Auftakt der Biathlon-Saison Die Nummer eins am Gewehr

Simon Schempp: Einen Sprung nach vorne machen will Simon Schempp in diesem Winter - doch dieses Projekt musste er zunächst vertagen: Eine Nasennebenhöhlenentzündung verhinderte einen Start in Östersund. In den Rennen danach erfüllte er seine Ankündigung - der 29. der vergangenen Saison wurde in seinem ersten Rennen des Winters Achter, in der Verfolgung holte er noch zwei Plätze auf, die Olympia-Norm war geschafft. In der Staffel avancierte Schempp auch wegen seiner Souveränität am Schießstand zum vertrauenswürdigen Schlussläufer, musste aber in Annecy erkennen, dass er läuferisch bezwingbar ist.

Auf Rang eins liegend übernahm er von Arnd Peiffer, der Russe Anton Shipulin lag da noch 25 Sekunden zurück. Schempp musste einmal nachladen am Schießstand und ging mit Schipulin in die letzte Runde - im Schlussspurt unterlag der 25-Jährige. "Er hat auf der letzten Runde immer mal wieder angerissen und das Tempo hochgehalten", sagte Schempp, "er ist einfach ein sehr starker Spurter. Leider hat es nicht gereicht." Kein Grund zum Verzweifeln für Schempp: Der Rückstand betrug nur 0,3 Sekunden. Aktuell liegt der Deutsche auf Rang elf im Weltcup, mit einer Station weniger als die meisten Konkurrenten. Sieht definitiv nach einem Leistungssprung aus.

Florian Graf: In den vergangenen Jahren hatte sich Graf an die Top-20-Athleten herangepirscht. Nach dem diesjährigen Saisonstart ist er allerdings vom Talent zum Sorgenkind mutiert. In der Mixed-Staffel in Östersund übernahm er auf Position drei liegend als Schlussläufer, musste dann aber nach sechs Nachladern fünf Strafrunden absolvieren - und kam als Siebter ins Ziel. "Das war scheiße und hätte einfach nicht passieren dürfen", ärgerte sich der 25-Jährige. Auch danach blieben die schwarzen Scheiben viel zu oft stehen. In Oberhof wird Graf nicht starten, das weiß er schon jetzt. "Man setzt sich selbst gewisse Ziele, immer ausgehend davon, was man im Training bringt", sagt Graf, "an diesen Zielen bin ich leider in den ersten drei Weltcups vorbeigeschrammt". Und das nicht einmal knapp. Ein minimaler Trost: Mit einem zwölften Platz in Hochfilzen hat er zumindest die halbe Olympia-Quali geschafft. Bis zum Nominierungsschluss am 23. Januar dürfte es dennoch eng werden.

Daniel Böhm: Der 27-Jährige gehört zu den Pendlern im deutschen Team. Mal wird er für den Weltcup nominiert, mal muss er zugunsten anderer Athleten pausieren - was nicht bedeutet, dass Böhm dann die Füße hochlegt. Er geht ab und an im unterklassigen IBU-Cup an den Start. Vier Wettbewerbe hat er dort in diesem Winter schon absolviert und sich die Weihnachtspause gründlich verdient. Im ersten Weltcup-Rennen in Östersund lief er auf Rang fünf und sicherte sich die Olympia-Norm. Mit einer Trefferquote von 97 Prozent (68 von 70 Schüsse verwandelt) ist er die Nummer eins am Gewehr - der gesamten Weltcupkonkurrenz. In vier absolvierten Einzelrennen kam er stets unter die besten 15. Böhm ist ein Toparbeiter mit Topresultaten - auch wenn er manchmal pendeln muss.

Christoph Stephan: Für Christoph Stephan wird das neue Jahr höchstwahrscheinlich mit einem Heimspiel in Oberhof starten. Der 27-Jährige ist eigentlich der Pendel-Kumpane von Daniel Böhm, könnte nun aber vor allem vom schwachen Saisonstart von Florian Graf profitieren. "Seit drei Jahren kämpfe ich, um wieder ins Team zu kommen. Zwischendurch habe ich fast den Kopf hängen lassen", sagt Stephan, der 2009 WM-Silber im Einzel gewann, danach aber - auch wegen gesundheitlicher Probleme - wieder aus der Weltspitze rückte. In diesem Winter musste nur in Hochfilzen pausieren. Mit Nervosität und vier Fehlern startete er beim Einzel in Östersund, mit Rang sieben in der Verfolgung in Annecy schaffte er die Olympia-Norm. Stephan wird es den Bundestrainern nicht leicht machen, was die Nominierung für Sotschi angeht. Dass mit Benedikt Doll auch noch ein Anwärter aus dem IBU-Cup auf seine Chance wartet, erhöht hingegen auch den Druck auf Stephan.

Die Konkurrenz: Vielleicht war es ein taktisches Manöver von Martin Fourcade: Beim ersten Auftritt in Östersund ließ der Franzose untypischerweise drei Scheiben stehen und vermasselte damit seinem Team den Sieg. Sollte der Dominator der letzten Jahre tatsächlich zu schlagen sein? Fourcade rückte schnell die Verhältnisse zurecht, drei Siege holte er schon in den Einzelrennen, stand in fünf der sechs Wettbewerbe auf dem Podest. So stabil ist keiner der Konkurrenten. Nur der Norweger Johannes Thingnes Boe meldete mit zwei Siegen zum Jahresende noch ernsthafte Ambitionen an, Fourcade auf die Pelle zu rücken.