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Aufstiegsspiele zur 3. Liga:Goldenes Landei

Regionalliga Bayern Ligapokal; 1. FC Schweinfurt 05 - TSV Aubstadt; 05.06.2021 Thomas Haas ( 3, 1. FC Schweinfurt 05), R

"Das erste Jahr bei Türkgücü hat echt Spaß gemacht, im zweiten Jahr war es dann nicht so optimal": In Schweinfurt hat Thomas Haas ein familiäreres Umfeld gefunden.

(Foto: Julien Christ/Beautiful Sports/Imago)

Thomas Haas könnte zum ersten Spieler überhaupt werden, der innerhalb einer Saison mit zwei verschiedenen Vereinen aus derselben Liga einen Aufstieg feiert. Der Verteidiger muss nur noch mit Schweinfurt seine Relegationsspiele gegen Havelse gewinnen.

Von Christoph Leischwitz

Schwer zu sagen, ob Thomas Haas am Nachmittag des 19. Juni einzigartig sein wird, er selbst weiß es auch nicht, aber es ist gut möglich. Wenn alles gut geht für den FC Schweinfurt, dann wäre der 23-jährige Verteidiger vielleicht der erste Spieler überhaupt, der innerhalb einer Saison mit zwei verschiedenen Vereinen aus derselben Liga einen Aufstieg feiert. Dazu müssen die Schnüdel nur noch die Aufstiegsspiele gegen den TSV Havelse für sich entscheiden, das Hinspiel steht an diesem Samstag an (13 Uhr, Willy-Sachs-Stadion), eine Woche später folgt dann das Rückspiel in Niedersachsen. Vor einem Jahr spielte Haas noch für Türkgücü München, der Verein wurde als Tabellenführer dem DFB als Aufsteiger gemeldet. Haas feierte mit, wenngleich die Sektkorken damals eher virtuell knallten.

Seine neue Mannschaft lernte er im vergangenen Februar natürlich auch erst einmal nur virtuell kennen, während des Trainings-Lockdowns. Der Rechtsverteidiger Haas wirkte tatkräftig mit, dass die Schweinfurter die Playoffs zur Meisterschaft so souverän bestritten. Der Sportliche Leiter Robert Hettich hatte nie Bedenken, dass sich der Bursche aus Niederbayern schwertun würde mit der Integration. Er kannte ihn schon. Hettich war zuvor Geschäftsführer bei Türkgücü. Ihm könnte also als Funktionär dasselbe Kunststück gelingen wie Haas als Spieler, wenngleich Hettich zum Zeitpunkt des offiziellen Aufstiegs keinen laufenden Vertrag mehr hatte. "Er tut einfach alles für die Mannschaft", schwärmt der 46-Jährige über den zum zweiten Mal Eingekauften, "er ist ein wahnsinnig guter Typ. Und er hat auch sofort Leistung gebracht."

Buche, Birke, Gräser: Haas reagiert auch auf die Pollen jener Bäume, die im Willy-Sachs-Stadion nah am Spielfeld stehen, allergisch

Das einzige, was Haas in Schweinfurt zurzeit stört, das sind die Pollen. Gerade erst in dieser Woche hat ein Arzt endgültig festgestellt, worauf Haas alles allergisch ist, Buche, Birke, Gräser. Leider also auch auf die Pollen jener Bäume, die im Willy-Sachs-Stadion nah am Spielfeld stehen. "Während des Spiels merke ich das nicht, davor und danach ist es aber schon unangenehm", sagt er. Das wirkt erst einmal überraschend, schließlich ist Haas ein Landei aus Viechtach. Einer, den es bisher nur einmal aus Bayern herausgetrieben hat, zu Vaasan Palloseura nach Finnland. "Keine Ahnung, wie die damals auf mich gekommen sind", sagt er heute lachend. Nach einer Woche Probetraining im Mai 2017 unterschrieb er gleich einen Dreijahresvertrag, dann bekam er aber schnell Heimweh und außerdem eine Schambeinentzündung - möglicherweise auch eine Art allergische Reaktion. Auf finnischen Kunstrasen.

