Formel 1„Ich habe dem Menschen den Vorzug vor der Maschine gegeben“

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„Ich sauge den Druck auf, drehe ihn zu etwas Positivem um und kann ihn dadurch als Energie nutzen“: Sauber-Teamchef Jonathan Wheatley, 58.
„Ich sauge den Druck auf, drehe ihn zu etwas Positivem um und kann ihn dadurch als Energie nutzen“: Sauber-Teamchef Jonathan Wheatley, 58. (Foto: Matthias Trinkl/Gepa pictures/Imago)

Jonathan Wheatley hat Sauber in der Formel 1 auf Kurs gebracht – und steht als Teamchef für die Aufbruchstimmung im künftigen Audi-Rennstall. Ein Mann für die Rennstrecke, zu dessen wichtigsten Werkzeugen Papier und Tinte gehören.

Von Elmar Brümmer, Budapest

Wie es um das Teamwork im heutigen Sauber- und künftigen Audi-Werksrennstall in der Formel 1 steht, lässt sich an einer Tür in der Chefetage der Rennfabrik ablesen. Sie verbindet in Hinwil in der Schweiz die Büros von Mattia Binotto und Jonathan Wheatley – und damit der beiden Alphatiere. Binotto ist seit vergangenem Herbst der CEO des Projekts, Wheatley seit dem 1. April Teamchef. „Die Tür“, sagt Wheatley, „ist häufiger offen als geschlossen. Häufig lehnt einer von uns im Türrahmen und spielt dem anderen eine Idee zu.“

Eine Zustandsbeschreibung, die hoffen lässt. Es wäre wohl nicht gut fürs Betriebsklima, wenn zwei der erfahrensten Formel-1-Manager, die über Jahrzehnte Konkurrenten waren, weiter die alten Rivalitäten pflegen würden. Weshalb es auf eine klare Arbeitsteilung ankommt. „Er kümmert sich darum, die Rennfabrik in Hinwil und die Motorenfabrik in Neuburg zu koordinieren, ich mich um alles, was das Auto, das Team und die Rennen betrifft“, sagt Wheatley und gibt zu: „Manchmal ziehen wir uns gegenseitig auf, wer von uns beiden schon mehr Titel gewonnen hat.“ Der Brite, der von Red Bull Racing kommt, ist mit zehn Gesamtsiegen bei den Fahrern und acht in der Konstrukteurswertung dem ehemaligen Ferrari-Mann Binotto mit acht respektive sechs Titeln überlegen. Zwei, die sich immer noch etwas beweisen wollen, machen mit ihrer Champion-Mentalität nun also gemeinsame Sache.

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„Die Formel 1 ist eine Reise. In diesem Geschäft trifft man sich immer wieder, auch in überraschenden Konstellationen“, weiß Jonathan Wheatley. Er ist ganz froh, dass Kollege Binotto ihm die klassischen Konzerntätigkeiten abnimmt; die ganz hohen Bosse sitzen ja nun in Ingolstadt. Der 58-jährige Wheatley hingegen ist ein Mann für die Rennstrecke. „Irgendwann in meiner Karriere stand ich vor der Entscheidung, ob ich Chefingenieur oder Sportdirektor werden wollte“, sagt Wheatley, „ich habe dem Menschen den Vorzug vor der Maschine gegeben. Ich liebe Autos, aber in der Formel 1 fasziniert mich am meisten das Teamwork.“ Natürlich weiß er um die ehrgeizigen Ziele des neuen Rennstalls: Audi hat den Traditionsbetrieb Sauber ja nicht übernommen, um weiter im hinteren Teil des Feldes zu fahren. Aber was den Druck eines Konzerns angehe, so begleite ihn dieser schon mindestens 20 Jahre lang: „Ich glaube sogar, dass ich den in gewisser Weise brauche. Ich sauge den Druck auf, drehe ihn zu etwas Positivem um und kann ihn dadurch als Energie nutzen.“

