Ausrichter der Weltmeisterschaft Sepp Blatter und Wladimir Putin haben immer noch Einfluss

Im Bewerber-Dreigestirn herrscht Aufruhr, offenbar wird sogar über die Gesamtkonstruktion nachgedacht. Zu deutlich ist Kanadiern und Mexikanern die Dominanz der USA, die 60 der 80 Spiele erhalten sollen, während den Partnern nur je zehn Partien bleiben. Vor allem in Mexiko, dem dominierenden Fußballland der Hemisphäre und stolzen Allein-Ausrichter der Turniere 1970 und '86, wächst der Groll über das Ungleichgewicht. Auch zeigt dieses aller Welt, dass hier ein USA-Turnier zur Wahl steht, dem aus Imagegründen zwei Sympathieträger beigemischt wurden. Nun könnte zumindest in der Verteilungs-Frage noch umgeschichtet werden.

Kanada hat andere Sorgen. Montreals Bürgermeisterin erklärte jüngst, sie wolle der Region durch die WM kein "finanzielles Fiasko" aufhalsen. Valérie Plante wurde erst im November gewählt, ihre Skepsis nähren Schätzungen von Radio Canada, nach denen nur für die Dachrenovierung des Olympiastadions sowie für die Sicherheit bis zu einer Viertelmilliarde US-Dollar nötig seien. Montreal hat Erfahrung mit Finanzdesastern des Sports: Jahrzehntelang zahlten Kanadas Bürger per Sondersteuer eine Milliarde Dollar Schulden für die Olympischen Sommerspiele 1976 ab.

Zweifel regt sich auch in den USA. Just die Sport-Stadt Los Angeles scheut die von der Fifa geforderten Garantien im Sicherheits- und Dienstleistungsbereich. Im Februar schickten 44 Senatoren einen Brief an Trump, in dem sie zwar für die WM warben, zugleich aber ein giftiges Argument für Marokko einwebten: Die Amerika-WM würde "auf ein erfolgreiches Vermächtnis unserer drei Nationen aufbauen, die insgesamt schon 13 Fifa-Turniere ausgerichtet haben". Das klingt, als bräuchte man ein 14. Fifa-Turnier nicht unbedingt. Auch bitten die Betreiber der Initiative Trump zu mehr Diplomatie, er möge positive Zeichen in all die Wahlländer aussenden. Vorzeichen leiser Panik? Kurz zuvor hatte Gulati die Verschärfung der Vergabeverfahren für US-Visa und Arbeitsgenehmigungen gerügt: Die Fifa schreibe WM- Bewerbern das genaue Gegenteil vor.

Hinter Trumps Wahlkampfhilfe kann Marokko allerlei technische Defizite verbergen: Die Klub-WM 2013 in Agadir und Marrakesch offenbarte schon bei sieben Teilnehmern manches Organisationsproblem, was bei Fifa-Voten aber traditionell kaum eine Rolle spielt. Und echte Vorteile hat das Königreich ja auch zu bieten: attraktive Touristenziele, kurze Reisezeiten für Fans aus Europa, aber auch zwischen den WM-Städten. Und: Marokko hat dieselbe Zeitzone wie Europa; dort erlöst die Fifa das Gros ihrer TV-Einnahmen.

Die Wahl findet in Moskau statt,und auch Wladimir Putin gönntden USA den Triumph nicht

Und die Sportpolitik? Infantinos Vorgänger Sepp Blatter ist bei der Russland-WM im Sommer Wladimir Putins Ehrengast. Dort fällt die Entscheidung. Blatter, der in der Fußballwelt noch Einfluss hat, trommelt offen für Marokko. Und Putin will den Amerikanern keinen WM-Triumph in Sichtweite des Kreml bereiten. Schon, weil der in die USA geflohene Dopingkronzeuge Grigorij Rodtschenkow auch Russlands Nationalkickern schwere Betrugsvorwürfe macht. Bemerkenswert wäre ein Sieg Marokkos dennoch: Weil ja schon die WM 2022 nur ein paar muslimische Länder weiter stattfindet. In Katar.

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Sportpolitik

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In einem abgehörten Telefonat mit Barças Ex-Präsident Rosell erörtert Skandalfunktionär Teixeira eine Flucht nach Katar. Der Plan scheitert, aber: Wieso soll das Emirat einen Kriminellen schützen?   Von Thomas Kistner

Da überwiegen die Probleme, auch jenseits der allgegenwärtigen Menschenrechts-Fragen. Für das Turnier im Winter 2022 müssen überall die Spielkalender umgestellt werden. Und Katars Fußballaktivitäten haben global Ermittlungen ausgelöst, seit der WM-Vergabe 2010 ist das Korruptionsgeraune deutlich angeschwollen. Indizien für Bestechung gibt es viele. Sollten konkrete Belege folgen, müsste die Fifa reagieren: Sie ist selbst in die US-Ermittlungen nach dem Anti-Mafia-Gesetz Rico verstrickt. Dort hat sie einen wackeligen Status als "Opfer" inne, als Geschädigte von Funktionärs-Gaunereien. Wird dies in den Täter-Status geändert, wäre sie erledigt: Die mutmaßliche Geldstrafe allein könnte ihre Rücklagen übersteigen. Das muss sie verhindern. Um jeden Preis.

Geriete Katar also in handfesten Korruptionsverdacht, käme die Fifa kaum umhin, eine Neuvergabe der WM zu verfügen. Nachrücker wäre dann wohl ausgerechnet das Land, das 2010 eine krachende Wahlblamage gegen das Emirat erlebt hatte: die USA. Das wäre für Katar desaströs, würde im Fußball aber viele Probleme lösen.