Ukrainerinnen bei Australian OpenSie sind müde geworden, das Leid ihrer Heimat zu schildern

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Wie alle ukrainischen Profis, die russischen und belarussischen Gegnern den Handschlag nach Matches verweigern, ignorierte Elina Switolina (li.) die Belarussin Aryna Sabalenka nach ihrer Niederlage.
Wie alle ukrainischen Profis, die russischen und belarussischen Gegnern den Handschlag nach Matches verweigern, ignorierte Elina Switolina (li.) die Belarussin Aryna Sabalenka nach ihrer Niederlage. David Gray/AFP
  • Elina Switolina verliert ihr Halbfinale bei den Australian Open gegen die Belarussin Aryna Sabalenka mit 2:6, 3:6 und verweigert den üblichen Handschlag.
  • Ukrainische Tennisspielerinnen sind müde geworden, das Leid ihrer Heimat zu schildern, da der Krieg bereits seit vier Jahren andauert.
  • Oleksandra Olijnykowa kritisiert massiv, dass russische und belarussische Spielerinnen weiterhin bei Turnieren antreten dürfen, während sie selbst in Kiew ohne Strom lebt.
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Matches von Ukrainerinnen gegen Russinnen oder Belarussinnen sind Alltag im Tennis geworden. Trotzdem begleitet das Kriegsthema die Australian Open – wie das Halbfinale von Elina Switolina und Aryna Sabalenka zeigt.

Von Gerald Kleffmann

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Vor diesem pikanten Match am Donnerstagabend in der Rod Laver Arena machte Elina Switolina deutlich, dass es ihr in Melbourne nicht allein um sportlichen Erfolg gehe. „Es geht mir natürlich ans Herz, die große Unterstützung aus der Ukraine zu sehen und dass viele Menschen in der Ukraine Tennis kennenlernen“, erklärte die 31-Jährige, in Odessa geboren. „Das ist großartig, denn gerade jetzt ist es, ich glaube, einer der härtesten Winter für die Ukrainer, ohne Strom und alles andere. Deshalb möchte ich den Menschen in der Ukraine, meinen Freunden, ein wenig Hoffnung schenken, wenn sie meine Spiele sehen.“ Ihren Vorsatz hatte sie gut umgesetzt, bis ins Halbfinale stieß die Tennisspielerin bei den Australian Open vor, ehe Switolina jetzt gestoppt wurde. Von der Belarussin Aryna Sabalenka.

Dass die 2:6, 3:6-Niederlage keine ohne Fußnote war, zeigte sich nach dem Matchball. Ein Handschlag am Netz, wie üblich im Tennis? Den gab es nicht. Switolina schritt zu ihrer Tasche, packte, weg war sie. Für Sabalenka, die im Finale auf Jelena Rybakina aus Kasachstan trifft (siegte 6:3, 7:6 gegen die Amerikanerin Jessica Pegula), war das kein Affront. Sie weiß ja, was am Ende solcher Duelle passiert.

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Wenn Spielerinnen aus der Ukraine und Russland sowie Belarus aufeinandertreffen, ist das zweifellos nach wie vor eine Stresssituation für die Protagonisten. Allerdings, da hat die Dauer des russischen Angriffskrieges Spuren hinterlassen, sind diese Partien Alltag geworden. Der verweigerte Handschlag wundert keinen mehr. Es ist im Grunde der letzte übrig gebliebene Protest der ukrainischen Spielerinnen, die offensichtlich müde geworden sind, der Welt zu erklären, wie ungerecht Russlands Tyrannei ist und wie sehr ihre zerbombte Heimat leidet.

Switolina hatte bereits vor ihrem Halbfinale erklärt, warum sie sich mit Aussagen zurückhalte: „Der Krieg dauert jetzt schon seit vier Jahren an. Wir haben unzählige Male darüber gesprochen. Ja, für mich ist das Thema jetzt vom Tisch. Die Entscheidung ist gefallen. Die WTA und die ATP haben ihre Wahl getroffen.“ Sie bezog sich darauf, dass die Profis aus Russland und Belarus auf der Frauen- und der Männertour spielen dürfen und einzig in Kauf nehmen müssen, ohne Flagge hinter dem Namen anzutreten. Ihre Mission betrachtet Switolina inzwischen so: „Jetzt können wir nur noch unser Bestes geben, unser Land bestmöglich vertreten und unsere Stimmen nutzen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Hilfe zu fordern.“ Der Krieg begleitete trotzdem als Thema das Frauenturnier in Melbourne.

