Augsburg und Nürnberg spielen 2:2 Zusammengereimte G'schichtn

Alexander Fuchs (2.v.r.) freut sich über seinen Anschlusstreffer für Nürnberg zum 1:1.

(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Der 1. FC Nürnberg beweist beim Unentschieden in Augsburg Moral, gleicht zweimal einen Rückstand aus und deutet an, dass man den Aufsteiger nach zuletzt hohen Niederlagen keinesfalls abschreiben sollte.

Von Sebastian Fischer, Augsburg

Die erste Halbzeit war fast vorbei, da begannen zwei Männer in Daunenjacken im Augsburger Stadion, sich aus ein paar Metern sicherer Entfernung anzuschreien. Was willst du denn?, schien Manuel Baum zu rufen, und hob seinen Arm für eine wegwerfende Geste in die Luft. Ja, und was willst du?, schien Michael Köllner zu antworten. Sie brüllten noch, als das Spiel längst weiterlief, obwohl es nur um einen bedeutungslosen Zweikampf im Mittelfeld ging. Aber die Trainer vom FC Augsburg und dem 1. FC Nürnberg waren offensichtlich beide gleich aufgeregt. Und vielleicht war es das, was der Nürnberger Trainer Köllner meinte, als er die mutige Aussage getroffen hatte, er erwarte ein bayerisches Derby "auf Augenhöhe". So unwahrscheinlich das vor der Begegnung zu sein schien - er sollte recht behalten.

Köllner sprach später in der Pressekonferenz von einer "Riesenmoral" und einer "Riesensteigerung". Neben ihm saß Baum und sagte, er sei "natürlich nicht zufrieden". Nürnberg hatte zweimal einen Rückstand aufgeholt, 2:2 in Augsburg gespielt und zumindest die leise Frage aufgeworfen, ob es sich bei diesem Aufsteiger, dessen Konkurrenzfähigkeit in der ersten Liga nach 0:7- und 0:6-Niederlagen gegen Dortmund und Leipzig vor ein paar Wochen schon ein paar Menschen anzweifelten, vielleicht doch um einen Bewerber um Rang zwei unter den bayerischen Fußballklubs handeln könnte.

Augsburg ist in der ersten Halbzeit überlegen - führt allerdings nur 1:0

"Ich finde es wichtig, dass wir unterstreichen, dass wir hinter dem FC Bayern München auch die Nummer zwei in Bayern bleiben wollen", hatte Baum vor dem Spiel gesagt, und zunächst sah es so aus, als würde genau das geschehen. Gleich die erste gelungene Augsburger Kombination führte nach elf Minuten zum 1:0. Jonathan Schmid führte den Ball auf der rechten Seite, spielte ihn zu Jeffrey Gouweleeuw, bekam ihn auf dem Weg zur Grundlinie zurück und passte scharf vors Tor, wo Alfred Finnbogason traf. Der beste Augsburger Stürmer stand dort ganz allein.

Köllners Vorhaben war es gewesen, Augsburg "ständig unter Stress" zu setzen, er wählte dafür gegen den Ball ein 4-4-2-System, das in Ballbesitz zu einem 4-2-3-1 wurde. Es werde ein physisch forderndes Spiel werden, hatte er geahnt, schließlich hatten beide Teams unter der Woche jeweils 120 Minuten gebraucht, um im DFB-Pokal eine Runde weiter zu kommen, Augsburg schlug Mainz nach Verlängerung, Nürnberg Rostock gar erst im Elfmeterschießen. Doch stressig wurde es zunächst für Augsburg nur gelegentlich, wenn Nürnbergs Flügelstürmer Virgil Misidjan an den Ball kam und auf gut Glück loslief. Wie überlegen Augsburg in der ersten Halbzeit war, zeigte sich beispielhaft am Auftritt von Gouweleeuw. Der Niederländer leitete nicht nur das Führungstor ein, er war ständig am gegnerischen Strafraum zu finden - und Gouweleeuw ist Innenverteidiger. Augsburg hätte zehn Minuten vor der Halbzeit mit 2:0 führen müssen, als Finnbogason nach einer Ecke von Max einen Kopfball über das Tor setzte, wieder freistehend.

Nürnbergs Torwart Christian Mathenia berichtete hinterher von einer lauten Kabinenansprache Köllners, der Trainer habe "Klartext" gesprochen, sagte er. Dann habe die Mannschaft ihr "ganz anderes Gesicht gezeigt". Augsburgs Verteidiger Martin Hinteregger sagte: "Der Club hat uns nie in Ruhe gelassen." Mathenia sagte: "Das hat was mit Teamgeist zu tun." Und das war die Erklärung der zweiten Halbzeit.

Tatsächlich waren die individuellen Qualitätsunterschiede nach der Pause ja nicht einfach weg, sondern immer noch sichtbar, und so wird es Nürnberg auch in den verbleibenden 24 Spielen gehen. Doch am Ende hatten die Gäste 58 Prozent ihrer Zweikämpfe gewonnen, Augsburg nur 42 Prozent. Nürnberg griff Augsburg früher an, verteidigte mutiger und hatte Glück, dass Augsburg nachlässig wurde. Nach 54 Minuten scheiterte Finnbogason mit einem Kopfball am Pfosten, im Gegenangriff lief Misidjan den Augsburgern davon, und am Ende des Konters, den der FCA dilettantisch verteidigte, traf Alexander Fuchs zum Ausgleich. Augsburgs Schmid zirkelte zwar vier Minuten später einem schönen Freistoß zum 2:1 ins Kreuzeck, doch Nürnberg war nun besser. Und in der 88. Minute erzielte Lukas Mühl mit einem Kopfball nach einer Ecke den Ausgleich. Am Spielfeldrand lief ein Mann in Daunenjacke die Linie entlang und wusste gar nicht, wohin mit seiner ganzen Freude.

Wer am Samstagabend noch daran zweifelte, wer der Sieger bei diesem 2:2 im bayerischen Derby war, der musste dem Trainer Köllner, 48, aus der 1500-Einwohner Gemeinde Fuchsmühl in der Oberpfalz nur dabei zuhören, als er darüber sprach, wie seine Spieler namens Fuchs und Mühl mit ihren Toren das Ergebnis herbeigeführt hatten. Er grinste und sagte: "Des san G'schichten, die kann man sich eigentlich gar ned so zusammenreimen."