Süddeutsche Zeitung

Atlético-Pleite in der Champions League:Fünf Finger, ein Vorwurf

Bei Atlético Madrid sitzt der Frust über das verlorene Champions-League-Endspiel gegen Real tief. Hätte der Schiedsrichter nicht so lange nachspielen lassen, stünde die Trophäe jetzt im Madrider Süden. Der Spielverlauf erinnert den Klub an Katsche Schwarzenbeck vor 40 Jahren.

Von Claudio Catuogno, Lissabon

Fünf Finger hat die Hand des Menschen, fünf Finger hielt Diego Simeone dem Schiedsrichter vor die Augen. Fünf Finger für fünf Minuten Nachspielzeit.

Fünf Minuten sind nicht viel, wenn man davor 40 Jahre auf so ein Endspiel warten musste wie der Club Atlético de Madrid: seit 1974, seit dem Landesmeister-Finale gegen den FC Bayern. Fünf Minuten können aber auch eine Ewigkeit sein. Deshalb war jetzt jeder Finger ein Vorwurf, und dazu machte der Trainer Simeone, 44, noch ein Gesicht, gegen das selbst die furchterregendste Seitenlinien-Fratze von Jürgen Klopp wie ein sanftmütiges Lächeln anmutet.

Der Referee Björn Kuipers, der diese fünf Minuten Nachspielzeit gerade verfügt hatte im Estádio da Luz, ließ den Wutanfall ungerührt über sich hinwegrauschen. Womöglich dachte er: Wer mir fünf Finger zeigt, kann die Hand wenigstens nicht zur Faust ballen.

Aber Diego Simeone ist eben so, und seine Elf ist es auch: emotional bis an die Schmerzgrenze. Wenn man es mal sehr bündig zusammenfasst, hat genau diese Eigenschaft Atlético erst hierher gebracht, ins Champions-League-Finale gegen Real.

Emotionalität ist oft eine Gratwanderung, wie ja der gesamte Verein aus Madrids ärmerem Süden eine Gratwanderung ist. Der sympathische Gegenentwurf zum Real-Protz aus Madrids Norden, so sieht und vermarktet man sich, der Graswurzelklub mit den wahren Werten. Wie das dazu passt, dass man sich mit Autokraten-Geld aus Aserbaidschan aufpimpen lässt, ist eine andere Frage.

Der exakte Verlauf der Schmerzgrenze ist halt bisweilen Ansichtssache - und dass ein Trainer noch vor dem Abpfiff auf dem Platz fast eine Schlägerei anzettelt, weil er eine "hässliche Provokation" eines Gegenspielers per Selbstjustiz zu ahnden gedenkt, passiert auch nicht alle Tage. Diesmal schickte der Referee Kuipers den Trainer Simeone auf die Tribüne - und pfiff dann ab. Auch für diesen Aussetzer hat sich Diego Simeone später entschuldigt.

Gemessen an dem Furor, den der dramatische Spielverlauf in ihm erzeugt hatte, hat Simeone hinterher aber bemerkenswert schnell wieder die Rolle der moralischen Vaterfigur eingenommen. Ja, Atlético hatte verloren - erst Sergio Ramos aus den Augen in der dritten Minute der fünfminütigen Nachspielzeit, dann den Glauben, dann die Kraft, dann das Spiel, 1:4.

Aber nicht die Haltung! Das war Simeone jetzt wichtig. "Dieser Abend hat uns größer gemacht", sagte er. Deshalb sollten die Fans, die sich nun auf die Rückreise nach Madrid machten, bitte "nicht eine Sekunde verschwenden mit Traurigkeit". Ob fünf Minuten Nachspielzeit nicht trotzdem zu viel waren? "Ach, ich weiß es nicht."

Nachfrage: Wie sehr hat er sich über die fünf Minuten geärgert? "Hab' ich doch grad schon beantwortet." Gibt es nicht wichtigeres? "Klar, Gewinnen ist das Wichtigste im Fußball - aber die Unterstützung, die wir erfahren haben, zeigt uns: Es ist nicht alles." Im Presseraum des Estádio da Luz klatschten die spanischen Journalisten Diego Simeone jetzt Beifall. Als Carlo Ancelotti kurz vorher hier war, hat niemand applaudiert.

Real musste einfach gewinnen, Ancelotti hat quasi einen Job zu Ende gebracht. Atlético konnte nur gewinnen - und die Truppe des argentinischen Trainers Simeone hat mit Spaniens Meistertitel ohnehin schon mehr erreicht, als jeder erwartet hatte. Das war die Ausgangslage gewesen. Seine Saisonbilanz? "Neuneinhalb von zehn Punkten", sagte Simeone, und es klang noch nicht mal trotzig.

"Er ist Gott für uns"

Sicher, mit ein bisschen Überhöhung wäre das Double für Atlético die hübsche Geschichte von der Revanche des kleinen Mannes in der Krise gewesen, die Geschichte vom Willen, der alles kann. Zum Beispiel, sich über die Macht des Kapitals erheben, das im Fußball kaum ein Klub so idealtypisch verkörpert wie Real Madrid. Simeone hat seinen Männern diesen Willen sehr tief eingetrichtert, wie tief, das hat sein Mittelfeldspieler Tiago in Lissabon so formuliert: "Er ist Gott für uns, er hat hier alles verändert. Wenn er sagt: Springt von der Brücke, springen wir von der Brücke."

Diego Costa spielte trotz Faserriss. Nur neun Minuten lang

Mit dieser Selbstgewissheit waren sie ins Spiel gegangen, flink mit Ball und Gedanken, garstig und kompromisslos beim frühen Anlaufen des Gegners. Manchmal sah es so aus, als spiele hier die Maus mit der Katze ein Spiel namens "Maus und Katz" und nicht umgekehrt.

Aber nach 93 Minuten und Ramos' Ausgleich war zunächst der Glaube weg, und als Marcelo in der 118. Minute von Cristiano Ronaldo den Ball in den Fuß gespielt bekam, konnte kein Atlético-Spieler auch nur noch einen entschlossenen Schritt machen, um die Verfolgung aufzunehmen. Marcelo marschierte wie ein Westernheld durch eine Kulisse aus Pappindianern zum 3:1.

Vielleicht hätte Simeone sich nicht auf das Wagnis mit Diego Costa einlassen sollen. Der beste Atlético-Stürmer spielte trotz Muskelfaserriss, schon nach neun Minuten musste er vom Feld. "Mein Fehler", sagte Simeone. Oder mal angenommen, Atlético hätte die Meisterschaft schon am vorletzten Spieltag klargemacht - dann hätten sich Costa und der fürs Kollektiv ebenfalls wichtige Arda Turan nicht im letzten Spiel gegen Barcelona verletzt . . .

Hätte, wäre, könnte. Es hilft nichts, Simeone weiß das. Alle bei Atlético wissen das. Hätte Katsche Schwarzenbeck im 1974er-Finale nicht in der letzten Minute den Ausgleich für die Bayern erzielt und ein Wiederholungsspiel erzwungen, das die Bayern 4:0 gewannen, wäre vielleicht auch der FC Bayern heute ein anderer Klub.

Da kann Diego Simeone noch so oft betonen, dass dieses Spiel "uns größer gemacht hat". Er ahnt wohl noch gar nicht, wie viel größer er Atlético gemacht hätte, wenn das Spiel mit dem runden Ball wirklich nur 90 und nicht 95 Minuten dauern würde.

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SZ vom 26.05.2014/jbe
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