Entsprechend energetisch wirkt er auch nach seiner Beförderung. Bei Red Bull schien Teamchef Christian Horner bis vor drei Wochen fest im Sattel zu sitzen, weshalb Wheatley nach neuen Herausforderungen suchte: „Ich verfolge gern andere Philosophien und will meine eigene Version von Teamchef sein.“ Genau das, was Audi gerade suchte. Ein Neuanfang auf dem Kontinent. Der Schweizer Sauber-Rennstall hatte immer damit kokettiert, der Exot in einem von Briten dominierten Sport zu sein. Jonathan Wheatley näherte sich seiner neuen Arbeitsstelle ganz bewusst entschleunigt. Er setzte sich hinter das Steuer seines historischen Porsche, packte Hündin Lola auf den Beifahrersitz und fuhr die ganze Strecke von Mittelengland bis in die Alpen. Samt festgefrorenem Scheibenwischer, einem leeren Tank und schließlich einem in der Sonne glänzenden Zürichsee vor sich. Mit einem Blick wurde klar: Er war angekommen.

Das gilt vor dem Großen Preis von Ungarn an diesem Wochenende auch auf der Rennstrecke. Seit fünf Rennen punktet das ehemalige Schlusslicht Sauber, feierte mit Nico Hülkenberg in Silverstone den ersten Podiumsplatz seit 2012. Sie spüren jetzt, dass da was geht, vor dem Reglementneuschnitt in der kommenden Saison.

2021 verhalf er Max Verstappen in der letzten Runde des Saisonfinals zum Titel – der Coup zaubert ihm immer noch ein Lächeln ins Gesicht

Wheatley würde nie behaupten, dass das allein an ihm liege. Er weiß natürlich, dass die grundlegenden Änderungen bei der Aerodynamik des Rennwagens den Aufwärtstrend beflügelt habe. Aber er sieht sich durch die Resultate auch in seinen Analysen bestätigt, die in seinen Masterplan münden: Jonathan Wheatley, der vom jungen Mechaniker 1991 bei Benetton zu einem der einflussreichsten Männer in der Formel 1 gereift ist, ist ein Vordenker. Als Stratege am Kommandostand hat er gelernt, alle Variablen vorab wieder und wieder durchzuspielen, um im richtigen Moment die richtige Variante parat zu haben. Papier und Tinte gehören zu den wichtigsten Werkzeugen, aus Beobachtungen werden Notizen, aus Notizen Ideen, aus Ideen Strategien. So hat er im dramatischen Saisonfinale 2021 mit seiner Intervention beim Rennleiter dafür gesorgt, dass Max Verstappen in der letzten Runde Lewis Hamilton noch den Titel wegschnappen konnte. Der Coup zaubert Wheatley heute noch ein leises Lächeln ins Gesicht.

Genauso gern gibt er den Regisseur bei der Choreografie der Boxenstopps: „Das ist für mich die Manifestation eines erfolgreichen Teamgeistes.“ Wheatley ist ein Mann, der auf jedes Detail fixiert ist, der einzelne Stärken und Schwächen erkennt, seine Leute dementsprechend positioniert: „Es sind auch die kleinen Fortschritte, die Änderungen hinter den Kulissen, die sich auszahlen.“ In den zurückliegenden Wochen haben es gleich zwei Sauber-Stopps in die Top Ten der Saison geschafft, in Barcelona wurde die eigene Bestmarke für den Wechsel von vier Reifen auf 2,13 Sekunden gedrückt. Das ist das Niveau von Ferrari und McLaren, und damit ein guter Indikator dafür, wo der Rennstall ganz generell hin will. „Meine ersten Monate im Team waren sehr intensiv, aber ich habe jede Sekunde genossen: die neuen Herausforderungen, aber auch die Atmosphäre im Team zu spüren. Die jüngsten Ergebnisse lassen alles noch intensiver wirken.“

Natürlich ist Jonathan Wheatley viel zu clever, um ein Datum zu benennen, das er für seinen ersten Sieg ins Auge gefasst hat. Aber um den Titel zu fahren, dafür dürfte ihm Audi nach dem drastischen Reglementeinschnitt 2026 maximal drei Jahre Zeit geben. Ein bisschen ähnelt die Situation der Aufbruchstimmung, die damals bei Red Bull Racing herrschte. Das alteingesessene Schweizer Team ist rasant gewachsen und hat sich drastisch verjüngt. „Ich habe sofort den Appetit gespürt, besser zu werden, mehr zu erreichen“, sagt Wheatley, „das macht unseren Weg einfacher, obwohl es kein einfacher Weg sein wird.“

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