun einmal Entertainment.
Sport bleibt aber auch Sport. Und Djokovic setzt bei diesen Australian Open alles daran, endlich den ersehnten 25. Grand-Slam-Titel zu gewinnen und damit geschlechterübergreifend den Rekord zu sichern; die Australierin Margaret Court besitzt ebenfalls 24 Trophäen. Und es geht sogar noch um mehr, wie Murray sagt: „Wenn er im Alter von 38, 39 Jahren Slams gewinnt und große Matches gegen Alcaraz und Sinner gewinnt, hat er gute Chancen, als über alle Disziplinen hinweg bester Sportler in die Geschichte einzugehen.“ Das Ziel dieser Zusammenarbeit ist also Folgendes: dass Djokovic in einem Atemzug mit Muhammad Ali, Jim Thorpe oder Michael Phelps genannt wird.
Dafür braucht es Titel. Doch hat Djokovic im vorigen Jahr, dem ersten seit 2017, in dem er kein Grand-Slam-Turnier gewann, bemerkt, dass dies nicht einfach werden dürfte. Gewiss, die großen Rivalen Roger Federer und Rafael Nadal sind abgetreten, und andere sind auf Augenhöhe hinzugekommen. Djokovic dürfte in diesen Tagen beim Spaziergang über die Anlage bemerkt haben, dass sein Porträt nicht mehr das meistgezeigte ist. Genauso häufig abgebildet auf Plakaten, an Stadionwänden, in Fan- und Souvenirshops: Titelverteidiger Jannik Sinner (Italien), Carlos Alcaraz (Spanien), Taylor Fritz (USA), die australische Hoffnung Alex de Minaur. Djokovic, der hier zehnmal triumphiert hat, ist auch in der Ära nach Federer und Nadal nicht der Einzigartige, sondern einer von einigen. Nicht er durfte am Mittwoch in der Night Session in der Rod Laver Arena spielen, sondern Alexander Zverev, Nummer zwei der Welt, der 6:1, 6:4, 6:1 gegen den Spanier Pedro Martínez gewann. Zverev hat in diesem Match unter geschlossenem Hallendach nicht einmal den Aufschlag verloren und trifft nun in Runde drei auf den Briten Jacob Fearnley. Djokovics Partie gegen den Portugiesen Jaime Faria, die er 6:1, 6:7 (4), 6:3, 6:2 gewann, war tagsüber angesetzt.

Djokovic hat ein feines Gespür für diese Respekt-Angelegenheiten. In Wimbledon hörte er genau hin, ob die Fans bei der Partie gegen Holger Rune wirklich „Ruuune“ oder doch „Buuuh“ brüllten. Und zweifellos erinnert er sich an das US-Open-Finale 2021, als ihn die New Yorker angesichts einer sich abzeichnenden Niederlage gegen Daniil Medwedew bejubelten wie nie zuvor. Er hätte sich an jenem Abend den echten Grand Slam sichern können: den Gewinn aller vier großen Pokale in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York binnen eines Jahres, doch er spürte auf dem Platz, als er vor Rührung weinte: Was sind Titel und Triumphe gegen so einen Tsunami der Zuneigung? Jene, mit denen er künftig in einem Atemzug genannt werden möchte, werden nicht nur wegen ihrer Erfolge respektiert, sondern geliebt dafür, wie sie die Leute begeistert haben.
Es ließ sich nämlich auch feststellen, dass Djokovic in den vergangenen Tagen der aktivste, unterhaltsamste Tennisprofi gewesen ist. Ein paar Stichpunkte: ausverkaufte Benefizveranstaltung am Freitag inklusive Jux-Mixed gegen Murray; klarste Äußerungen zum Umgang mit dem Dopingfall Sinner („Kein gutes Bild für den Sport“); Spaßauftritt in der Pressekonferenz von Zverev („Glaubst du, dass die Antwort, wie du einen Grand Slam gewinnen kannst, im Weltall liegt?“); Scherze über das Skifahrerkönnen von Murray. Dafür lieben sie ihn in Melbourne, die Australier würden höchstens einem Landsmann den Triumph so gönnen wie ihm.
„Wenn er motzt, soll er das gerne in unsere Richtung tun“, sagt Murray
Ihn dorthin zu führen, ist jetzt Aufgabe Murrays, der eine, wie Djokovic sagt, „einzigartige Perspektive“ auf ihn habe – auf und neben dem Platz. Der 37-jährige Schotte, dreimaliger Grand-Slam-Sieger, der erst im vergangenen Sommer seine eigene Karriere beendet hat, weiß, dass Djokovic gern den Kasper gibt, gleichzeitig den Sport aber respektiert wie kaum ein anderer. „Herumalbern führt nicht zu Höchstleistungen“, sagt Murray.
Anschauungsmaterial lieferte der Auftritt gegen Jaime Faria. Djokovic hatte, wie schon im ersten Match, einige wackelige Momente etwa in der Mitte des zweiten Satzes. Murray richtete sich dann in seinem Stuhl in der Ecke auf, nicht nervös, eher aufmerksam, als Zeichen, dass er nun gebraucht würde. Es ist auch ein Signal an den Gegner: Einer der besten Sportler der Geschichte erhält ein paar Tipps von einem der besten Tennisspieler der Geschichte. Wer würde da nicht ein wenig fahriger werden?
Bisweilen motzte Djokovic in Richtung Murray – was sein neuer Trainer nicht nur akzeptiert, sondern fördert: „Das Schlimmste ist es, wenn man in diesen Momenten geknickt ist. Wenn er motzt, um anschließend sein bestes Tennis zu spielen, dann soll er das gerne in unsere Richtung tun.“ Kann es etwas Unterhaltsameres geben als Novak Djokovic, der in entscheidenden Momenten eines Turniers Sir Andy Murray brüllt – und sich danach taktische oder psychologische Tipps holt? Wäre doch nur ein Mikrofon angebracht in der Ecke der Rod Laver Arena!