„Ich habe dort zurzeit keinen Strom, keine Heizung, kein Wasser. Ich dusche im Tennisklub“, sagt Olijnykowa, die wieder in Kiew lebt

Switolina und auch Marta Kostjuk, 23, ebenfalls engagierte Botschafterin der ukrainischen Tennisfraktion, mochten schweigen, dafür sandte eine Spielerin aus der zweiten Reihe über Tage kämpferische Botschaften. Vor ihrer Erstrundenniederlage gegen Titelverteidigerin Madison Keys aus den USA übte die Weltranglisten-92. Oleksandra Olijnykowa aus Kiew massive Kritik daran, dass Russinnen und Belarussinnen weiterhin mitwirken dürfen. „Ich denke, es ist sehr falsch, dass sie nicht disqualifiziert werden wie in anderen Sportarten“, sagte die 25-Jährige.

Auf ihrer Pressekonferenz trug sie ein Shirt mit der Aufschrift: „Ich brauche Ihre Hilfe, um ukrainische Frauen und Kinder zu schützen, aber ich kann hier nicht darüber sprechen.“ Laut Tennisreglement sind politische Botschaften von Profis bei Grand-Slam-Turnieren untersagt. In sozialen Medien griff Olijnykowa dann direkt Sabalenka an: „Das brutale Verhalten der Weltranglistenersten Aryna Sabalenka hat viele empört. Trotzdem tut die Belarussin, die ohne Flagge spielt, weiterhin so, als wisse sie nichts vom Krieg in der Ukraine. Sie verstehe nicht, warum ihr die ukrainischen Spielerinnen nach dem Match nicht die Hand geben. Und, wie man sagt, existiere für sie nur der Sport, alles andere sei ihr egal.“  Auch dass die russischen Spielerinnen Mirra Andrejewa und Diana Schnaider von Wladimir Putin eine Auszeichnung erhielten, prangerte Olijnykowa an. In der Folge entwickelte sich ein Hin und Her.

„Was ist nur los mit dieser Welt? Und ab welchem Zeitpunkt begannen die Menschen, kraftvolle Aufschläge und Vorhände höher zu bewerten als zerstörte Leben?“ Oleksandra Olijnykowa übt massive Kritik daran, dass Tennisprofis aus Russland und Belarus weiterhin mitwirken dürfen.
„Was ist nur los mit dieser Welt? Und ab welchem Zeitpunkt begannen die Menschen, kraftvolle Aufschläge und Vorhände höher zu bewerten als zerstörte Leben?“ Oleksandra Olijnykowa übt massive Kritik daran, dass Tennisprofis aus Russland und Belarus weiterhin mitwirken dürfen. Asanka Brendon Ratnayake/AP/dpa

In einer Pressekonferenz erwiderte Sabalenka: „Ich wünsche mir Frieden, und wenn ich etwas ändern könnte, würde ich das auf jeden Fall tun. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“ Als kurz darauf ein Werbedeal Sabalenkas mit einer italienischen Luxusmodemarke bekannt wurde, meldete sich Olijnykowa, deren Vater als Offizier an der Front im Einsatz ist, erneut: „Eine Anhängerin eines blutrünstigen Diktators wird zur Markenbotschafterin einer Topmarke. Was ist nur los mit dieser Welt? Und ab welchem Zeitpunkt begannen die Menschen, kraftvolle Aufschläge und Vorhände höher zu bewerten als zerstörte Leben?“ Konfrontiert damit, sagte Sabalenka, der vor Jahren eine gewisse Nähe zum belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko nachgesagt worden war: „Ich respektiere, dass jeder seine Meinung haben und seine Plattformen nutzen darf. Ich habe bereits deutlich gemacht, dass ich für Frieden bin. Daran hat sich nichts geändert.“

Sie und Olijnykowa dürften solche Sätze kaum näherbringen. Olijnykowas Welt sieht völlig anders aus. In Kiew, wo sie wieder lebt, seien schlimme Zustände: „Ich habe dort zurzeit keinen Strom, keine Heizung, kein Wasser. Ich dusche im Tennisklub.“ Während Sabalenka über Schmuck und Mode und ihren Auftritt in der Jimmy-Fallon-Show in Melbourne sprach, erzählte Olijnykowa, sie unterstütze ein Crowdfunding-Programm, um Geld für die Drohnenabwehr zu sammeln.

Switolina und auch Sabalenka indes verhielten sich nach ihrer Partie so professionell, wie sie es eben längst immer machen. Sabalenka, die ihr viertes Finale in Serie in Melbourne erreichte, lobte Switolinas Einsatz. Switolina lobte Sabalenkas Wucht im Spiel. Die Mutter einer dreijährigen Tochter – der französische Tennisprofi Gaël Monfils ist ihr Ehemann – reist in jedem Fall mit positiven Gefühlen ab: „Es war immer mein Traum, nach der Elternzeit zurückzukommen. Und es war mein Ziel, wieder in die Top Ten zu kommen. Das bedeutet mir die Welt“, hatte Switolina nach ihrem Viertelfinalsieg gegen die Amerikanerin Coco Gauff gesagt. Am Donnerstag verwies sie darauf, dass die Ukraine derzeit „dunkle, graue Tage mit so viel Negativität“ erlebe –„deshalb denke ich, dass Sport uns in der Ukraine wirklich als Volk vereint“.

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