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Australian Open:Per Charter nach Melbourne

January 13, 2021, Abu Dhabi, UNITED ARAB EMIRATES: Aryna Sabalenka of Belarus poses with flowers after winning the fina

Erst Rosen, dann Corona-Test und ab nach Melbourne: Die Belarussin Aryna Sabalenka gewann das erste Frauenturnier der Saison in Abu Dhabi.

(Foto: Rob Prange/Zuma Wire/Imago)

Um ihr Grand-Slam-Event nicht zu gefährden, lassen die Australian Open weltweit alle Tennisprofis einfliegen. Nach einer strengen Quarantäne soll dann tatsächlich ein normales Turnier stattfinden.

Von Gerald Kleffmann

"Es ist einfach verrückt, so etwas haben wir nie gesehen", sagte Craig Tiley jüngst im TV-Sender Tennis Channel: "Wie das logistisch aufgezogen wird, kommt einem kleinen Wunder gleich." Tiley, 59, ein Südafrikaner, seit Jahren in Melbourne zu Hause, ist Chef des Verbandes Tennis Australia sowie Turnierdirektor der Australian Open. Er hatte in den vergangenen Monaten nichts unversucht gelassen, um sein Grand-Slam-Turnier, stets das erste im Jahr, trotz Pandemie auf die Beine zu stellen. Jetzt ist es so weit. Ab Donnerstag surren seine gecharterten Flieger ins Land, knapp 20 an der Zahl, sie bringen kostbare Fracht mit: die besten Tennisprofis der Welt.

Die Australian Open, vielstrapaziert "Happy Slam" genannt, sollen vom 8. bis 21. Februar stattfinden, drei Wochen später als gewohnt. Lange waren die Zahlen neuer Corona-Fälle in Melbourne hoch, ehe die Regierung des Bundesstaates Victoria einen harten Lockdown verhängte, 16 Wochen lang. Danach sank die Quote der Infizierten massiv, phasenweise gab es keine Positiv-Fälle mehr, seit Jahresanfang sind einige wenige aufgetaucht. Für die grundsätzlich eher konservativ eingestellte Politik Australiens kein Grund, das Event, die größte jährliche Sportveranstaltung der südlichen Hemisphäre, abermals zu verschieben. "Wir setzen die strengsten Regeln ein, die es im Tennis bislang weltweit gab", so warb Lisa Neville, Polizeiministerin Victorias, im TV-Sender 9News für Vertrauen.

Ob sie funktionieren, wird die Branche ab diesem Wochenende erfahren, wenn die Profis samt Teampersonal anreisen und auf drei Quarantäne-Hotels (Grand Hyatt, Pullman Melbourne Park, View Melbourne) verteilt werden. Sie werden aus Los Angeles, Miami, Antalya (dort fand ein ATP-Turnier statt) und Singapur auf Kosten der Australian Open eingeflogen, aber auch von der arabischen Halbinsel. In Doha (Männer) und Dubai (Frauen) fanden gerade, sicherheitshalber ausgelagert, die Qualifikationsturniere statt. Je 16 Teilnehmer wurden ermittelt (kein Deutscher schaffte den Sprung, als letzte verloren Cedrik-Marcel Stebe und Dustin Brown), die nun auch in Maschinen gepackt werden (samt je sechs Lucky Loser), negativer Test vorausgesetzt.

Wie vertrackt dieses Virus und offenbar vor allem das zügige Testen in einer solch mobilen Blase nach wie vor ist, offenbarte sich im Fall von Denis Kudla in Doha. Der US-Amerikaner führte in seinem Zweitrundenmatch gegen den Marokkaner Elliot Benchetrit 6:4, 5:3, als ihm das Testergebnis verspätet überreicht wurde - positiv! Warum auch immer, er durfte das letzte Spiel bestreiten, siegte 6:4, 6:3, doch er wurde aus dem Wettbewerb gezogen. Kudla wird also nicht in einem der Flieger sitzen, die jeweils mit nur 20 Prozent der Sitzplätze ausgelastet werden (maximal 75 Personen).

Je zwei Profis müssen sich zu einer Trainingsgemeinschaft zusammenschließen

Sämtlich Einreisende müssen sich dann den Regeln des "COVID-19 Quarantine Victoria (CQV) Program" unterwerfen. Für die Tennis-Akteure bedeutet dies: Alle zwei Tage wird getestet, täglich die Temperatur gemessen, Personal geleitet sie aus dem Hotel zum Bus und vom Bus zum Trainingsplatz ("Covid Marshals") . Die Profis müssen zwar eine 14-tägige Quarantäne absolvieren, haben aber - dank Tileys Verhandlungsgeschick - die Möglichkeit, fünf Stunden pro Tag zu üben. Drei Anlagen stehen in Melbourne zu Verfügung (Melbourne Park, National Tennis Centre, Albert Reserve). Jeder Spieler darf nur von einer Person begleitet werden, zum Beispiel dem Trainer, und je zwei Profis müssen sich zu einer Trainingsgemeinschaft zusammenschließen.

In Melbourne tragen die Männer und die Frauen, nach Ablauf der Quarantäne, anschließend je zwei kleinere Turniere sowie die Männer den ATP Cup aus, den Nationenwettbewerb. Ein elitärer Kreis an Profis steuert indes nicht Melbourne an, sondern zunächst Adelaide an. In der Hauptstadt des benachbarten Bundesstaates South Australia partizipieren Größen wie Novak Djokovic, Rafael Nadal und Serena Williams an einem kleinen Schauturnier. Tiley räumte ein, dass die dortigen bis zu 50 Profis ein paar Privilegien gegenüber dem Feld in Melbourne genießen. Bei einigen weniger privilegierten Profis kommt diese separate Aktion weniger gut an, der Franzose Jeremy Chardy sprach von einer "Vorzugsbehandlung".

Bei Verstößen droht eine Strafe von 20 000 Australischen Dollar

Damit sich nicht ein Fall wie bei dem US-Profi Sam Querrey wiederholt, der im Oktober trotz positiven Befunds im Morgengrauen aus dem Spielerhotel in Sankt Petersburg geschlichen und über alle Berge geflüchtet war (mit Privatflieger), werden in den Hotels Polizisten Wache schieben. Bei Verstößen droht eine Strafe von 20 000 Australischen Dollar (12 700 Euro). Corona-positive Profis wiederum müssen ein "Health Hotel" beziehen. Bislang wurde wohl noch keine Sportveranstaltung derart flexibel der Corona-Lage angepasst wie diese Australian Open. Nicht überall stößt das Tennis-Modell auf Zuspruch, in Zeitungen wie The Australian äußerten Wissenschaftler Bedenken und verwiesen auf die Formel 1 als besseres Beispiel. Das erste Rennen der Saison, stets im März in Melbourne, wurde abgesagt.

Mehr als 40 Millionen Australische Dollar (25,4 Millionen Euro) veranschlagt Tiley für das Corona-Konzept. Offen ist noch, wie viele Zuschauer in den Melbourne Park dürfen, der britische Guardian berichtete zuletzt, 35 Prozent der üblichen Auslastung seien angestrebt. "Hoffentlich werden wir Normalität haben", sagte Tiley. Die könnte es tatsächlich geben. Nach den 14 Tagen Quarantäne können sich die Profis ja dann frei wie jeder Melburnian in der Stadt bewegen.

© SZ/hoe/ska
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