Seinen nächsten Verein fand Haas, weil er eben schon jetzt nicht nur an seine Karriere denkt. Zurück in der Heimat machte er den B-Trainerschein in der Sportschule Oberhaching. Ein Mitabsolvent war Markus Mattes, Trainer des Regionalligisten VfB Eichstätt. "Eher so im Spaß hat er dann gesagt: Komm halt nach Eichstätt." Das passte Haas gut in den Kram, denn er fühlte sich nach dem Abitur intellektuell nicht ausgelastet, schrieb sich in Ingolstadt für den Studiengang Wirtschaftsingenieur ein - und mit dem VfB wurde er Zweiter und trug fortan den Titel "Bayerischer Amateurmeister". Kein Wunder, dass der Leistungsträger sofort zu einem ambitionierten Profiklub wechselte.

"Das erste Jahr bei Türkgücü hat echt Spaß gemacht", erzählt Haas, "im zweiten Jahr war es dann nicht so optimal." Er gehörte zu jenen Spielern, die von Türkgücü gebeten wurden, einer Gehaltskürzung zuzustimmen, verbunden mit der Nachricht, dass man sonst vielleicht den Aufstieg nicht stemmen könne. Ein paar Monate später war alles anders. "Plötzlich hieß es: Wir rechnen nicht mehr mit dir. Ich habe dann trotzdem noch versucht, mich durchzusetzen." Doch er saß in der dritten Liga nur ein paarmal auf der Bank und kam nie zum Einsatz. Im vergangenen Januar wurde sein Vertrag aufgelöst. Dazu, dass damals in der Pressemitteilung stand, er habe sich wegen einer Verletzung nicht mehr herankämpfen können, möchte er lieber nichts sagen. Die Chance, Drittligaspieler zu sein, die "wurde mir ein bisschen genommen. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen." Also: zweiter Versuch.

Haas ist begeistert von Schweinfurts Fans: "Die haben uns angefeuert, obwohl sie gar nichts gesehen haben. Wahnsinn."

Mit Schweinfurt ist er noch nicht aufgestiegen, aber schon jetzt froh, dort zu sein. Haas redet von der familiären Atmosphäre im Klub genauso begeistert wie darüber, bald wieder seinen alten Kumpels vom 1. FC Viechtach beim Kicken zuschauen zu können. Außerdem ist er ja mit Schweinfurt schon Meister, inklusive einer überhaupt nicht virtuellen Feier: Als die Schnüdel im Playoff-Auswärtsspiel in Bayreuth 4:0 gewannen, liefen die Spieler sofort nach Schlusspfiff rüber zum Eingangstor, wo die mitgereisten Fans standen. "Die haben uns angefeuert, obwohl sie gar nichts gesehen haben. Wahnsinn."

Trainer Tobias Strobl lässt gerne auch einmal in einem 3-5-2-System spielen, das passt Haas ganz gut, denn dann kann er zusätzliche Aufgaben im rechten Mittelfeld übernehmen. Als Kind spielte er meist als Flügelstürmer. Das hörte eigentlich erst in der U17 bei 1860 München auf. Sein damaliger Trainer Günther Gorenzel meinte, auf der Position habe man viele gute Spieler, aber es wäre doch blöd, so einen wie Haas auf die Bank zu setzen, also spielte der eben rechts hinten. Und kann mittlerweile auch links spielen.

Corona, sagt Haas, sei für ihn ein bisschen auch ein Glücksfall gewesen. Weil in der Uni keine Anwesenheitspflicht bestand, konnte er nach Schweinfurt ziehen. Jetzt fehlen nur noch zwei Prüfungen und die Bachelor-Arbeit. Es ist also wie im Fußball: Noch zwei Spiele. Und wenn er die besteht, wartet die echte Berufswelt.

© SZ/sewi
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